Der Wiener Prater

Lieblingsnahausflugsziel ist im biedermeierlichen Wien der Prater. Die Saison wird am 1.Mai mit dem Wettlauf der „herrschaftlichen Läufer“ eröffnet. Die sonst vor den Equipagen des Adels herlaufenden Lakaien treten an diesem Tag unter hohen Wetten zum öffentlichen Wettkampf an. Die Hauptallee entlang bis zum Lusthaus und zurück schleppen sich die Läufer unter dem Jubel des Publikums. Trompetenschall, Fahnen und Geldpreise empfangen die Sieger. Militärmusik eskortiert sie in das erste Praterkaffeehaus, wo ihnen ein splendides Frühstück arrangiert wird, während die auf der Strecke Gebliebenen eingesammelt werden. Dieses Wettrennen wird 1848 wegen Unmenschlichkeit verboten. Am Nachmittag wogen – wie ab nun jeden Sonntag – Menschen und Wagen die Jägerzeile (seit 1862 Praterstraße) hinunter. Die Prunkkarossen des Hofes, des Hochadels und des reichen Bürgertums machen bis zum Abend in einem ununterbrochenen Korso die Hauptallee mit ihren vornehmen Praterkaffehäusern zum „Nobelprater“.


„Bey den Wirthshäusern“ im Prater.
Kolorierter Stich, T. Mollo. 1825

Das Volk vergnügt sich im Würstelprater, in einem Gewirr von Gasthäusern und Praterhütten, Marionettenbuden, Ringelspielen und Schaukeln, zwischen Praterharfenisten, Salamiverkäufern und Spektakel. Hier ist die Hochburg der Schausteller mit ihrem Affentheater und Flohzirkus, Taschenspielern und Feuerschluckern, Riesen und Zwergen, Menagerien, Panoramen, Wachsfiguren und Geistererscheinungen. Auf der „Zirkuswiese“ treten im Circus gymnasticus die beliebten Kunstreitergesellschaften von Christoph de Bach (?1808) und Alexander Guerra auf. Man lagert in den Praterauen und wartet, bis bei Einbruch der Dunkelheit auf der „Feuerwerkswiese“ Stuwer (?1802) seine funkelnden Raketen hochschießen lässt.

Text auszugsweise aus

Stadtchronik Wien
Dr. Christian Brandstätter, Dr. Günter Treffer
2000 Jahre in Daten, Dokumenten und Bildern
Von den Anfängen bis zur Gegenwart

mit freundlicher Genehmigung

Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.brandstaetter-verlag.at

Der historisch gewachsene Vergnügungspark blickt auf eine reichhaltige Geschichte zurück. Erste urkundliche Erwähnungen jenes Gebietes, welches ursprünglich urwaldähnlichen Charakter hatte, gehen auf das 12. Jahrhundert zurück. Das einst kaiserliche Jagdgebiet wurde 1766 unter dem „volksnahen“ österreichischen Kaiser Josef II. der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Bald darauf fanden sich eine Reihe von kleinen Vergnügungsbetrieben (Karusselle, Schießbuden, Imbiss-Stände, …) ein, die das Volk unterhielten und auch für das leibliche Wohl sorgten.

Den Einwohnern Wiens gefiel es, auf kunstvoll gestalteten Hutschpferden zu reiten und in luftigen Höhen zu schwingen. Man konnte dabei mit langen Stangen in Ringe stechen. Daher der Name Ringelspiel. Es waren Freizeitvorrichtungen für die breite Masse geschaffen worden.

Die Feuerwerke von Stuwer und auch die Ballonaufstiege Ende des 18. Jahrhunderts zogen die Wiener aus der Stadt zu den Festplätzen in den Prater. Dem Trend der Zeit folgend wurden volksbildnerische Einrichtungen (Theater, Wachsfigurenkabinett und Menschenmuseum – „Präuschers Panoptikum“ mit 2000 Objekten, Vivarium, Planetarium, …) gebaut und dem bunten Treiben angeschlossen. Sensationen im alten Prater waren die Abnormitätenshows, bei denen Liliputaner, Haarmenschen, siamesische Zwillinge u. a. „Freaks“ (Monstrum, abnorme Gestalt) zu sehen waren. Die dicke Prater -Mitzi oder der aus Russland stammende Rumpfmensch Kobelkoff, sowie auch das gespenstische Zaubertheater von Kratky Baschik bereicherten die Morphologie der bizarren Praterlandschaft. Mit der Entwicklung der Technik und der Elektrizität wurde das Unterhaltungsangebot im Prater immer mannigfaltiger.

Im aufkommenden Eisenbahnzeitalter gründete der in Triest geborene Basilio Calafati im Jahre 1844 das erste Eisenbahnkarussell. In dieser Hütte wurde 1854 die Figur des „großen Chinesers“ als Mast aufgestellt. Viele Schausteller und Techniker aus allen Teilen der österr.- ungar. Monarchie, aber auch aus dem übrigen Europa verwirklichten im illustren Wiener Vergnügungspark ihre Ideen.

Dem Engländer Basset gelang es im Jahre 1897, das heute noch bestehende Riesenrad im Wiener Prater aufzustellen. Dieses Gefährt mit einem Durchmesser von 61 Metern hatte ursprünglich 30 Waggons. Als die ersten „lebenden Bilder“, die Kinematographie, entstanden, wurde 1896 das erste Kino im Prater eröffnet. Die Elektrizität brachte 1898 die erste elektrisch betriebene Grottenbahn in den Prater. Diese Märchenbahn war auch die erste in Europa. Anlässlich der Popularität des Flugzuges wurde 1911 das erste „Aeroplankarussell“ aufgebaut. 1926 folgte das erste „Autodrom“ und 1933 die erste „Geisterbahn“. 1928 wurde die heute noch fahrende „Liliputbahn“, eine verkleinerte Form der großen Dampflokomotiven, in den Prater gebracht. 1935 brachte ein Praterunternehmer aus Chicago die rasante „Flugbahn“, eine nicht auf Schienen gebundene Anlage, in den Prater.

Der Prater änderte stets sein Gesicht, modernisierte sich und passte sich dem Trend der Zeit an. Eine Attraktion löste stets die andere ab. Nur wenige historische Betriebe haben sich in die Gegenwart herüber retten können. Traditionsbewusste Unternehmen, wie z.B. das „Ponykarussell“ aus dem Jahre 1887 oder der nostalgische Rutschturm „Tobogan“ aus den 50er Jahren kämpfen gegen den Geschmack der Zeit und den Bedürfnissen der Besucher an. An Popularität wird aber das historische Riesenrad, die „Liliputbahn“ und freilich auch die Gastwirtschaft „Schweizerhaus“ (Spezialität: Stelze und Bier) niemals verlieren.

Klapprige Geisterbahnen und funkelnde Grottenbahnen, obwohl verstaubt, werden sich auch nicht aus dem Prater drängen lassen. Zwischen den historischen Betrieben blitzen die neuen, modernen, hydraulisch betriebenen High-Tech-Fahrgeschäfte. 1909 – 1944 war die gewaltig dimensionierte „Hochschaubahn“ stets ein Magnet für die Praterausflügler. Eine verkleinerte Form ist die nach dem Krieg errichtete „Neue Wiener Hochschaubahn“. Von der Geschichte gänzlich verschluckt wurde das prachtvolle „Venedig in Wien“. Auf dem Gelände der heutigen Kaiserwiese befand sich um die Jahrhundertwende die Illusionswelt der künstlich nachgebauten Lagunenstadt. Der Initiator Gabor Steiner schuf 1895 eine Welt im Prater, in der sich nicht nur die High Society, sondern auch die böhmischen Dienstmägde und die Soldaten des österreichisch ungarischen Vielvölkerstaates amüsierten. In der Epoche des Fin de Siècle, (=die dekadente Überfeinerung von Gefühl u. Geschmack am Ende des 19. Jh.) in der der Prater blühte, traten die bekanntesten Dirigenten jener Zeit (Strauß, Lanner, Ziehrer) auf.

Charakteristisch für den Wiener Prater ist heute auch die anschließende grüne, naturbelassene Praterau. Eine gewinnende Erholungslandschaft mit Bäumen, Wiesen und Teichen. Durch diesen willkommenen und stillen Teil des Praters führt die 4,5 km lange Hauptallee, die mit alten Kastanienbäumen gesäumt ist. Seinerzeit wurden dort farbenfrohe Blumenkorsos abgehalten, wo sich u.a. auch das Kaiserpaar und Bürgermeister Lueger zeigten. Entlang der Hauptallee lagen die heute nicht mehr bestehenden, berühmten drei Kaffeehäuser. Das von Canevale 1783 errichtete „Lusthaus“ am Ende der Hauptallee ist hingegen noch zu finden. Vergangenheit ist das „Variete Leicht“, wo lange Zeit beliebte Filmstars und Künstler von anno dazumal (Aslan, Jeritza, Moser, …) das Praterpublikum unterhielten.

Zum Prater zählt auch das Messegelände. Dort fand 1873 die Weltausstellung statt. Die Rotunde, jener stolze kuppelbekrönte Zentralbau, wurde 1937 ein Raub der Flammen. Was sich an historischer Bausubstanz oder Einrichtungen im Prater im Laufe der Zeit nicht selbst überlebt hatte, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der schwerst lädierte Vergnügungspark wurde aber wieder aufgebaut. Er etablierte sich wieder zum festen Bestandteil im kulturellen Unterhaltungsangebot der Großstadt Wien. Die Kraftmessmaschine „Watschenmann“ gehört zum lokalgeschichtlichen Unikat dieser Institution, doch auch der frech-trotzige „Praterkasperl“ prägt das Kolorit des Wiener Praters.

DharmeshJugendDer Wiener Prater Lieblingsnahausflugsziel ist im biedermeierlichen Wien der Prater. Die Saison wird am 1.Mai mit dem Wettlauf der „herrschaftlichen Läufer“ eröffnet. Die sonst vor den Equipagen des Adels herlaufenden Lakaien treten an diesem Tag unter hohen Wetten zum öffentlichen Wettkampf an. Die Hauptallee entlang bis zum Lusthaus und zurück...