Die „Bellaria“ lebt

Wer in einer Großstadt wie Wien alleine alt wird, sehnt sich nach einem Rest von Lebendigkeit. Der eine legt sich einen Kanarienvogel zu, der andere pflegt seine Blumen im Kleingarten. In der „Ballaria“ hinter dem Volkstheater geht es um Lebendigkeit, die auf Zelluloid gebannt ist. Auf ein Grüppchen älterer Menschen übt dieses Kino eine magische Anziehungskraft aus.

Jeden Tag um 16 Uhr geht im Lichtspieltheater „Bellaria“ der Vorhang
auf. Das Publikum besteht eigentlich nur aus Stammgästen. Die Männer tragen Anzug mit Krawatte, die Damen erscheinen im adretten Kleid und tragen oft Hüte, die sie auch während der Vorstellung nicht absetzen. Viele von ihnen kommen jeden Tag, egal welcher Film gespielt wird, und erkundigen sich erst bei „Frau Helga“, was denn heute läuft. Die sitzt in ihrem altmodischen Kassenhäuschen hinter einer Glasscheibe und kommuniziert durch ein kreisrundes Sprechloch mit den Besuchern. „Heute spielen wir ‚Ich Bin Sebastian Ott‘, das ist ein Krimi von Willi Forst.“ Wenn die Karte gelöst ist, leistet sich der eine


oder andere noch eine kleine Erfrischung vom Buffet. Dann sitzen die älteren Herrschaften einfach noch ein Weilchen auf den alten Kinoklappstühlen im Foyer vor der langen Wand mit der bunten Blümchentapete und unter den vielen Schwarzweißfotos der Stars und Sternchen von anno dazumal. Miteinander geredet wird kaum.

Es sieht fast so aus, als würde jeder eine gewisse Konzentration brauchen, um sich auf sein persönliches Kinoerlebnis vorzubereiten, das ihn eineinhalb Stunden in eine nostalgische Welt entführen wird. „Auf geht’s, meine Damen und Herren“, bittet der Kartenabreißer die Besucher ins Lichtspieltheater herein. In der „Bellaria“ werden am Nachmittag eigentlich nur Filme aus den dreißiger und vierziger Jahren mit den Stars von damals gezeigt: „Premiere“ mit Zarah Leander, „Bademeister Spargel“ mit dem Wiener Volksschauspieler Paul Hörbiger und „Rosen in Tirol“ mit Leo Slezak, der nach der Operette
„Der Vogelhändler“ gedreht wurde. Das „Bellaria-Publikum“ kennt sie
in- und auswendig, lacht über komische Szenen schon vor der eigentlichen Pointe, summt und singt wie selbstverständlich die Schlagermelodien mit ein und weint vor Rührung, wenn es melodramatisch wird. Nach dem Film wird Zufriedenheit zum Ausdruck gebracht: „Schön war’s wieder heute“ und: „Wie sie wieder getanzt hat, die Marika Rökk“ und: „Solche Schauspieler gibt’s heute halt nicht mehr.“ Da sind sich
alle „Bellarianer“ einig.

Gegründet wurde die „Bellaria“ 1911, die Betreiber haben seither öfters gewechselt. Heute führen die Herren Hemmelmayer junior und senior das Kino, bleiben aber im Hintergrund. Chefin vor Ort ist „Frau Helga“ an der Kasse, die mit ihrer ruhigen, ausgeglichenen Art die gute Seele des Hauses verkörpert. Sie ist das Verbindungsglied zwischen zwei „Bellaria-Welten“, die wenig miteinander zu tun haben. „Wir spielen nicht nur alte Filme“, macht sie auf die zweite Programmschiene des Kinos aufmerksam: „Im Abendprogramm steht jeden Tag ein zeitgenössischer Film auf dem Programm, oft auch in Originalversion mit Untertiteln.“ Zu dieser Zeit sind die meisten „Bellarianer“ wahrscheinlich schon im Bett.

Einmal freilich wohnte das gesamte „Bellaria-Stammpublikum“ einem zeitgenössischen Film bei, nämlich der liebevollen Dokumentation „Bellaria – solange wir leben“ von Douglas Wolfsperger, der das Stammpublikum mit der Kamera begleitet hat. Er zeigt, wie sie sich mit der Straßenbahn auf den Weg ins Kino machen, wie sie verstorbenen Filmgrößen an deren Gräbern die Ehre erweisen und wie sie durch die Innenstadt flanieren. Mit seinem Film hat er das Wesen der „Bellarianer“ für alle Cineasten greifbar gemacht. Die Dokumentation wurde eine Zeit lang in der „Bellaria“ jeden Tag gezeigt, und das Stammpublikum hatte allen Grund, sich selbst zu feiern.

Die „Bellaria“ bestimmt den Alltag von einer Gruppe älterer Menschen in Wien. Das Kino ist für sie zum Lebensinhalt geworden, ja beinahe zu
einer Ersatzreligion. Das Phänomen „Bellaria Kino“ hat nichts in die Zukunft Weisendes. Falsch wäre es jedoch, dieser so schrulligen wie einzigartigen Institution jegliche Lebendigkeit abzusprechen. Es heißt, dass hier manche einsame Herzen sogar ein spätes Glück gefunden haben. Von der Leinwand in die Realität: Die besten Geschichten
schreibt halt doch das Leben.

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auszugsweise aus

Echt wienerisch
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Ernestine Stadler
Frank Taubenheim

EVA Europäische Verlagsanstalt GmbH & Co. KG

www.europaeische-verlagsanstalt.de

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