Österreichs Urwälder

(Urwald in Österreich | Die letzten wilden Waldparadiese)
Matthias Schickhofer


Wiege der Schönheit. Paradiesischer „Wiegenwald“ im Nationalpark
Hohe Tauern: Moorseen durchsetzen einen alten Lärchen-Zirben-Wald.

Die Urwälder sind die besten Lehrmeister für stabile Ökosysteme. Immerhin hat die natürliche Evolution sie in vielen Jahrtausenden drauf „getrimmt“: Ein komplexes Wirkungsgefüge von – Erneuerung und Zerfall sorgt für einen sehr hohen Grad an Resilienz (so nennt man die Fähigkeit eines Systems, nach einer Störung wieder in den Ausgangszustand zurückzukehren). Wie schnell sich von Sturm und Borkenkäfern zerstörte Waldflächen natürlich erholen können, zeigt das Beispiel Nationalpark Bayrischer Wald: Nur 15 Jahre nach katastrophalen Sturm- und Borkenkäferschäden wächst dort zwischen den toten Fichtenstämmen heute ein neuer, artenreicher Naturwald heran.

An dem Konzept der Resilienz orientiert sich die Idee der Dauerwald-Bewirtschaftung. Deren „Erfinder“, Alfred Möller, beschrieb 1922 erstmals den Wald als „lebenden Organismus“. Im Unterschied zur „Kahlschlagswirtschaft“ – dem „Altersklassenwald“ mit flächigem Holzeinschlag und Aufforstung durch schnell wachsende Nutzbäume – propagiert das Dauerwald-Konzept konsequent kahlschlagsfreie Bewirtschaftung durch Einzelbaumnutzung. Die Gesundheit und Tätigkeit des Bodens, d.h. Schutz und Pflege der Bodenlebewelt, sind von zentraler Wichtigkeit. Es sollen unterschiedliche Baumarten mit unterschiedlichem Alter im Wald vorkommen und es soll stets einen ausreichenden lebenden Holzvorrat geben.


„Baumbarts“ Wald? Urwälder wie der Neuwald (oben) oder das
Naturwaldreservat Zellerbrunn (unten) lassen Assoziationen mit den
Fantasywäldern von J. R. R. Tolkien („Herr der Ringe“) entstehen.

Der Urwaldforscher Heinrich Robert Göppert definierte 1886 erstmals, was man unter einem „Urwald“ zu verstehen habe: „Wir verstehen darunter einen Wald, von welchem man noch niemals versucht hat, irgendeine Nutzung zu ziehen, in welchem die gesamte Vegetation sich in einem Zustand befindet, wie er seit Jahrtausenden, ja vom Anfang an gewesen, in dem also die Natur ungestört die riesenhaftesten Holzkörper bildete und wieder zerstörte.“

Nachdem er verschiedene Urwälder bereist hatte, beschrieb er seine Eindrücke folgendermaßen: „Eine reiche Vegetation krautartiger Gewächse sowie eine unzählige Menge junger Tannen, freilich in gedrücktem Zustande, füllen die Zwischenräume zwischen jenen Riesen aus, die sich aber bald üppig entwickeln, wenn durch Zufall oder Absicht einige der stark beschattenden Kolosse umstürzen und sie dadurch freien Horizont gewinnen. Sie suchen dann bald nachzuholen, was sie früher zu versäumen genötigt wurden.“ Göppert nahm in seinem Bericht die späteren Erkenntnisse über die Dynamik der Verjüngung und die Regeneration in Naturwäldern vorweg: „Auf diese Weise findet fortdauernd eine allmähliche Verjüngung der alten Buchen-Weißtannen-Bestände statt.“


Herbstliche Farborgien. Lärchenleuchten im Hagengebirge (oben)
und Buchenglimmen in einer Schlucht beim Schneeberg (unten)


Der niederösterreichische Rothwald ist ein derartiges besonderes Refugium, in dem die Natur „von Anfang an“ kolossale Baumgebilde erschafft und wieder zerstört: Riesige Tannen und Buchen erheben sich über einem Wirrwarr aus Totholz und Jungbäumen. Baumschwämme, Moose und Farne sorgen für ein pittoreskes, märchenhaftes Bild. Der Rothwald ist das Herzstüpck des Wildnisgebietes Dürrenstein. Dieser – mit einem Ausmaß von gut 400 Hektar – flächenmäßig größte Urwald des gesamten Alpenbogens (Karbonat- und Braunerde-Fichten-Tannen-Buchen-Wald, Block-Fichtenwald, Fels-Fichtenwald) hat seit der letzten Eiszeit keine Axt und keine Motorsäge gesehen. Der Voraussicht des Gutsbesitzers Albert von Rothschild am Ende des 19. Jahrhunderts ist es zu verdanken, dass Österreich noch so ein großes Stück Urwald hat. In ganz Westeuropa gibt es heute nichts Vergleichbares. Lediglich in der Ukraine, in Rumänien, in Kroatien, Bosnien und vor allem in Russland finden sich noch größere Flächen echter Urwälder. Daher ist der Rothwald auch ein verbotener Ort. Nur Wissenschaftler und Ranger des Wildnisgebiets dürfen ihn betreten. Und das ist gut so: Besucherscharen würden das fragile Waldjuwel und seine Bewohner zu stark beeinflussen und seinen außerordentlichen wissenschaftlichen und didaktischen Wert vernichten. Ausnahme: eine geführte Exkursion.

Neben dem Rothwald gibt es noch einige weitere kleinere Urwaldreste in Österreich: Im mittleren Kamptal des Waldviertels etwa konnte ein kleiner Naturwald mit gewaltigen Buchen und Linden die Kahllegung des restlichen Waldviertels im Lauf der letzten Jahrhunderte wie durch ein Wunder überstehen. Der gut 12 Hektar kleine „Urwald“ (Braunerde-Buchenwald, Block-Lindenwald) erstrecht sich über einen teilweise felsigen und früher offenbar nur schwer zugänglichen Rücken, der die Holzbringung erschwert hatte. Der Urwald ist heute als Naturwaldreservat (für eine Dauer von 20 Jahren mit Verlängerungsoption) und als Natura-2000-Fläche geschützt. Im Kamptal finden sich noch einige weitere Hangwälder, die sich durch große Naturnähe und Wildheit auszeichnen – und das mittlere Kamptal für ein entsprechend hochwertiges Schutzgebiet qualifizieren.


Rückzugsräume. „Moos-Heim“ im Naturwald Rohrach.

In Niederösterreich liegt ein weiterer Urwald: der „Urwald Neuwald“. Die kleine Fläche von 20 Hektar befindet sich im niederösterreichisch-steirischen Grenzgebiet. Der Neuwald wurde niemals systematisch forstlich genutzt und ist daher ein Urwald (Waldmeister- und Karbonat-Fichten-Tannen-Buchenwald, Schachtelhalm-Fichten-Tannenwald, Hangschutt-Fichtenwald). Allerdings setzt der Wildverbiss dem waldökologischen Kleinod dermaßen zu, dass man heute nicht mehr von einer natürlichen „Urwalddynamik“ sprechen kann: Es fehlen hundert Jahre an Baumnachwuchs. Die jungen Bäume, die zwar in großer Zahl den Waldboden besiedeln, kommen wegen des Wildverbisses nicht über eine Höhe von 40 bis 50 Zentimeter hinaus. Lediglich auf wenigen Quadratmetern haben es die Jungbäume geschafft, den Kiefern des Wildes zu entwachsen: Ein früherer Kontrollzaun verschaffte dem Wald lokal begrenzt eine Atempause vom Verbiss. Wenn es in dem zusehends überalterten Wald weiterhin zu keiner Verjüngung kommt, dann droht der fortschreitende Zerfall dieses einmaligen Urwaldrestes.

In der Steiermark wird eine sogenannte „Urwald-Verdachtsfläche“ nördlich von Wildalpen in einem Naturschutzgebiet bewahrt (Naturwald Zellerbrunn, Karbonat-Fichten-Tannen-Buchenwald). Auch hier ist Wildverbiss ein Problem.


Ur-Alpen. Urwaldrest in den Karawanken in Südkärnten.
Geschützt durch Schluchten und Felsabgründe hat der unberührte
Fichten-Tannen-Buchenwald bis heute überlebt. Allerdings setzt der
Verbiss durch die vielen Gämsen dem Jungwuchs zu.


Kleine Urwaldreste gibt es außerdem in den Kärntner Karawanken (Naturwaldreservat mit natürlichem Karbonat-Fichten-Tannen-Buchenwald der Südalpen; Größe: 6,5 Hektar), in den Donauauen (natürlich aufgekommener Pappelwald auf einer ehemaligen Schotterinsel in der Hainburger Au) sowie an unzugänglichen Standorten im Hochgebirge wie in den Salzburger Kalkalpen (natürlicher Lärchenwald und Karbonat-Fichtenwald mit Spitzfichten in einem Kar nahe dem Hochkönig). Die größten „Urwälder“ sind aber zweifellos die Latschenfelder des Hochgebirges, die oft großflächig vom Menschen unbeeinflusst geblieben sind.

Urwald in Österreich
Die letzten wilden Waldparadiese


Einst war Österreich von einem grünen Meer aus Urwäldern bedeckt: Gewaltige Buchen, Eichen, Tannen, Pappeln, Weiden, Eschen, Fichten oder Ahorn erhoben sich über einer Welt im Zwielicht. Bären, Wölfe und Luchse streiften durch das Dickicht. In versteckten Winkeln haben in Österreich Urwälder und wilde Naturwälder bis heute überlebt. Es gibt sie tatsächlich noch hierzulande, echte Urwälder. In 200 Naturwaldreservaten, in Nationalparks und in Naturschutzgebieten dürfen Wälder heute wieder unbeeinflusst von der Forstwirtschaft gedeihen.
Der Naturfotograf und Umweltschützer Matthias Schickhofer hat viele dieser verborgenen Reservate besucht und lädt zu einer fotografischen Expedition in die faszinierend unbekannte Welt der letzten wilden Paradieswälder Österreichs ein. Und erklärt, warum Österreich „Urwälder“ braucht. Natur-Interessierte finden in diesem Buch auch Ausflugstipps und „Rezepte“ für individuelle Urwald-Erlebnisse.

Musterseiten:

Matthias Schickhofer, Autor

Der Umweltschützer und Naturfotograf Matthias Schickhofer, geboren 1967, folgte schon in seiner Kindheit im Niederösterreichischen Waldviertel dem „Ruf der Wälder“. Seit mehr als 20 Jahren engagiert er sich bei Greenpeace und anderen Organisationen im Bereich Umweltschutz (u.a. als Kommunikations- und Kampagnen-Direktor) und setzt sich für den Erhalt des globalen Naturerbes ein. Als Fotograf interessiert ihn die künstlerische Vermittlung von Natureindrücken, Strukturen, Stimmungen oder ungesehenen Details abseits der Klischees.

DharmeshGartenÖsterreichs Urwälder (Urwald in Österreich | Die letzten wilden Waldparadiese) Matthias Schickhofer Die Urwälder sind die besten Lehrmeister für stabile Ökosysteme. Immerhin hat die natürliche Evolution sie in vielen Jahrtausenden drauf 'getrimmt': Ein komplexes Wirkungsgefüge von - Erneuerung und Zerfall sorgt für einen sehr hohen Grad an Resilienz (so nennt man die...