Das vergeudete Leben
Seine oppositionelle Intelligenz, die Art, wie er über die meisten Erzherzöge und den Hofadel urteilt, die Wahl seiner Gesellschaft – dies alles erschwert und verleidet es dem Kronprinzen, in Wien immer nur die zweite Geige zu spielen. Wie seine Mutter beginnt auch er den Hof zu meiden, läßt er seine Familie im Stich. Es ist nicht, wie man sagt, sein unbeständiges Naturell, das ihn forttreibt; er flieht aus einem Dasein, hinter dessen goldstrotzender Kulisse sich eine große Leere auftut. Es war der Wille des Kaisers, daß der Thronfolger Offizier wird. Rudolf hat ehrlich versucht, diesem Befehl zu gehorchen. Er war Oberst in Prag, dann Generalmajor, nun ist er Divisionär in Wien.


Eine der letzten Aufnahmen
von Kronprinz Rudolf als Feldmarschallleutnant in ungarischer Galauniform, 1889

Es hätte alles gut werden können, wenn er Stephanies Liebe hätte erwidern können. Doch er liebt sie eben nicht, er gibt sich kaum Mühe, sie zu verstehen. Er kann ihren Anblick nicht mehr
ertragen, mittlerweile erscheint ihm seine Frau mit ihrer blassen Haut und den hellblonden Haaren auch nicht mehr hübsch. Sie kommt ihm bigott und beschränkt vor. Er stürzt sich wieder in amouröse Abenteuer, betrügt sie nach Strich und Faden in unzähligen flüchtigen Affären. Sie fühlt sich verletzt und macht ihm lautstarke Eifersuchtsszenen. Schließlich läßt auch sie sich ein auf erotische Liaisons, Seitensprünge, außereheliche Eskapaden.
Das Zusammenleben wird für beide unerträglich.
Rudolf selbst erkennt letzten Endes: „Wir passen nun mal nicht zusammen, wir machen uns das Leben zur Hölle.“ Stephanie dagegen erklärt sich die verfahrene Situation auf ihre Weise: „Infolge der vielen Erfahrungen, die er von jung auf mit Frauen gemacht hat, schätzt er eben die Frau als solche gering und erachtet sie nicht als ebenbürtiges Wesen.“

Franz Joseph berühren die Klagen und Beschwerden peinlich, die ihm über seinen Sohn zu Ohren kommen. Er erfährt aus geheimen Berichten zu seinem größten Mißbehagen, dass Rudolf weiterhin mit liberalen Journalisten Umgang pflegt; die Gesellschaft wird durch Rudolfs »ungarische Freunderln« nicht besser. Der Sohn ist bald dreißig Jahre alt, er hat ein hohes militärisches Amt, es würde sich weder mit der Gesinnung Franz Josephs noch mit der Stellung des Thronfolgers vertragen, von ihm Rechenschaft zu fordern.

Kronprinz Rudolf
1858-1889

Eine der letzten Aufnahmen
von Kronprinz Rudolf als Feldmarschallleutnant in ungarischer Galauniform, 1889.

Das vergeudete Leben

Seine oppositionelle Intelligenz, die Art, wie er über die meisten Erzherzöge und den Hofadel urteilt, die Wahl seiner Gesellschaft – dies alles erschwert und verleidet es dem Kronprinzen, in Wien immer nur die zweite Geige zu spielen. Wie seine Mutter beginnt auch er den Hof zu meiden, läßt er seine Familie im Stich. Es ist nicht, wie man sagt, sein unbeständiges Naturell, das ihn forttreibt; er flieht aus einem Dasein, hinter dessen goldstrotzender Kulisse sich eine große Leere auftut. Es war der Wille des Kaisers, daß der Thronfolger Offizier wird. Rudolf hat ehrlich versucht, diesem Befehl zu gehorchen. Er war Oberst in Prag, dann Generalmajor, nun ist er Divisionär in Wien.

Es hätte alles gut werden können, wenn er Stephanies Liebe hätte erwidern können. Doch er liebt sie eben nicht, er gibt sich kaum Mühe, sie zu verstehen. Er kann ihren Anblick nicht mehr
ertragen, mittlerweile erscheint ihm seine Frau mit ihrer blassen Haut und den hellblonden Haaren auch nicht mehr hübsch. Sie kommt ihm bigott und beschränkt vor. Er stürzt sich wieder in amouröse Abenteuer, betrügt sie nach Strich und Faden in unzähligen flüchtigen Affären. Sie fühlt sich verletzt und macht ihm lautstarke Eifersuchtsszenen. Schließlich läßt auch sie sich ein auf erotische Liaisons, Seitensprünge, außereheliche Eskapaden.
Das Zusammenleben wird für beide unerträglich.
Rudolf selbst erkennt letzten Endes: „Wir passen nun mal nicht zusammen, wir machen uns das Leben zur Hölle.“ Stephanie dagegen erklärt sich die verfahrene Situation auf ihre Weise: „Infolge der vielen Erfahrungen, die er von jung auf mit Frauen gemacht hat, schätzt er eben die Frau als solche gering und erachtet sie nicht als ebenbürtiges Wesen.“

Franz Joseph berühren die Klagen und Beschwerden peinlich, die ihm über seinen Sohn zu Ohren kommen. Er erfährt aus geheimen Berichten zu seinem größten Mißbehagen, dass Rudolf weiterhin mit liberalen Journalisten Umgang pflegt; die Gesellschaft wird durch Rudolfs »ungarische Freunderln« nicht besser. Der Sohn ist bald dreißig Jahre alt, er hat ein hohes militärisches Amt, es würde sich weder mit der Gesinnung Franz Josephs noch mit der Stellung des Thronfolgers vertragen, von ihm Rechenschaft zu fordern.

Es wundert nicht, wenn Rudolf, nervös gemacht, seinem Freund Moritz Szeps schreibt: „Ich hatte Grund zu glauben, daß man in hohen Kreisen unsere Beziehungen kennt; seither habe ich greifbare Vermutungen gesammelt … Ich kenne leider nur zu gut die Kampfweise meiner Gegner; ich habe es schon in einer bösen, in einer schmählichen Weise durchmachen müssen.“ Es ist kein Verfolgungswahn, keine Übertreibung, was Rudolf berichtet; er wird ja auf
Schritt und Tritt von Spionen und Nachrichtendienstlern verfolgt, die meist harmlose Vorgänge aufbauschen und entstellt in die Hofburg rapportieren


Der Kronprinz an seinem dritten Geburtstag vor der Rudolfsvilla in Reichenau. Photographie, 1861.

Nur in einem Punkt ist der Kaiser unnachsichtig: Er verlangt die Wahrung der Sitte auch in der Ehe. Er will sich die unendlich ermüdenden Klagen der Kronprinzessin Stephanie nicht mehr anhören müssen.

Zu spät erkennt Kronprinz Rudolf den Widerspruch der Konvention, die den Thronanwärter zur staatsräsonablen Heirat zwingt und zugleich die Erfüllung aller Ehepflichten von ihm fordert. »Rudolfs Exzesse sind zweifellos durch sein merkwürdiges Verhalten zu seiner Gattin motiviert«, notiert Erzherzog Leopold Ferdinand Salvator, der selbst ein höchst problematisches Verhältnis zum Kaiserhof hat, „er hätte mit einer gleichgültigeren
Frau besser gelebt. Sie ist zwar äußerlich sehr korrekt, sehr vornehm
und sehr liebenswürdig, und so erscheint die Kronprinzessin als
‚kühle Blonde‘; in Wirklichkeit gleicht sie aber einem Vulkan, der von
einer Eishaube bedeckt ist.“

In seinen letzten Lebensjahren stürzt Rudolf sich in den Trubel des Vergnügens. Begleitet von seiner Geliebten Mizzi Kaspar und von seinem ihm treu ergebenen, leutseligen Fiaker und Heurigensänger Josef Bratfisch zieht er durch die kleinen Buschenschenken Wiens, läßt er sich anstecken von der Atmosphäre kraftvoller Emotionen und vitaler Sinnlichkeit. Durch einen exzessiven Lebenswandel versucht er den fortschreitenden Verfall zu kaschieren. Doch die Phasen der Depressionen werden immer länger, der Druck auf ihn nimmt zu.

Die Wiener Gesellschaft reagiert auf den Kronprinzen erheblich positiver als der Kaiserhof, was zweifellos mit dem äußerst charmanten Wesen Rudolfs zu tun hat. Er gilt als populär, kann umgänglich sein, ist aber ebenso sehr imstande, hochmütig und herablassend zu erscheinen. „Der Kronprinz ist oft kindlich und ein wirklich angenehmer Gesellschaft“, meint Louise von Coburg, die Schwester der Kronprinzessin Stephanie. „Er hat es nicht schwer, den Frauen zu gefallen, denn er ist ja mehr als schön; er ist verführerisch. Man denkt bei ihm unwillkürlich an ein Vollblutpferd, denn wie dieses hat er leichten Sinn und Launen. Er ist sensibel und wechselt seine Stimmung, ist in einem Moment liebenswürdig, im nächsten zornig und im dritten Augenblick wieder der entzückendste Mensch … Rudolfs mysteriöse Art zu sprechen fesselt seine Zuhörer, von denen jeder sich geschmeichelt fühlt, etwas von seinem Wesen zu begreifen. Er ist sehr gebildet, hat viel gelesen, und sucht mit


Offizielle Porträtaufnahme von Rudolf für Stephanie anläßlich der Verlobung in Belgien, 7. März 1880.

Vorliebe die Gesellschaft von Künstlern und Gelehrten.“

In den letzten drei Jahren vor seinem Tod sind es jedoch weniger die Künstler und Gelehrten, die Einfluß auf den Kronprinzen haben. Vielmehr avanciert Mizzi Kaspar zu Rudolfs engster Vertrauten. Als seine Ehe endgültig gescheitert ist, der Hof ihn vollständig isoliert, findet er bei der lebenslustigen und unkomplizierten Mizzi Halt und Unterstützung. Doch Mizzi plaudert allerlei private und intime Details aus dem Leben des Kronprinzen aus. Und sämtliche Informationen gelangen umgehend an den Wiener Polizeipräsidenten, der wiederum Kaiser Franz Joseph Bericht erstattet. Nicht nur die politischen Aktivitäten Rudolfs werden also ausspioniert, sondern auch das Privatleben ist Gegenstand der Indiskretion.
Der Vorhang fällt

…Vermutlich haben die beiden zu diesem Zeitpunkt bereits eine Reihe von Briefen geschrieben. Rudolf muß seine Briefe zum größten Teil in Wien verfaßt haben, denn sie beschäftigen sich mit so wichtigen Dingen wie seinem Testament. Marys Briefe haben einen fast leichtfertigen Tonfall. Ihrem Bewunderer, Miguel von Braganza, teilt sie mit: „Wir sind schon sehr neugierig, wie es in der anderen Welt aussieht.“ Sie verspricht ihm ihren Pelzkragen, den er sich übers Bett hängen soll. Marie Wallersee-Larisch, die wegen ihres Engagements in dieser Affäre völlig kompromittiert sein wird, macht sie den trefflichen Vorschlag, ihrem Beispiel zu folgen.
Auch ihre Schwester Hanna bekommt einen Abschiedsbrief:
„Wir gehen beide selig in das ungewisse Jenseits. Denket hie und da an mich, seid glücklich und heiratet aus Liebe. Ich konnte es nicht tun und da ich der Liebe nicht widerstehen konnte, so gehe ich mit ihm. Deine Mary.
Weine nicht um mich, ich gehe friedlich hinüber. Es ist wunderschön
hier draußen. Jetzt noch einmal: Leb wohl.“

An ihre Mutter schreibt sie: „Verzeiht mir, was ich getan; ich konnte
der Liebe nicht widerstehen. In Übereinstimmung mit ihm will ich neben ihm am Friedhof von Alland begraben sein. Ich bin glücklicher im Tode als im Leben. Deine Mary.“ In einem Postskriptum fügt sie hinzu:
„Bratfisch hat gestern abend wundervoll gepfiffen.“


Ansicht des Jagdschlosses von Mayerling von Osten aus: links das eigentliche Jagdschloß, in der Mitte das ebenerdige Dienstbotengebäude, rechts der sogenannte Elisabeth-Trakt, von dem nur das Dach zu sehen ist.

Nachdem die Briefe geschrieben sind, nimmt Rudolf seine Dienstwaffe, einen Revolver, und schießt Mary mit einer Bleikugel in die Schläfe. Er legt ihren Leichnam auf dem Bett zurecht und gibt ihr eine rote Rose in die Hand. Sie trägt nichts als ein leichtes Hemd.

„In Liebe vereint bis in den Tod“. Sind sie das wirklich? Mary hat ihre großen blauen Augen vor dem Knall des Revolvers geschlossen, aber in dem Augenblick, als sie tot war, muß Rudolf gemerkt haben, daß auch von zwei Selbstmördern jeder allein in den Tod geht, und daß er trotz allem ohne Begleitung sterben wird. Wir wissen nicht, welche Gedanken durch seinen Kopf jagen. Ist es Feigheit, was ihn daran hindert, die Waffe gegen sich selbst zu richten? Er stiehlt dem Leben Stunde um Stunde, läßt Mary allein in der anderen Welt erwachen. Er trinkt viel in dieser Nacht, vielleicht denkt er über einen Ausweg nach.

Am Morgen des 30. Januar verläßt Rudolf um halb sieben vollständig angekleidet sein Gemach. Er geht in das Zimmer seines Kammerdieners, weckt Loschek und teilt ihm mit, daß er noch eine Stunde schlafen wolle, aber um halb acht geweckt zu werden wünsche. Bratfisch wird angewiesen, zu dieser Zeit mit seinem Fiaker zu warten.

Wie ihm befohlen wurde, klopft Loschek um halb acht an die Tür des Kronprinzen. Keine Antwort. Er klopft lauter. Schließlich läuft er aufgeregt zu Graf Hoyos, der schließlich vorschlägt, die Tür aufzubrechen. Loschek gesteht ihm, daß Baronesse Vetsera im Zimmer sei. Der Graf zaudert.


Das Begräbnis des Kronprinzen. Die Equipage hält vor der Kaisergruft.
Wien. Photographie, 1889.

Zu seiner Erleichterung fährt in diesen Minuten der Fiaker vor, mit dem Prinz Philipp, vom Bahnhof kommend, aus Wien nach Mayerling zurückkehrt. Die beiden Freunde besprechen sich, beschließen dann, gemeinsam die Verantwortung zu tragen und die Tür aufzubrechen. Aus Respekt vor Mary soll dann nur Loschek eintreten.

Der Kammerdiener betritt das Zimmer, kommt zurück und berichtet, daß er Rudolf und Mary tot auf dem Bett vorgefunden habe, der Kronprinz lehne über den Bettrand, vor ihm habe sich eine große Blutlache angesammelt. Irgendwo hat der Kammerdiener gelesen, daß Strychnin Blutungen erzeuge, und da in Rudolfs Reichweite ein Glas steht, vermutet er, daß dieser vergiftet worden sei.
Johannes Thiele,
geboren 1954. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Paderborn. Seit 1983 in verschiedenen deutschen Verlagshäusern tätig, in den letzten zehn Jahren als Cheflektor bei Hoffmann und Campe, Programmleiter des List Verlages und des Marion von Schröder Verlages, Verlagsleiter der Verlagsgruppe Lübbe. Seit 2005 freier Autor und Publizist, seit 2007 Verleger des Thiele-Verlages.

Kronprinz Rudolf
Mythos und Wahrheit

Johannes Thiele zeichnet in diesem Porträt des österreichischen Thronfolgers ein facettenreiches Bild der Persönlichkeit Rudolfs: von seiner streng militärischen Erziehung, dem problematischen Verhältnis zu seiner Mutter, seinem Kampf um Anerkennung durch den Vater, seinem liberalen persönlichen Umfeld und seinen politischen Anschauungen, die in krassem Gegensatz zur offiziellen Politik des Wiener Hofes standen und ihn zu einem Leben voller Heimlichkeiten zwangen. Rudolfs Jagdleidenschaft und seine wenig bekannten naturwissenschaftlichen Forschungen kommen ebenso zur Sprache wie die unglückliche Ehe mit Stephanie von Belgien und sein exzessiver, von Affären, Krankheit, Alkohol und Drogen bestimmter Lebenswandel. Am 30. Jänner 1889 nahm er sich – erst dreißig Jahre alt – im ehemaligen Jagdschloß Mayerling mit seiner letzten Geliebten, der blutjungen Baronesse Mary Vetsera, das Leben.

DharmeshPersonenDas vergeudete Leben Seine oppositionelle Intelligenz, die Art, wie er über die meisten Erzherzöge und den Hofadel urteilt, die Wahl seiner Gesellschaft - dies alles erschwert und verleidet es dem Kronprinzen, in Wien immer nur die zweite Geige zu spielen. Wie seine Mutter beginnt auch er den Hof zu meiden,...