(Mein Naturgarten | Glück und Geheimnis)
Werner Gamerith

Unter Biotop stellen sich viele einen Gartenteich vor, obwohl dieser Fachbegriff nichts anderes bedeutet als Lebensraum. Tatsächlich hat wohl schon oft die überzeugende Schönheit eines naturnahen Gewässers den Weg für mehr Natur auch im übrigen Garten geebnet. Denn im und am Wasser sieht man noch deutlicher als in anderen Lebensräumen, wie Sumpf- und Wasserpflanzen, Lurche, Libellen und andere Tiere mimt- und voneinander leben und eine ökologische Ganzheit bilden, deren Harmonie sich auch in der Klarheit und Qualität des Wassers ausdrückt. Dessen Durchsichtigkeit ermöglicht wieder auf ideale Weise die Beobachtung der hier lebenden Tiere.

 



Sumpf- und Wasserpflanzen entziehen mit den Nährstoffen den Algen
die Lebensgrundlage. Die unter Wasser befindliche Mauer
trennt den Regenerationsbereich vom Badebecken.

Da lernen wir zum Beispiel, wie die anfangs riesige Zahl von Kaulquappen, die sich von Mulm und Algenbewuchs ernähren, im Laufe ihres Wachstums im Frühjahr immer kleiner wird, weil Molche, Ringelnattern und Schwimmkäfer auf sie Jagd machen. Uns fällt auf, dass die gefürchteten Gelsenlarven von Wasserwanzen oder Libellenlarven als Futter verwertet werden, während sie in Wasserbehältern ohne solche Gegenspieler zur blutsaugenden Plage heranwachsen können. So gewinnen wir Vertrauen in die Regelmechanismen naturnaher Lebensgemeinschaften und fördern ihren Artenreichtum auch in anderen Bereichen unseres Gartens.
Zum Baden schien ein Gartenweiher lange Zeit zu klein, bis die Idee aufkam, in einen Teich ein etwa halb so großes Becken einzubauen, dessen Rand unter dem Wasserspiegel als Schwelle ausgeführt wird. So bleiben die beiden Wasserkörper in Kontakt und Austausch. Der Pflanzenbestand reinigt das Badewasser, bleibt aber ebenso wie der Bodensatz großteils außerhalb des Schwimmbereichs und ist seinerseits vor allzu wilden Wasserspielen badender Kinder geschützt. Dichtungsfolien aus Kunststoff ermöglichen auf jedem Untergrund die Anlage eines Naturschwimmteiches. Unser 1983 selbst gebautes Bad ist ziemlich das älteste dieser Art, und funktioniert seither ohne jede technische Installation. Nur die alte Baufolie, welche nie ganz korrekt verschweißt war, musste nach 25 Jahren durch eine Teichfolie ersetzt werden. Dafür wurde der Teich das einzige Mal in all den Jahren entleert. Der felsige Untergrund erlaubte nur eine Wassertiefe von 1.4 Meter, durch die sich das Gewässer rasch auf einladende Temperaturen erwärmt.


Zu den vielen Vorzügen eines naturnahen Gewässers gehört
seine Schönheit zu allen Jahreszeiten.

Flache, mit Röhricht verwachsene Ufer geben im Gegensatz zu steilen Begrenzungen dem Gewässer nicht nur ein natürliches Aussehen. Sie sorgen auch dafür, dass daraus für Kinder, Igel und andere Lebewesen keine gefährliche Falle wird. Die Flach- und Tiefwasserzonen um das mit einer Mauer begrenzte Schwimmbecken sind ausschließlich mit heimischen Sumpf- und Wasserpflanzen bewachsen. Je dichter ihre Bestände werden, desto weniger Nährstoffe bleiben für Algen übrig. Diese wenig beliebten Urpflanzen treten in einem gut eingewachsenen Teich kauf auf. Gelegentliche Trübungen in den ersten Jahren, besonders bei der Durchwärmung des Wasserkörpers im April, sind völlig natürlich, stören in keiner Weise das Badevergnügen und verschwinden bald wieder. Etwas Schlamm am Grund ist Lebensraum für Tiere, und für Menschen gesund. Nur alle sieben bis zehn Jahre pumpe ich etwas vom Bodensatz aus dem Schwimmbereich.


Der Wassergarten rund um das Schwimmbecken macht das
Baden auch zu einem ästhetischen Vergnügen.

Die klinische Sauberkeit eines Badezimmers lässt sich zwar mit viel Technik auch im Schwimmteich herstellen, ist aber im Grunde unnatürlich. Es gibt Anlagen ganz ohne Pflanzen, deren Wasser ständig durch einen Bakterienfilter ähnlich einer biologischen Kläranlage gepumpt wird, und die sich äußerlich nur durch den fehlenden Chlorgeruch von einem herkömmlichen Pool unterscheiden. Ihre energie- und kostenintensive Maschinerie und fehlende Lebensfülle ist bezeichnend für die Entfremdung vieler Menschen von der Natur.


Eine männliche Plattbauchlibelle, die Weibchen sind gelb.

Wir haben weder Pumpe noch Filter und überlassen die Reinigung des Wassers den kostenlosen Pflanzenwurzeln und Kleinorganismen. Die Schönheit der Wasserpflanzen, das Entdecken und Beobachten von Molchen, Libellen und anderen teilweise selten gewordenen Wassertieren ist bei uns ein wesentlicher Teil der Badefreuden.


Die Gelbbauchunke, eine europaweit gefährdete Art,
erfreut uns den ganzen Sommer über mit ihren leisen Rufen.

Für Fische oder Enten ist ein Gartenweiher zu klein. Seine Lebensvielfalt würde unter ihnen leiden. Die Besiedlung unseres Nassbiotops mit Tieren überließen wir von Anfang an der Natur, gemäß unseren im Naturgarten gewonnenen Erfahrungen. Was in einen Lebensraum passt, findet sich sehr bald dort ein. Viele vom Wasser abhängigen Tiere wechseln ihre Aktivitäten mit den Jahreszeiten.


Kaulquappen bevölkern in den ersten Frühlingswochen das Gewässer.
Etliche von ihnen ernähren die Ringelnatter sowie die Larven
von Libellen und Schwimmkäfern.

So beherrschen in den ersten Frühlingswochen Grasfrösche, Erdkröten und ihre Kaulquappen die Szene. Ihnen folgen verschiedene Klein- und Großlibellen mit ihrer Verwandlung, Paarung und Eiablage. Spät im Jahr schweben oft Scharen der schönen, durchsichtigen Büschelmückenlarven im Wasser, auf die wieder Libellenlarven lauern.


Ringelnatter

Stechmückenplagen haben sich nie in unserem Teich entwickelt, weil genügend Rückenschwimmer und andere kleine Tiere die nahrhaften Gelsenlarven jagen. Auf die eindrucksvollen Frühlingskonzerte der Laub- und Teichfrösche müssen wir verzichten, weil diese grünen Tieflandarten in unserer Mittelgebirgslage von 600 Höhenmetern nicht vorkommen.
Die Wassertemperatur hat auch bei extremer Hitze 27°C nie überschritten. Kühlende Verdunstung und Beschattung der Blattmassen sorgen offenbar für die Einhaltung einer optimalen Temperatur und garantieren ein erfrischendes Bad.



Vernünftige Erwachsene unterstützen die unvoreingenommene Neugier
von Kindern auf alles Lebendige.
Aus ihr entwickeln sich Naturliebe und Naturverständnis.

So beschränkt sich die Teichpflege auf das Abmähen des dürren Röhrichts im Vorfrühling. Im Winter sollte es wegen seiner Schönheit stehen bleiben. Außerdem ermöglicht es auch bei Eisbedeckung den wichtigen Gasaustausch, weil sich die dunklen Halme in der Sonne erwärmen und Schmelzwasserbrücken bilden.



Auch eingewehtes Herbstlaub, das Perfektionisten mit großem
Aufwand fernhalten, ist in jedem Gewässer völlig normal.

Der blühende Wassergarten mit Seerosen und Schwertlilien, in den wir eintauchen, gehört zum paradiesischen Erleben so wie das Nacktbaden, die Befreiung der Haut, unseres größten Sinnesorgans. Das weiche, nur durch Niederschläge ergänzte Wasser erfrischt nicht nur, indem es uns zärtlich umströmt und kühlt. Es trägt uns auch, lässt uns symbolhaft spüren, wie wir ausgesetzt und gleichzeitig geborgen sind in einer Welt voller Wunder und Widersprüche.

Mein Naturgarten – Glück und Geheimnis

Werner Gamerith war einer der Pioniere des ökologischen Garten- und Schwimmteichbaus hierzulande. Seit 1964 lebt er mit seiner Frau, der Malerin Tatjana, auf einem ehemaligen Bauernhof an der Grenze zwischen Mühl- und Waldviertel. Gemeinsam gestalten und pflegen sie seither ihren Natur- und Biogarten. Vor mehr als 30 Jahren legten die beiden einen malerischen ökologischen Schwimmteich an, einen der ersten in dieser seither tausendfach bewährten Bauweise. Mit wenig Arbeit, aber umso mehr Naturverständnis wachsen Pflanzen, Tiere und Menschen zu einer Ganzheit zusammen, die Herz und Sinne erfreut. Wie das geht, erklärt Werner Gamerith in diesem sehr persönlichen Gartenbildband mit faszinierenden Fotografien und zahlreichen praktischen Tipps.

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Werner Gamerith, Autor

Werner Gamerith studierte an der Universität für Bodenkultur Wien Kulturtechnik und Wasserwirtschaft. Schon in der Kindheit war die Berührung mit der Natur ein wichtiges Anliegen und er verbrachte viel Zeit damit, Pflanzen zu sammeln, Tiere zu beobachten und zu fotografieren. Gemeinsam mit seiner Frau Tatjana erwarb er in Waldhausen im Strudengau einen kleinen Bauernhof, den die beiden liebevoll restaurierten. Es entstand eine Siebdruckwerkstatt für textilen Handdruck, ein Biogarten für Gemüse, Kartoffeln und Beeren, ein Naturgarten mit Zier- und Wildblumen und 1983 der erste Naturschwimmteich. 1984 wurde ihm der Konrad-Lorenz-Preis für Umweltschutz für die Verbindung von Kunst und Ökologie verliehen. Seit 1972 ist er publizistisch in der Ökologiebewegung aktiv und engagiert sich in Artikeln (z.B. in seiner Kolumne „Der Garten-Philosoph“ im Servus-Magazin), Vorträgen und Bildbänden für die Naturgarten­idee sowie für naturnahe Landschaften Österreichs.

auszugsweise aus

Mein Naturgarten | Glück und Geheimnis
Werner Gamerith

Spezifikationen:
Format 20 × 22 cm
168 Seiten, ca. 200 Abbildungen
Hardcover

Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.cbv.at

DharmeshGarten(Mein Naturgarten | Glück und Geheimnis) Werner Gamerith Unter Biotop stellen sich viele einen Gartenteich vor, obwohl dieser Fachbegriff nichts anderes bedeutet als Lebensraum. Tatsächlich hat wohl schon oft die überzeugende Schönheit eines naturnahen Gewässers den Weg für mehr Natur auch im übrigen Garten geebnet. Denn im und am Wasser sieht...