Werkbundsiedlung


Die Werkbundsiedlung am Eröffnungstag, 4. Juni 1932; Foto: Albert Hilscher
© Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv und Grafiksammlung

Die Wiener Werkbundsiedlung wurde im Sommer 1932 in Lainz eröffnet und konnte acht Wochen lang besichtigt werden konnte.
Mehr als 100.000 Besucherinnen und Besucher kamen zur „größten Bauausstellung Europas“ (so ein zeitgenössischer Kommentar), die als Manifest des Neuen Wohnens gedacht war: Sie sollte vor Augen führen, wie ein besseres Leben aus dem Geist der Moderne aussehen könnte. Es ging nicht nur um gestalterische und ästhetische Neuerungen, sondern um die soziale Utopie eines glücklichen Lebens im Reihen- bzw. Einfamilienhaus mit kleinem Garten im Siedlungsverband. Damit war die Werkbundsiedlung ein Statement gegen das Wohnbauprogramm des „Roten Wien“ mit seinen „Superblocks“ in der Art des Karl-Marx-Hofes.

Modernes Wohnen aus Wiener Perspektive


Blick auf die Häuser 17 bis 24 von Karl Augustinus Bieber / Otto Niedermoser, Walter Loos, Eugen Wachberger und Clemens Holzmeister; links im Bild das Kaffeehaus, 1932
Foto: Martin Gerlach jun.; © Wien Museum

Initiator und Namensgeber der Werkbundsiedlung war der 1912 nach deutschem Vorbild gegründete Österreichische Werkbund. Sein Ziel war es, zeitgemäße Gestaltung in der Warenproduktion durchzusetzen, was durch das Zusammenspiel von Architektur, Kunsthandwerk und Industrie erreicht werden sollte. Die Projektleitung übernahm Josef Frank, maßgeblicher Vertreter der gemäßigten Wiener Architektur der Zwischenkriegszeit.


Entwurf zum Ausstellungsplakat für die Werkbundsiedlung, 1932; Joseph Binder © MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst, Wien

Ausstellungsplakat für die Werkbundsiedlung, 1932
Entwurf: Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum
© Universität für angewandte Kunst, Kunstsammlung und Archiv, Wien

Die Wiener Werkbundsiedlung war – wie die bahnbrechende Stuttgarter Weißenhofsiedlung von 1927 – eine internationale Leistungsschau, an der auch Architekten aus Frankreich (André Lurçat), Deuschland (Hugo Häring), den Niederlanden (Gerrit Rietveld) und den USA (Richard Neutra) beteiligt waren. Die überwiegende Mehrzahl stammte jedoch aus Österreich, die Werkbundsiedlung präsentierte modernes Wohnen aus Wiener Perspektive. Bemerkenswert ist, dass drei Generationen von heimischen Architekten zur Mitarbeit eingeladen wurden. Neben „Altmeistern“ wie Adolf Loos und Josef Hoffmann konnten sich Josef Frank, Oskar Wlach, Ernst Lichtblau oder Oskar Strnad präsentieren, aber auch jüngere Architekten wie Anton Brenner, Ernst Plischke, Oswald Haerdtl und Walter Loos erhielten ihre Chance. Nur eine einzige Frau war vertreten: Margarete Schütte-Lihotzky. Die Gesamtleitung lag bei Josef Frank, einem prononcierten Vertreter der gemäßigten Moderne, der den puren Funktionalismus und die Maschinenästhetik, wie ihn die internationale Avantgarde großteils vertrat, ablehnte.


Blick auf die Werkbundsiedlung von Süden, im Hintergrund der Rote Berg, 1932
Foto: Martin Gerlach jun. © Wien Museum

Die Musterschau präsentierte 70 vollständig eingerichtete Häuser, jedes hatte einen rund 200 m² großen Garten. 30 verschiedene Siedlungshaustypen boten auf kleiner Grundfläche maximalen Wohnkomfort, die Wohnfläche variierte zwischen 57 und 126 m². Alle Häuser waren bunt gestrichen, hatten ein Flachdach, besaßen Terrassen und teils Balkone. Die Wohnräume orientierten sich zum Garten hin, gelegentlich gab es Kammern für das Dienstpersonal. Keine Ausstellung hatte zuvor so viele eingerichtete Musterhäuser gezeigt. Die Werkbundsiedlung bot nicht nur den Architekten, sondern auch den österreichischen Einrichtungsfirmen eine Bühne: Für die Ausstellungsdauer wurden Musterensembles zusammengestellt, die die heimische Handwerkstradition mit modernen Bedürfnissen verbanden und beim Publikum auf besonders großes Interesse stießen. Rund 50 Gestalterinnen und Gestalter erarbeiteten vielfältige Vorschläge, wie man kleine Wohnräume rationell und nach unterschiedlichem Geschmack einrichten könnte. Sie wählten aus den Musterkatalogen von Tischlereien, Lampenherstellern und Textilproduzenten oder ließen von diesen eigene Entwürfe ausführen.


Wohnraum im Haus von Josef Frank, 1932
Foto: Martin Gerlach jun. © Wien Museum

Beispielhaft für die Verbindung zwischen Tradition und Moderne war der Beitrag des weltweit agierenden Möbelherstellers Thonet-Mundus: Moderne, farbig lackierte Bugholzmöbel wurden ebenso eingesetzt wie die neuen Stahlrohrmöbel. Die „Leichtigkeit“ dieser Möbel entsprach der Forderung, im Wohnbereich größtmögliche Flexibilität zu bewahren – ein Ideal, dem sich auch Josef Frank und Oskar Wlach mit ihrem 1925 gegründeten Einrichtungsgeschäft „Haus & Garten“ in der Bösendorferstraße verschrieben hatten (das drei Häuser in der Werkbundsiedlung ausstattete). Die öffentliche Reaktion auf die Werkbundsiedlung war gespalten: Während sie international meist positiv aufgenommen wurde („Modernste Gartenstadt der Welt“), spottete man in lokalen Zeitungen über die „Musterkolonie von Zwergenhäusern“ bzw. die „Würfelsiedlung“.

Anspruch und Realität


Wohnraum in Haus 45 von Jacques Groag, 1932
Foto: Julius Scherb; © Wien Museum

Reihenhäuser von André Lurçat,
1932; Foto: Martin Gerlach jun.
© Wien Museum

Schlafzimmer in Haus 45 von
Jacques Groag, 1932
Foto: Julius Scherb
© Wien Museum

Die Wohnungsfrage war nicht nur eine ästhetische, sondern eine hoch politische. So versprach sich etwa Otto Neurath, ein führender Volksbildner der Sozialdemokratie, ein Wohnen mit „Glücksmaximum“. Die Häuser in der Werkbundsiedlung waren auf die Mittelschicht zugeschnitten, sollten aber in Zukunft auch für die Arbeiterschaft erreichbar sein. Doch die wirtschaftliche und politische Krise spitzte sich bereits zu, nach dem Ende der Ausstellung im August 1932 hatte man wegen der hohen Preise nur 14 Wohneinheiten verkauft. Der Rest wurde von der stadtnahen GESIBA vermietet. Hier lebten nun vor allem Beamte, Ingenieure, Künstler und Schriftsteller. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurden jüdische BewohnerInnen, aber auch zahlreiche PlanerInnen von 1932 Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Die nicht verkauften Häuser gingen 1938 ins Eigentum der Gemeinde Wien über.

Wo die Werkbundsiedlung nicht gebaut wurde


Modell der Werkbundsiedlung im Maßstab 1:100, 2012
gebaut von Studierenden der TU Wien, Institut für Kunst und Gestaltung/Abteilung Plastisches Gestalten und Modellbau
© Wien Museum/Foto: Augustin Fischer

Die Planungen für die Werkbundsiedlung hatten bereits 1929 begonnen, allerdings für einen Bauplatz am Südhang des Wienerbergs. Josef Frank sah hier Geschoßwohnbauten gegen die Triester Straße vor, östlich davon Reihenhäuser. Doch dann wechselte die Finanzierung vom städtischen Wohnbauprogramm zur Heimbauhilfe, die nur Eigentumshäuser förderte. Zugleich plante die Gemeinde am Wienerberg große Wohnhäuser, die der Attraktivität der Siedlungshäuser geschadet hätten. Aus diesem Grund fiel die Wahl schließlich auf Lainz, wo die Bauarbeiten im Herbst 1930 begannen.

Pressetext und Bilder zur Ausstellung
Werkbundsiedlung Wien 1932 – Ein Manifest des neuen Wohnens (2012)

Weitere Entwicklung
Im Unterschied zu früheren Projekten stand bei der Wiener Werkbundsiedlung „Wirtschaftlichkeit auf engstem Raum“ im Vordergrund. Die Häuser sind tatsächlich, gemessen an heute üblichen Raum- und Wohnungsgrößen, sehr klein, vermitteln aber immer wieder durch die für die frühe Moderne signifikante Funktionalität, höchste Ökonomie im Detail und geschickt gesetzte Ausblicke und Sichtbezüge eine erstaunliche Geräumigkeit.

Die wirtschaftliche Lage weiter Teile der Bevölkerung war allerdings in dieser Zeit schlecht. Nur 14 Häuser konnten wie geplant verkauft werden; die anderen wurden vermietet und gelangten in der NS-Zeit 1938 ins direkte Eigentum der Wiener Stadtverwaltung.

Der Bombardierung Wiens in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs fielen sechs Häuser zum Opfer; sie wurden durch Neubauten anderer Architekten ersetzt.

1983–1985 wurden 56 der nach dem Krieg verbliebenen 64 Häuser von Adolf Krischanitz renoviert (Konsulent: Otto Kapfinger); im Zuge dessen baute Krischanitz westlich neben dem Haus Woinovichgasse 32 ein kleines Museum der Siedlung. Seine Arbeit dokumentierte er 1989 in einem Buch. Da sich ein Teil der Gebäude in Privatbesitz befand, konnten damals nicht alle Häuser renoviert werden.

2012, 80 Jahre nach der Eröffnung, begann die Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt die erforderliche neuerliche Restaurierung und Renovierung der Siedlung

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