Wiener Bedürfnisse


Bild: Ein altes achteckiges Urinal am Antonsplatz.
© Verlag Christian Brandstätter – Duncan J. D. Smith

I. Bezirk (Innere Stadt), nahe beim Haus Graben 22

Der Statiker, Gesellschaftskritiker und Dramatiker Karl Kraus (1874-1936) schrieb einmal, die Straßen anderer europäischer Städte seien mit Asphalt gepflastert, jene Wiens mit Kultur. Daran muss etwas Wahres sein, wenn in Wien sogar die öffentlichen Bedürfnisanstalten als historische Denkmäler gelten! Am bemerkenswertesten ist die unterirische Toilettenanlage am Graben, 1905 von Wilhelm Beetz im Jugendstil errichtet. Sie ist die älteste unterirdische Toilette der Welt! Auf Straßenniveau weisen die eleganten grünen Geländer und Laternen mit den „Herren“ und „Damen“-Schildern diskret darauf hin. Was das Letztere betrifft, kann der Autor nichts Näheres aussagen; die „Herren“-Seite jedenfalls ist wirklich sehr stilvoll, komplett mit Messing-Waschbecken und Türverkleidungen. An der Wand hängt die Kopie einer Patenturkunde von 1883 für das so genannte, von Beetz selbst erfundene Ölurinoir. Eine Nachbildung der Anlage am Graben findet sich in der nahe gelegenen Irisgasse und am Hohen Markt.


Bild: Abteilung „Männer“ der luxuriösen Bedürfnisanstalt.
© Verlag Christian Brandstätter – Duncan J. D. Smith

Der Unternehmer Beetz schloss Ende des 19. Jahrhunderts mit der Gemeinde Wien einen Vertrag, auf eigene Kosten öffentliche Bedürfnisanstalten zu errichten und 25 Jahre lang zu betreiben; danach würden sie in städtisches Eigentum übergehen. Auf vielen Straßen errichtete er seine rechteckigen, überdachten, aus vorgefertigten Eisenwänden im Pavillonstil auf einer Steinbasis errichteten Örtlichkeiten. Eigene Eingänge führten in die Räume für die beiden Geschlechter (je vier), zu einem Raum mit sechs Urinoiren und einem geheizten Raum für die Toilettenfrau. 1910 gab es bereits 73 davon, einige stehen noch. Ein schön restauriertes Exemplar befindet sich am Parkring, mit hübschen bunten Glasornamenten am oberen Rand und einer Tür, die stolz Örtlichkeiten I. und II. Klasse ankündigt. Ähnlich eindrucksvoll ist die Bedürfnisanstalt im Schönbrunner Schlosspark; ihre grün angemalten Eisenverstrebungen erinnern an jene des nahen Großen Palmenhauses. Eine etwas bescheidenere Version dieses klassischen Wiener Modells findet man an der Endstation der Straßenbahnlinie 43 in Neuwaldegg, das zum XVII. Bezirk (Hernals) gehört, ebenso am Wertheimsteinpark in der Döblinger Hauptstraße im XIX. Bezirk (Döbling), im Schönbornpark im VIII. Bezirk (Josefstadt) und im Türkenschanzpark im XVIII. Bezirk (Währing). Mehrere kleinere Versionen dieses Modells finden sich verstreut am Simmeringer Zentralfriedhof.

Beetz entwarf auch ein achteckiges Urinal, bestehend aus Eisenwänden, die an dünnen Säulen befestigt waren und feine Gitterbleche für die Lüftung enthielten. Er baute sein patentiertes Öl-Desinfektionssystem ein, ebenso einen Schutz gegen das Einfrieren im Winter. Von den 137 Urinalen, die bis 1910 errichtet worden waren, sind noch viele zu sehen, etwa am Antonsplatz im X. Bezirk (Favoriten), am Rabbiner-Schneerson-Platz im II. Bezirk (Leopoldstadt), in der Gallitzinstraße im XVI. Bezirk (Ottakring), in der Nähe des Ottakringer Friedhofs, und außerhalb des Dornbacher Friedhofs im XVII. Bezirk (Hernals). Am anderen Ende der Skala liegt ein winziges, antiquiertes Pissoir am Donaukanal nahe der Augartenbrücke. Im Wilhelm-Kienzl-Park ist diese sehr bescheidene Örtlichkeit aus wenigen Aluminiumplatten vom Entwerfer noch durch ein steiles Dach und eine Reihe fröhlich-stilisierter Blumen verschönert worden. Schließlich ist noch die moderne so genannte Operntoilette in der Opernpassage unter dem Opernring zu erwähnen, wo der Besucher sich gegen einen geringen Geldbetrag bei klassischer Musik entspannen und dabei nostalgische Opernplakate betrachten kann, die die Wände zieren – das gibt’s nur in Wien! Dass das französische Wort Pissoir in den Wiener Wortschatz einging, hat eine interessante Ursache. Die frühen Habsburger hielten große Stücke auf ihre katholischen Ideale und ihr spanisches Hofzeremoniell und versuchten um jeden Preis den rationalistischen Einfluss Frankreichs abzuwehren. Seit der Zeit der „Kaiserin“ Maria Theresia (1740-80) jedoch, die als erste Herrscherin Französisch sprach, nahm der Pariser Einfluss zu. Am Hof wurde übrigens Schönbrunner Deutsch gesprochen, ein näselndes Oberschichtdeutsch mit französischen Einsprengseln. Auch heute noch bezeichnet man den Gehsteig oft als Trottoir, ein Milchkaffee heißt Mélange – und ein Urinal für Männer ist als Pissoir bekannt. Weitere im österreichischen Sprachgebrauch gängige französische Worte sind Coiffeur, Broschüre und Garderobe.

auszugsweise aus

Duncan J. D. Smith; Nur in Wien
Ein Reiseführer zu sonderbaren Orten, geheimen Plätzen und versteckten Sehenswürdigkeiten
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Fotografien von Duncan J. D. Smith

„Die Straßen Wiens sind mit Kultur gepflastert, die Straßen anderer Städte mit Asphalt.“ Karl Kraus (1874-1936)
Wien ist sicherlich eine der großartigsten und zugleich homogensten Hauptstädte in Europa. Und es ist eine der faszinierendsten. Die Überfülle an Reiseführern, die es zu kaufen gibt, präsentiert dem nicht allzu anspruchsvollen Besucher eine märchenhafte (und leicht zugängliche) Fülle an Museen, Kirchen, Palais und kulinarischen Lokalitäten, und sie erzählen von der Geschichte der Stadt seit den Zeiten der Römer über jene des Habsburgerreiches bis zur Gegenwart.

mit freundlicher Genehmigung

Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.brandstaetter-verlag.at

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