WO DIE WUCHTEL FLIEGT

Legendäre Orte
des Wiener Fußballs


Fußball, 1930er-Jahre
© Wien Museum

Wo flog die Wuchtel?

Ursprünglich überall dort, wo es genügend Platz gab und keine Verbote. Zum Beispiel auf der grünen Wiese im Prater oder in Heiligenstadt, wo die Wiener von den Engländern das Kicken lernten.
Platz gab es auch auf den „Gstätten“ in der Vorstadt zwischen Fabriken und Arbeitersiedlungen: auf der „Kretainsel“ in Favoriten, an der Donau in Floridsdorf oder auf der „Simmeringer Had“. Mit den Vereinen, den regelmäßigen Wettkämpfen und dem Ansturm der Zuschauer stiegen die Anforderungen an die Plätze und machten sie zu Fixpunkten in der Stadt: Die Hohe Warte, auf die in den 1920er-Jahren bis zu 80.000 Fans pilgerten, die alte Pfarrwiese in Hütteldorf, wo Bimbo Binder bombte.

Rapid gegen Austria


Die legendäre Pfarrwiese, 1912
(1911 – 1971 Heimstätte des SK Rapid)
Fotografie
© Bezirksmuseum Penzing

Die Rivalität von Rapid und Austria spiegelte sich einst in vielen lokalen Duellen: Simmering gegen Ostbahn XI, Admira gegen FAC, Rudolfshügel gegen Hertha. Das „Wiener Spiel“ war Weltmarke: Keine andere Stadt am Kontinent konnte je mit einer solchen Dichte erstklassiger Vereine aufwarten wie Wien. Nirgendwo sonst konzentrierte sich der Spitzenfußball so auf eine Stadt, bis 1949 spielten ausschließlich Wiener Vereine um den österreichischen Meistertitel. Der Fußball ordnete die Stadt auf seine Weise, untermauerte lokale Identitäten und schuf urbane Mythen, die über Generationen hinweg wirksam bleiben. Zugleich gab es permanente Veränderungen: Vereine wechselten ihre Plätze und Namen, Spieler ihre Vereine, Anhänger ihre „Heimat“.


Das Wunderteam
Ölgemälde, Paul Meissner 1948
© Wien Museum

Neben den „echten“ Wiener Orten spielt auch ein „exterritorialer“ Ort eine bedeutende Rolle: das Londoner Chelsea-Stadion Stamford Bridge. An diesem berühmten Fußballort verlor das Wunderteam 1933 in einem sagenumwobenen Spiel gegen England 3:4 und beendete damit die Serie von 14 Spielen ohne Niederlage. Rückblickend festgehalten wurde das Ereignis 1948 von Paul Meissner: Dessen Porträt des Wunderteams, das sich im Bestand des Wien Museums befindet ist als berühmtestes Bild der österreichischen Fußballgeschichte längst zur Ikone geworden.

„Rings um uns Berge von Menschen,
unübersehbar, unfassbar!“

In den 1920er-Jahren wurden Spielstätten mit enormen Besucherkapazitäten aus dem Boden gestampft. Auf dem ehemaligen Gelände einer Ziegelfabrik entstand 1921 der „Riesensportplatz“
Hohe Warte, die geradezu mythische Spielstätte des Wunderteams. 1923 strömten zum Länderspiel Österreich gegen Italien mehr als 100.000 Fans ins Stadion, doch „nur“ 80.000 fanden Einlass. Aufgrund eines Hangrutsches kam es zu Panik und zahlreichen Verletzten. Ein deutscher Journalist beschrieb die Szenerie auf der Hohen Warte anlässlich eines Länderspiels gegen die Schweiz (1922, 60.000 Besucher, Ergebnis: 7:1): „Ein Symbol von überwältigendem Enthusiasmus, überquellender Begeisterung! Dieses Bild! Rings um uns Berge von Menschen, unübersehbar, unfassbar! Kopf an Kopf türmte sich hier haushoch an den Hängen eine bis auf den letzten Platz besetzte Riesentribüne, Erdwälle, künstliche Erhöhungen – das prächtigste Werk, welches je eines Künstlers Hirn entsprang!“
Aber auch in Simmering fanden Länderspiele statt: 1920 wurde in der Leberstraße eine Naturarena für 50.000 Besucher errichtet, eine der machtvollsten Demonstrationen des Arbeitersports in der Zwischenkriegszeit. Im Unterschied zu den bürgerlichen Vereinen dürften die Simmeringer Klubs eher den robusten Kick-and-rush-Stil gepflegt haben, gekennzeichnet durch „schwere Aktion“ sowie „Kraft- und Atemvergeudung“, wie ein Zeitungskommentar vermerkte. Auch sonst soll es eher rüde zugegangen sein: „Schon lange ist der Platz in Simmering wegen der Rohheit seiner Besucher verrufen“, bemerkte das Illustrierte Österreichische Sportblatt 1912.

Slovan, Sparta, Hakoah
Favoriten wurde wiederum von den fußballbegeisterten tschechischen Einwanderern geprägt, die in Wien rund 300 Klubs gründeten. Deren berühmtester war der SK Slovan, der von 1925 bis 1949 dort spielte, wo sich heute das Franz-Horr-Stadion der Wiener Austria befindet. Kaum mehr vorstellbar ist, dass der „Tschechisches Herz-Platz“ einst zu einer Sportarena für 80.000 Zuschauer ausgebaut werden sollte. Die Glanzzeiten des tschechischen Fußballs in Wien sind ebenso vergangen wie diejenigen der Floridsdorfer Kicker: Jenseits der Donau tummelten sich im Schatten der großen Fabriken unzählige Vereine, von der „bürgerlichen“ Admira bis zum „roten“ FAC, von den „Leopoldauer Sportfreunden“ bis zur „Floridsdorfer Sparta“. Viele Sportanlagen mussten ab Mitte der 1920er-Jahre Wohnbauten weichen, so etwa der Hertha-Platz, der Rudolfshügel-Platz oder die Pollak-Wiese, wo sowohl die Admira als auch „Erzfeind“ FAC beheimatet waren. Die Ausstellung erinnert auch an das Schicksal des jüdischen Vereins Hakoah, der seine prächtigste Spielstätte in der Nähe des Praterstadions hatte und 1924/25 den Meistertitel erringen konnte. Nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 wurde der Verein aufgelöst und sein Besitz beschlagnahmt, die Sportanlage verkam und wurde 1945 verwüstet. Erst 2005 erhielt die Hakoah ein Drittel ihres alten Platzes im Prater zurück.

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