Sagen aus Wien

„Der Zahnweh-Herrgott“


Der Zahnweh-Herrgott

In Alt – Wien lebten einmal drei lustige Junker. Sie saßen oft beisammen und zechten bis tief in die Nacht hinein. Junker Diepold war es, der nie nach Hause gehen wollte und oft noch auf dem Weg aus der Schenke ein tolles Stücklein lieferte und manchem Wiener einen Streich spielte. Einmal saß die liederlichen jungen Leute wieder beim Becher, und der Wirt hatte schon Sorge, wie er die Sperrstunde einhalten sollte. Als die Glocke das Zeichen zum Zusperren verkündete, führte er einfach die Pferde der drei Trunkenbolde vors Wirtshaus, kassierte die Zeche und drängte sie durch die Tür auf die Straße hinaus. So machten sie sich also auf den Heimweg. Dieser führte sie am Dom vorbei. Dabei sahen sie im Schein einer Lampe, daß die Dornenkrone der Christusfigur mit frischen Blumen geschmückt war. Damit sie der Wind nicht fortblasen konnte, hatte man sie mit einem Tuch festgebunden. Dieses reichte vom Scheitel über die Wangen bis unter das Kinn herab, wo es verknüpft war. Diepold bemerkte sofort, daß dies einem Tuche glich, wie es einer, der Zahnschmerzen hat, um die Backen bindet. Er lachte laut und rief übermütig: „Schaut nur, jetzt hat sogar unser Herrgott schon Zahnweh. Ein Wunder ist es ja nicht. Er steht ja auf einem zugigen Platz.“ Eine Weile scherzten sie noch, dann ritt jeder nach Hause. Doch siehe, in dieser Nacht konnte Junker Diepolt nicht einschlafen. Die Wangen brannten, und nicht lange darauf wurde er von Zahnschmerzen befallen, die immer ärger wurden. Er rieb sich die Backen und stocherte in den Zähnen herum, spülte sich den Mund mit scharfen Schnaps aus, aber es nützte nichts. Am Morgen holte er den Arzt, doch auch der konnte nichts machen. Er fand keinen einzigen kranken Zahn. Verständnislos schüttelte er den Kopf und sagte: „Sonderbar, ihr seid heute schon der dritte in Wien, der über Zahnschmerzen klagt, ohne daß ich einen Grund entdecken kann.“ Jetzt wurde dem Junker klar, daß sie der Totenherrgott auf dem Friedhof bestraft haben mußte. Auf der Stelle nahm er sich vor, die Statue um Verzeihung zu bitten. Er band sich ein warmes Tuch um den Kopf und schritt reuevoll zur Stephanskirche. Doch als er zum Christusbild kam, was sah er da? Seine beiden Zechbrüder, ebenfalls mit Tüchern rund um die Wangen gebunden, knieten vor dem Heiland und taten Buße. Auch Diepold kniete nieder und bat weinerlich um Verzeihung. Und siehe da! Die Reumütigen wurden erhört und der Zahnschmerz verschwand noch in dieser Stunde.

DharmeshJugendSagen aus Wien 'Der Zahnweh-Herrgott' In Alt - Wien lebten einmal drei lustige Junker. Sie saßen oft beisammen und zechten bis tief in die Nacht hinein. Junker Diepold war es, der nie nach Hause gehen wollte und oft noch auf dem Weg aus der Schenke ein tolles Stücklein lieferte und manchem...