Schneller als die Zeit erlaubt
Wie andere Kupferstecher, hielt Hieronymus Löschenkohl aktuelle Ereignisse in Bildern fest. Der entscheidende Unterschied bestand in der verblüffenden Geschwindigkeit, mit der er produzierte. Gepaart mit Idee, Witz und Geschäftssinn bildete sie die Grundlage seiner Originalität.

Er war umtriebiger Bilderproduzent und brachte die „News“ seiner Zeit unters Volk, hatte beste Kontakte zum Kaiserhaus und einen untrüglichen Geschäftssinn: Hieronymus Löschenkohl begann 1780 als Graveur in Wien und wurde mit Silhouetten von berühmten Zeitgenossen wie Mozart oder Haydn stadtbekannt.

Seine bunt kolorierten Stiche „berichteten“ vom Totenbett Maria Theresias, von Revolutionen und Kriegen, von adeligen Festen und sonstigem Spektakel.
Er produzierte Kalender, verkaufte bedruckte Tapeten, Knöpfe und Fächer, sorgte mit Gesellschaftsspielen für Unterhaltung

Löschenkohls Themen
Bildreporter der Tagespolitik

Löschenkohl richtete die Produktion seiner Bilder nahezu ausnahmslos an den politischen Ereignissen aus: Er lieferte seiner Kundschaft „authentische“, intime Einblicke in die höfische Gesellschaft, bot ein Panoptikum repräsentativer Herrschaftsdarstellungen feil und erlaubte sich fantastische Berichte aus dem Jenseits.


Bild: Die Unterredung Josephs II. mit Pius VI., 1782. Kupferstich, koloriert,
Blatt: 31×41 (oval, beschnitten). Wien Museum, Inv.Nr. 62.034

Visuelle Revolution
Die „Broschürenwellen“ der josephinischen Zeit erzeugten ein neues lesendes Publikum. Löschenkohls Bildproduktionen stehen für die dramatische Veränderung der Sehgewohnheiten der nun räsondierenden Kundschaft.

Bild: So führte man den Ochsen in Preßburg herum, der bei der ungarischen Krönung gebraten wurde, 1790. Kupferstich, koloriert, Platte: 28,2×39. Blatt: 31,3×44 (beschnitten). Bez. u.: So führte man den Ochsen in Presburg herum, der bey der Hung = Krönung am 15.Nov: gebraten wurde. Wien Museum, Inv.Nr. 62.061

Die neue Öffentlichkeit im Bild
Löschenkohls Kupferstiche von der neuen Öffentlichkeit bilden diese ab und repräsentieren sie. Die gelockerten Zensurbedingungen boten neue Freiheiten, gleichzeitig entstanden neue Grenzen dessen, was als „normal“ galt.
Prostitution
Löschenkohls Darstellungen der Wiener Prostitutionsgeschichte sind ambivalent zu deuten: als zustimmender Kommentar zur Gesetzeslage, als Kritik an den Prostituierten in ihren Kunden oder als philantropische Geste. In jedem Fall sind sie ein Instrumentarium der Sozialkontrolle am Knackpunkt zwischen theoretischen Moralvorstellungen und gelebter Praxis.

Bild: Am Spittelberg im Extrazimmer, 1783. Kupferstich, Platte: 23,6×34,3.
Blatt: 27×37 (beschnitten). Bez. Mi. u.: So lebt man am Spittelberge im extra Zimer.
Wien Museum, Inv.Nr. 108.472

Bilder von der Front
Die Berichterstattung zu den josephinischen Türkenkriegen war das Medienereignis des späten 18. Jahrhunderts schlechthin: eine Art „embedded journalism“. Über 200 Kupferstiche zeigen Karikaturen auf die Gegner, Schlacht- und Lagerszenen, Karten und Ansichten der Kriegsregion.

Der Mufti befeuchtet bei der Eröffnung des Feldzuges die Kanonen mit Rosenwasser, 1788. Kupferstich, koloriert, Blatt: 37×48 (beschnitten). Bez. Mi. u.: Der Mufti befeuchtet bey Eröfnung des Feldzuges die Kanonen mit Rosenwasser.
Wien Museum, Inv.Nr. 62.072


Die Rekrutierung der Türken, 1788 (?). Kupferstich, koloriert, Blatt:
30,5×35 (beschnitten). Bez. Mi. u.: Die Recrutirung der Türken.
Wien Museum, Inv.Nr. 48.008

Ballonsensationen
Löschenkohl interessierte sich aus eigenem ökonomischen Interesse für den Austausch mit Gleichgesinnten über neue Erfindungen: Er baute diese nach oder vertrieb sie, er machte sich über sie lustig oder zollte ihnen anerkennend Tribut.

Bild: Blanchards missglückter Versuch am 9.März 1791, 1791. Kupferstich, koloriert, Platte: 25,5×32,5. Blatt: 28×38 (beschnitten). Bez. M. u.: Das Luftschiff des H: Blanchard, mit welchem er am 9ten Merz 1791 zu Wien eine Luftreise / machen wollte, welches aber der Wind zerriß. / Befiehlt das Element so muß die Kunst sich schmiegen. / Drum kan selbst Blancahrd nicht in hohe Lüfte fliegen. / Der Wind zerreißt den Ball, jedoch nicht Blanchards Ruhm / Erfindung, Kunst und Muth verleibt sein Eigenthum. Wien Museum, Inv.Nr. 164.205

Spektakuläre Kriminalfälle
Löschenkohls Kupferstiche über Todesurteile und Hinrichtungen befriedigten die Sensationslust der WienerInnen und belebten die ohnehin schon heftig geführten Diskussionen über das Strafrecht: VertreterInnen der Aufklärung bezweifelten die Wirksamkeit der Folter- und Todesstrafe..

Löschenkohls Produkte
Almanache, Kalender & Musikalien


Bild: Kalender der Küsse für Freundschaft und Liebe für das Jahr 1793, 1792. Wien, Verlag Johann Hieronymus Löschenkohl. Beiger Pappband, 10,3×6,5. Gestochener Titel, Titelkupfer, 12 Monatskupfer, 9 kolorierte Modekupfer. Bez.: KALENDER / der / Küsse / für / Freundschaft / und / Liebe / auf das Jahr / 1793 / von H: Löschenkohl / in Wien.
Wien Museum, Inv.Nr. 100.069

Hübsche Almanache, politische, unterhaltsame und praktische Kalender, originell aufgemachte Musikalien, kleine Buchprojekte – Löschenkohl sorgte stets für neue Überraschungen, die sich an Männer wie Frauen
gleichermaßen adressierten.
Florierende Fächerfabrik
Löschenkohl verlegte mindestens 80 verschiedene Fächer unterschiedlichster Ausführung für alle Stände. Die Bildmotive beziehen sich auf das Herrschaftshaus, aktuelle Ereignisse oder sind spielerischer Natur. In der höfischen Gesellschaft waren Fächer Teil eines komplexen nonverbalen Kommunikationssystems.

Bild: Annenfächer, 1794. Wien, Verlag Johann Hieronymus Löschenkohl. Fächerblatt aus Seide, teilweise mit Papier hinterklebt, Kupferstich, koloriert, mit Gold- und Silberpailletten benäht, Gestänge aus Elfenbein, Deckstäbe geschnitzt, Länge: 27. Bez. re. u.: Bey Löschenkohl in Wien / Anno July 1794. Im Längsoval ein sitzendes rosengeschmücktes Mädchen, umgeben von drei Grazien, die ein mit Blumen verziertes Schid mit der Aufschrift: Rosen auf / Deinem Pfad / zu streuen sey / mein Geschäft./ tragen.
Wien Museum, Inv.Nr. 108.602

Rätsel, Karten & Würfelspiele
Billard, Kegeln, Karten- und Würfelspiele unterhielten die WienerInnen in Casinos, in Gastwirtschaften, im Kaffeehaus und in privaten Gesellscahften. Löschenkohl produzierte über 80 Spiele und versorgte seine Kundschaft laufend mit Neuigkeiten.

Bild: Das Karikatur-Kartenspiel, 1806. Wien, Verlag Johann Hieronymus Löschenkohl. Kupferstich, koloriert, 8,7×5,7. 7 Blatt (hier 4) in französischen Farben. Wien Museum,
Inv.Nr. 51.749. Das Spiel ist unvollständig (ursprünglich 52 Blätter).

Modische Möbelvorlagen
1803 lieferte Löschenkohl seinem Publikum einmalig Möbelkupfer als Vorlage und Einladung und Einladung zur Nachahmung. Er adressierte sich an ZwischenproduzentInnen und LetztverbraucherInnen. Schon ein Jahr später etablierte sich in Wien die „Danhause’sche Möbelmanufaktur“, Urahn der fabriksmäßigen Möbelerzeugung.
Silhouetten-Starkult im späten 18. Jahrhundert
Als Hieronymus Löschenkohl 1781 nach Wien kam, startete er seinen beruflichen Weg mit dem Schneiden von Schattenrissen. Die Lust, sich porträtieren zu lassen, Silhouetten auszutauschen, in Gästebücher einzukleben, Andenken zu bewahren und Bilder von Angebeteten zu besitzen, traf auf die recht billige Produktions- und Verfielfältigungsweise der kleinen Bildchen.


Löschenkohl porträtierte vor allem Personen des öffentlichen Lebens und bot deren Abbilder einzeln oder gebunden in Kalendern feil. Exemplarisch für das Who is who der Wiener Gesellschaft des späten 18. Jahrhunderts, die Löschenkohl festgehalten hat, werden hier die Silhouetten aus dem Kalender „K. K. Hof Theater 1788“,
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Ferdinand Arnold
Reg.Nr.: 627
ergänzt um biografische Angaben, wiedergegeben. Löschenkohl teilte die Personen in vier Gruppen: „National Schauspiel“, „Capellmeister“, „Nationalsingspiel“ und „Welscher Oper“. Dass vereinzelt Personen doppelt vorkommen, ist wohl ein Hinweis auf die rasche – und in diesem Fall fehleranfällige – Produktionsweise seiner Manufaktur.

Monika Sommer (Hg.)
Kuratorin am Wien Museum. Studium der Geschichte an den Universitäten Graz und Wien. Promotion 2003. 1999-2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Österreichishcen Akademie der Wissenschaften, Kommission für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte. 2003-2008 Assistentin von Wolfgang Kos, Direktor Wien Museum. Aktuelle Publikationen: Hg., gem. mit Charlotte Martinz-Turek: Storyline. Narrationen im Museum (=schnittpunkt.ausstellungstheorie & praxis 2), Wien 2009; Hg., gem. mit Dagmar Höss, Heidemarie Uhl: IN SITU. Nationalsozialismus in Linz, Weitra 2009; Hg., gem. mit Heidemarie Uhl: Mythos Alt-Wien. Spannungsfelder urbaner Identitätskonstruktionen, Innsbruck u.a. 2009.