Der Wiener Gürtel


Am Döblinger Gürtel. Das Fassadenkonzept von Silja Tillner stellt die von
Otto Wagner gewollte Transparenz der Gürtelbögen wieder her.
Bild: © Der Wiener Gürtel – Verlag Christian Brandstätter

Wie kann es passieren, dass man ausgerechnet vom Gürtel in Bann gezogen wird? Kaum eine Gegend in Wien hat einen ähnlich schlechten Ruf: Verkehrshölle, Ghetto für sozial Schwache, Straßenstrich. Und trotzdem: Das Stigma der urbanen Problemzone kann der Faszination und dem besonderen Reiz dieser verkannten Prachtstraße nicht wirklich Abbruch tun.

Genau weiß ich es selbst nicht mehr, wie ich in den Bann des Gürtels geraten bin. Es ist schon einige Jahre her, dass mir, unterwegs am Gürtel, nach und nach Erstaunliches auffiel. Besonders an Wochenenden, in den frühen Morgenstunden, wenn der Straßenverkehr noch nicht von ihm Besitz ergriffen hat und alle anderen Eindrücke überlagert, da zeigt der Gürtelboulevard seinen eigentlichen Reichtum: mit Leben erfüllte, bewohnte Prachtbauten, die imposante Stadtbahn-Architektur Otto Wagners, blühende Fliederbüsche und wild wuchernder Efeu, bunt bevölkerte Parks, geschäftige Lokale und Betriebe.

Der Gürtel ist ganz anders als die Wiener Ringstraße. Die extremen Belastungen durch den motorisierten Straßenverkehr haben ihre Spuren hinterlassen, an Häusern ebenso wie an Bäumen. Und die Menschen, die im Bereich des Gürtels leben – mehr als die Stadt Innsbruck EinwohnerInnen zählt -, haben wohl kaum das stolze Bewusstsein, an einer Prachtstraße zu leben. Noch ist der Gürtel keine gute Adresse. Dort bleiben vor allem die Alten, die nicht mehr weg können, und wenn neue BewohnerInnen hinzukommen, dann meist solche, die in den besseren Gegenden der Stadt kaum eine Chance haben: Fremde und sozial Schwache.

Derzeit hat der Straßenverkehr die Gürtelgegend noch immer fest im Würgegriff. Etwa 100.000 Autos benutzen täglich die Gürtelstraße. Während jedoch am Brenner mit seiner viel geringeren Belastung der politische Widerstand der Bevölkerung, die buchstäblich auf die Straße gegangen ist, zu einem Umdenken gezwungen hat, scheint der Straßenverkehr am Gürtel von den Betroffenen gleichsam wie ein unabwendbares Naturgesetz erduldet zu werden. Wie sollen sie sich auch wehren, angesichts ihrer sozial wahrlich nicht bevorzugten Situation?

Tagein, taugaus und Nacht für Nacht rollt die Blechlawine über den Gürtel oder staut sich ingendwo in seinem Verlauf. Eine anonyme Masse zieht an Prachtbauten, den Stadtbahnstationen, den Bäumen, Sträuchern und Parkanlagen vorbei.

An diese anonyme Nachfrage richtet sich in den Abend- und Nachtstunden das Angebot des Straßenstrichs, der Peepshows und Bordelle. Noch dominiert nächtens das Rotlichtmilieu die Szene; doch alte und neue Gaststätten, Jugendlokale und Sozialinitiativen machen sich verstärkt bemerkbar und konkurrieren um den Platz am Gürtel. Der Gürtel ist, weiß Gott, kein Museum, kein Denkmal der Gründerzeit, sondern lebendiger – wenn auch teils angegriffener – Lebensraum.

Geselliger Gürtel


Beisl im Stadtbahnbogen nahe der Nussdorfer Straße
Bild: © Der Wiener Gürtel – Verlag Christian Brandstätter

Die Tradition der zahllosen Gaststätten, Kaffeehäuser, Bars und Hotels am und um den Gürtel nahm ihren Ursprung in der Bewirtungs- und Vergnügungsbranche am Linienwall („des Heiligen Römischen Reiches größtes Wirtshaus“). Leider mangelt es später an der Einsicht, was ide Einzigartigkeit der Gegend betrifft: Die Blaue Flasche, 1848 Ort der Uraufführung der Seufzer-Polka von Johann Strauß Sohn und in den 1950er Jahren Quartier der legendären Tanzschule Thumser, wurde 1996 dem Abbruch preisgegeben, um Parkplätze zu schaffen!

Für jeden Geschmack war und ist etwas dabei: „echte“ Wiener Kaffeehäuser wie das Westend oder das Weidinge; urige Gasthöfe wie der Pelikan bei der Neulerchenfelder Straße oder gleich daneben der Weberknecht mit seinem buntgemischten Publikum, Lokale in den Stationsgebäuden der Stadtbahn wie das Cafe Carina und Restaurants in den großen Hotels (Wimberger, Ibis) oder McDonald’s in den Stadtbahnbögen am Hernalser Gürtel.


Bar beim Urban-Loritz-Platz
Bild: © Der Wiener Gürtel – Verlag Christian Brandstätter

Gastronomie und Unterhaltungsszene haben die Veränderungen der Gürtelgegend im Lauf der Zeit stets gespürt und schnell reagiert: Der Ausbau der Gürtelstraße und die Zunahme des motorisierten Straßenverkehrs zogen Lokale des Rotlichtmilieus an. Im letzten Jahrzehnt machten sich die revitalisierten Gürtelbögen unter Jugendlichen und Studierenden einen Namen als trendige Lokalmeile. Noch länger behauptet sich allen Unkenrufen zum Trotz das Szene-Lokal Chelsea am Lerchenfelder Gürtel. Das altehrwürdige Café Grillparzer am Döblinger Gürtel hat sich zum jungen Blaustern gewandelt und in der Nachbarschaft das Latte Grande und jede Menge neue In-Lokale rund um WU und Spittelau angezogen. Die Belebung der ebgewirtschafteten Stadtbahnbögen, das EU-URRBAN-Projekt und das Engagement couragierter GürtelpionierInnen konnten den Traum eines Imagewandels, aber leider weniger den einer Kulturmeile am Gürtel verwirklichen. Wenn immer mehr Lokale von den Gürtelbögen und dem Umland der Straße Besitz ergreifen, wird das nicht ohne Auswirkungen auf den Verkehr bleiben. Konkurrenz um die Nutzung des öffenlichen Raumes kann die Blechlawine eher bändigen als praxisferne und unrealistische Tunnelkonzepte.

Schon 1997/98 haben waghalsige junge Leute im Rahmen des Projektes trans wien gezeigt, was sich alles noch am Gürtel ereignen könnte: Performances rund um die Stadtbahnanlagen, Events in Gürtellokalen, schließlich sogar ein Picknick am Grünstreifen neben den Fahrbahnen – das war der Anfang. Es folgten Nightwalks und Kunstaktionen im Stakkato.

Wem gehört der Gürtel? Morgen vielleicht nicht mehr den Autos, sondern den Menschen und immer neuen Ideen.

Der Wiener Gürtel
Die wiederentdeckte Prachtstraße

Der Wiener Gürtel ist ein Paradebeispiel lebendiger Stadtentwicklung. Das Wechselspiel zwischen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Veränderungen einerseits und politischen Entscheidungen andererseits brachte einen imposanten Boulevard hervor, der auch heute fasziniert.

Nicht nur durch architektonische Glanzstücke, sondern auch durch seine bunte Vielfalt an Wirtschaftsbetrieben, Kulturzentren, trendigen Lokalen und seinen multikulturellen Flair. International renommierte ArchitektInnen wie Coop Himmelblau haben in den letzten Jahren am Wiener Gürtel Akzente gesetzt, Gebäude wie die neue Hauptbücherei, die wie ein Ozeandampfer zwischen äußerer und innerer Stadt liegt, belebten den Wiener Gürtel nachhaltig.
Madeleine Petrovic, eine der prominentesten Grün-Politikerinnen des Landes, lenkt in diesem Buch den Blick auf die Geschichte, die sozialen Funktionen, das ökonomische Kräftespiel und die Menschen am Gürtel. Mit zahlreichen historischen Aufnahmen und den aktuellen Fotografien von Dieter Nagl ist dieser Prachtband ein leidenschaftliches Plädoyer für politisch sinnvolle Städteplanung.

Madeleine Petrovic, Autorin

Geb. 1956 in Wien, studierte Rechtswissenschaften, Betriebswirtschaftslehre und Sprachen im In- und Ausland. Seit Mitte der achtziger Jahre engagiert sie sich in der Grünen Alternative, als Spitzenkandidatin der Grünen Alternative Wien gelang ihr 1990 der Einzug in den Nationalrat; bis 1999 Klubobfrau des Grünen Parlamentsklubs, seit 2003 Klubobfrau der Grünen im Niederösterr. Landtag.

auszugsweise aus

Der Wiener Gürtel
Die wiederentdeckte Prachtstraße
Madeleine Petrovic

Spezifikationen:
Format 21 x 27 cm
216 Seiten, ca. 200 Abb.,
Hardcover

Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.cbv.at

Wiener Blut oder die Ehre der Strizzis
Eine Geschichte der Wiener Unterwelt nach 1945 (Auszug)


Reklame aufgelassener Peepshow.
Bild: © Der Wiener Gürtel – Verlag Christian Brandstätter

Wenn sich die Nacht über die Bundeshauptstadt neigt, legt der Wiener Gürtel sein Neon-Make-up auf. Rote Laternen beleuchten Mädchen, die lässig ihr Fleisch zur Schau stellen. Autoscheinwerfer grapschen nach jungen Körpern, was sie untertags nicht hätten wagen dürfen.Stretch-bodies, glitzernd und tief dekoltiert. Netzstrümpfe und Schaftstiefel. Schwarze, blonde und rote Sirenen locken mit gnadenlosen Brüsten, während die prallsten aller irdischen Hintern die Optik der Lenker massieren. Viele verlangsamen hier das Tempo. Manche halten an, um zu verhandeln. Knirschen von Stöckelschuhen auf Asphalt klingt spröde wie Krokant und erinnert an die Freuden der Kindheit. Eilig steigt sie zu oder er aus, um im nahegelegenen Etablissement für ein Stündchen zu verweilen. Draußen bleibt der Nebel, der weiterhin um das Haus schleicht, als suche er den Eingang.
In der Bundeshauptstadt ist der Wiener Gürtel das Prunktor zur Unterwelt. Ein- und Ausgänge gibt es mehrere. Das Gefängnis ist einer davon. Willi K., 52, ist noch nicht lange heraußen. Zuletzt verbüßte er eine mehrmonatige Freiheitsstrafe in der Justizanstalt am Mittersteig. Die Liste seiner Vorstrafen reicht von Nötigung über Körperverletzung bis schwerer Raub und Mordversuch. Unterm Strich: 16 Jahre. Jetzt versucht Willi sich als Zuhälter. Täglich chauffiert er sein Mädchen in die Hack‘n (Ganovensprache für: auf den Strich gehen). Das bringt ihm viel Geld ohne ernsthaftes Risiko. Arbeiten braucht er auch nicht. Schau, sagt der Strizzi und ehemalige in Stein ausgebildete Einbrecher, bei der heutigen Arbeitsmarktlage musst flexibel sein. Und: Als Spezialist bist ang‘schissen. Willi grinst und fährt mit den Fingern durchs kurzgeschorene Haar. Ein Mann wie von einem Bildhauer geschaffen: grob, wuchtig, eckig. Und: tätowiert. Ein menschliches Bilderbuch. Nur blättern kann man nicht in ihm. Doch Willi ist ein offenes Buch, Anekdote reiht sich an Anekdote, sein Wissen und sein Witz scheint unversiegbar. Wie so vieles in Wien ist auch der Gürtel nicht ganz vollständig, also der Semantik des Namens widersprechend kein geschlossener Kreis, sondern ein dreizehn Kilometer langer Bogen, abgeschnitten von der Donau und dem Donaukanal. Der Straßenbogen umfass die mittleren der 23 Bezirke, in die Wien aufgeteilt ist und entspricht etwa dem alten Linienwall, der äußeren Verteidigungslinie, der zum Schutz Wiens gegen die aufständischen Kuruzzen 1704 auf Betreiben Prinz Eugens errichtet wurde. Der Linienwall wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts abgetragen. Nach Vorbild der Pariser Boulevards und der Wiener Ringstraße sollte die Gürtelstraße als repräsentative Prachtstraße mit reichem Baumbestand angelegt werden. Aber durch den Bau der Stadtbahn nach Plänen von Otto Wagner ist die Straße beträchtlich verschmälert worden. Über 100.000 Autos frequentieren täglich die ewige Stauzone, fünfmal so viele wie die Brenner-Autobahn. Für die 70.000 Anrainer bedeutet dies: Schmutz, Gestank und Lärm. Auch sonst bietet der urbanste Teil von Wien alles, was eine Großstadt ausmacht: große Bahnhöfe (West- und Südbahnhof), Gemeindebauten aus den 20er Jahren, das Hernalser Bezirksgericht oder sogenannte Zweier-Land!, die Halbseidene Welt der Huren und Zuhälter, der Gangsterkönige und ihren rotplüschenen Puffs; Altwiener Wirtshäuser und Espressi; Strizzis und Lebenskünstler jeder Art, die die Nacht zum Tag erkoren.


Nachtlokal am Neubaugürtel
Bild: © Der Wiener Gürtel – Verlag Christian Brandstätter

Branntweiner und kleine Geschäfte unter den alten Stadtbahnbögen, kleinbürgerliche Hinterhofkaschemmen, überbelegte Gastarbeiter- und Asylantenwohnungen, das Hotel Wimberger, wo sich seit dem vorigen Jahrhundert die Vorstadt zur Ballsaison einfindet, nicht zu vergessen die alte Straßenbahn-Remise Michelbeuern am Währinger Gürtel mit dem dort beheimateten gleichnamigen Boxverein, wo der Wiener Neustädter Fleischhauergeselle Eduard H. seine ersten Sparringpartner im Ring demolierte, ehe er auf der Straße zum gegenwärtig unumschränkt herrschenden Unterwelt-König avancierte.Wer den Wiener Gürtel entlang den Eingang in die Unterwelt sucht, sollte sich im Weinhaus Sittl und im Weinhaus Wunsch diskret nach kundigen Führern umsehen. Hier treffen sich alte Prostituierte und Sandler, Heilverkünder und Amateur-Barden, die ihrer Muse Alkohol dankbar ein Wiener G‘stanzi grölen. Oder im Cafe Effenberger (Ecke Gablenzgasse), nächtlicher Treffpunkt der Strizzis und Stoßspieler, im Westend – vis a vis vom Westbahnhof, einst Wiens berüchtigter Agententreffpunkt, im Cafe Weidinger oder in den zahlreichen kleineren Espressi, die mittlerweile nahezu ohne Ausnahme von jugoslawisch- und türkischstämmigen Besitzern geführt werden. Fündig wird der Forschende spätestens zu den offiziellen Öffnungszeiten pünktlich ab 21 Uhr in einschlägigen Etablissements zwischen Westbahnhof und Volksoper und entlang der Felberstraße.In Wien gibt es mehr als dreitausend hauptberufliche Prostituierte. Auf jede der 850 beim Gesundheitsamt registrierten Lizenznehmerinnen kommen mindestens zwei Geheimprostituierte. Am Gürtelstrich (Gaudenzdorfer Gürtel bis Währinger Gürtel inklusive Feiberstraße) lieben und kassieren in schätzungsweise dreißig Lustfabriken (sowohl Bordelle- als auch Bar- und Club-Lokale) ungefähr dreihundert Gürtelrosen. Rechnen wir den Tagesumsatz des einzelnen Mädchens niedrig mit 2.000 Schilling an…, multipliziert man naiv und schlägt die Zimmermiete auf- am Gürtel einheitlich 600 Schilling —addiert man schließlich die überwiegend unversteuerten Einnahmen aus dem Getränkeverkauf, so erzielt das Sex-Gewerbe bloß entlang der Stadtbahnlinie in Wien einen Monatsumsatz von mehr als 30 (in Worten: dreißig!) Millionen Schilling. Nach kurzanhaltenden, schmerzhaften Profiteinbußen Anfang der 80er Jahre durch die gleichermaßen wundersame wie plötzliche — Heimkehr aids-panischer und gummifeindlicher Ehemänner zu altbewährter Hausmannskost, verzeichnete die Gürtel GesmbH in den letzten zwei Jahren einen anhaltenden Aufwärtstrend und schreibt wieder Gewinne, die Manager in so manch verstaatlichtem Wirtschaftsbetrieb vor Neid erblassen ließen.

„Text“ auszugsweise aus

Wiener Blut oder die Ehre der Strizzis
Robert Geher
Eine Geschichte der Wiener Unterwelt nach 1945.

Wien:
Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei
(Edition S ) 1993

Robert Geher

(Chronist der Unterwelt)
Robert Geher (* 20. September 1963; † 21. Mai 1994 in Wien)
war ein österreichischer Soziologe und Chronist der Unterwelt.

Das Studium der Soziologie an der Universität Wien schloss Geher 1990 mit einer Dissertation über den Brenner-Kreis ab. Sein Doktorvater war Roland Girtler. Danach widmete sich Geher der Feldforschung in Wiens Unterwelt und zwar mittels der Methode der teilnehmenden Beobachtung. Laut Eigenaussage brachte sie ihm einen Bauchstich und einen Streifschuss ein. Er spielte Billard und lernte Boxen, demonstrierte für Prostituierte und wurde – aufgrund seiner Tätowierungen – für einen Zuhälter gehalten, gründete Österreichs erste Boxzeitschrift und brachte für kurze Zeit auch ein Blatt für Prostituierte heraus.

Das Ergebnis seiner Recherchen erschien 1993 in Buchform mit dem Titel Wiener Blut oder Die Ehre der Strizzis. Dem Autor gelingt ein zentrales Werk, leicht lesbar, in harter, rasanter Sprache, „erdig, fallsüchtig, temporeich, personenbezogen“. Es spannt einen breiten Bogen von den Anfängen der Zweiten Republik 1945 bis in die Gegenwart, skizziert Heinrich Gross, einen Schandfleck der österreichischen NS-Nichtaufarbeitung, zu dem Geher ein Archiv führte, beschreibt ungelöste Kriminalfälle, die Szene, Tatorte, handelnde Personen und die spärlichen Publikationen.

Gehers Biograph Marcus J. Oswald bezeichnet das Buch 2008 als Standardwerk in der Subkultur der Landesgerichte und der Anschlussräume, bemängelt jedoch, dass Geher (a) die Wiener Unterwelt als „homogene Gegenkultur“ sah, die sie nicht wäre, und (b) unverschämt abgeschrieben habe. Oswald deckt zwei Plagiate auf: Geher plagiierte in seinem Buch jeweils einen Artikel von Peter Michael Lingens (über Heinz Sobotas Buch Der Minusmann) und von Reinhard Tramontana (über die Wiener Praterstrasse), beide erschienen im Magazin profil. Wortgleichheit 80 bzw. 95 %. Lingens publizierte übrigens als Chefredakteur des profil in den 1980er Jahren eine Reihe von Artikeln Gehers.

Das Buch wurde im Strip-Lokal Maxim präsentiert, wobei die Gästeschaft ein breites Spektrum umfasste, vom Sicherheitsdirektor und dem Doktorvater, über Gerti Senger und Adi Hirschal bis zu zahlreichen leichtgekleideten Damen und dem Strichfilosofen und Freund des Autors, Freddy Rabak, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war. Die Resonanz auf Gehers Buch war ebenso weitgefächert. In der Wiener Zeitung wurde es einmal als „ein hinreißendes Buch über die Wiener Unterwelt“ gefeiert, ein anderes Mal als „gedankenlos“ abgetan.

„Hier schrieb ein Autor über das „Wiener Milieu“, der Gardemaß besaß, einen akademischen Grad, ein antikes Kinn und eine Haarpracht, mit der er als Disco-König durchgegangen wäre. Einer, der Krafttraining machte, tätowiert war, elegant und gebildet wirkte und den Zeigefinger des Oberlehrers krumm ließ. Solche Buchautoren kommen alle Jahrzehnte einmal. Nun war Geher da. Das war 1993.“
– Marcus J. Oswald: Rotlicht in Wien und der Welt

Am 8. März 1994 gab es einen Club 2 zum Buch. Der Autor diskutierte dort mit einem Häfenpoeten, einem Bordellbetreiber, der Familienministerin, einer Bardame und Udo Jesionek. Geher selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits sichtlich gezeichnet von seinem Kokain-Konsum.

Am 22. Mai 1994 wurden Robert Geher und seine Frau Iris tot in ihrer Wohnung aufgefunden:

„Eine Kugel steckte in der Doktorurkunde an der Wand. Eine weitere Kugel durchlöcherte den Kopf seiner Frau, die auf der Couch saß. Eine Kugel steckte im Kopf Gehers. Eine weibliche Zeugin lief rechtzeitig aus der Wohnung. Nach der Tat gingen Spekulationen. Sein Computer war weg und kam erst geleert wieder zurück. Oberst Franz Kössler, damals Leiter der Spurensicherung, erinnert sich heute noch, dass der Tatort so aussah, dass man Bescheid wusste. Man fand Kokain zu Hauf in der Wohnung … Man fand zwei Tote in der Wohnung und eine Blutspur am Gang, die nach oben führte. Die Kriminalisten befürchteten das Schlimmste, nämlich einen dritten Toten. Doch die Spur war eine Fluchtspur der dritten Person, eine Frau aus Fernost[5], die während der Tat in der Wohnung war.“
– Marcus J. Oswald: Rotlicht in Wien und der Welt

Die Tatwaffe war eine 38er Smith & Wesson. Die Mordkommission konnte keine Spuren von Fremdeinwirkung feststellen; offenbar handelte es sich um Gattenmord mit Anschlusssuizid im Affekt. Der Vater des Soziologen äußerte nach dem Ableben seines Sohnes jedoch die Überzeugung, Geher und seine Frau seien ermordet worden. Er habe Verträge für weitere Bücher gehabt. Wenige Tage vor seinem Tod hätte Geher das letzte Kapitel seines nächsten Buches – Galgenvögel – fertiggestellt. Es habe den Titel getragen: Es muss nicht immer Selbstmord sein. Inhalt wären die mysteriösen Todesfälle von Karl Lütgendorf und Heribert Apfalter gewesen, und sein Sohn habe beabsichtigt, die Täter zu nennen.

Galgenvögel erschien tatsächlich posthum im selben Jahr – ebenfalls in der Edition S. – als zweites Buch Gehers. Von Freunden wurden die wenigen verbliebenen Notizen des Verstorbenen rekonstruiert.

Der Gürtel

(Straßenzug)


Wien 9, Währinger Gürtel. Autos kämpfen auf der nach einem Wolkenbruch
überschwemmten Kreuzung Sechsschimmelgasse mit dem Hochwasser. 1951.
Bild: © Der Wiener Gürtel – Verlag Christian Brandstätter


Wien 9, Währinger Gürtel. Versorgungsbusse der US-Armee
beliefern Geschäfte in den Stadtbahnbögen. 1954.
Bild: © Der Wiener Gürtel – Verlag Christian Brandstätter

Breiter, baumbestandener Straßenzug, folgt im allg. dem Verlauf des ehem. Linienwalls, beginnt im NW des 9. Bez. und umschließt in einem 1,5-2 km von der Ringstraße entfernten konzentrischen Bogen alle alten Bezirke mit Ausnahme der Leopoldstadt; er trennt deutlich die „inneren“ (3.-9. Bez.) von den „äußeren“ Bezirken (10.-19.). Sein westl. Teil wird von den Anlagen der ehem. Stadtbahn (Gürtellinie, heute U 6) längsgeteilt, das östl. Ende (zw. 3. und 11. Bez.) ist unausgebaut.


Europaplatz beim Westbahnhof
vor dessen Umbau.
Bild: © Der Wiener Gürtel


Stau am Neubaugürtel.
Bild: © Der Wiener Gürtel

Der Wiener Westgürtel befindet sich bekanntlich seit längerer Zeit im Focus der Stadtplanung. Die Vorschläge der „Gürtelkommission“, die in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre plante, wurden jedoch auf Grund finanzieller Engpässe aber auch auf Grund einer gewissen Skepsis gegenüber deren Wirksamkeit bis 1995 nicht umgesetzt. Mit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union (EU) ergab sich für Wien nun die Chance an der EU-Gemeinschaftsinitiative URBAN zu partizipieren und damit auch neue Optionen für den Gürtel zu eröffnen. URBAN soll in Problemzonen europäischer Städte Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Rasch kristallisierte sich der Westgürtelbereich als mögliche URBAN-Zone aus Wiener Sicht heraus. Unter tatkräftiger Unterstützung der verantwortlichen Politiker wurde ein Interventionsprogramm für diese Zone erarbeitet, die den Westgürtel und die angrenzenden gründerzeitlichen Stadtquartiere umfasst. Neben sachlichen Schwerpunkten, wie Stadterneuerung, Integration und Wirtschaftsförderung wurde auch ein räumlich abgegrenztes Schlüsselprojekt für die Mittelzone des Westgürtels namens URBION (Urban Intervention Gürtel-West) entwickelt. Die bestehenden Qualitäten, wie die Grünkulisse und die ehemaligen Stadtbahnbögen erhalten und aufwerten, von der Problemfixierung zur Chancenverwertung zu kommen und die sich bietenden Potenziale, die beispielsweise in den Gewölben der ehemaligen Stadtbahnbögen schlummern, zu erschließen. Vorhandene funktionale Defizite sollen abgebaut und die Bevölkerung zur Mitarbeit aktiviert werden.

DharmeshKultigesDer Wiener Gürtel Wie kann es passieren, dass man ausgerechnet vom Gürtel in Bann gezogen wird? Kaum eine Gegend in Wien hat einen ähnlich schlechten Ruf: Verkehrshölle, Ghetto für sozial Schwache, Straßenstrich. Und trotzdem: Das Stigma der urbanen Problemzone kann der Faszination und dem besonderen Reiz dieser verkannten Prachtstraße nicht...