Fotobildbände des 20.Jahrhunderts
Autor: Michael Ponstingl
Christian Brandstätter Verlag
Albertina – Wien

Nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Vernachlässigung hat den Fotobildband eine Dynamik des Rückblicks erfasst, die sich geradezu als Konjunktur ausnimmt. Zum einen sind in den letzten Jahren einige Sachbücher zum Thema erschienen, die beanspruchen, die maßgeblichen Titel zu versammeln. Sie alle umweht ein wenig das Pathos, kanonisch wirken zu wollen. Hinzugesellen könnten sich simplere, namentlich wertbildende Interessen, bedenkt man, dass so mancher Herausgeber selbst Sammlungen von „photobooks“ besitzt. Zum andren mehren sich monografische Publikationen, die stärkere


Flieg mit über Wien, 1968.
Landesbildstelle Wien-Burgenland od. Pressestelle d. Stadt Wien od. Walter Häupl od. AUA. 21,4 x 24 cm, 121 S.

Sensibilität für denjenigen Kontext aufbringen, in dem die Fotografien ursprünglich veröffentlicht wurden. Hier bekommt man dann ganze Zeitungsseiten oder Doppelseiten von abgeriebenen Büchern zu sehen. Was sogleich auffällt, ist der zumeist unbefangene Umgang mit dem Begriff „Bildband“ oder einem seiner Brüder. So verbirgt sich hinter diesem unscheinbaren Wort viel Unterschiedliches. Die inhaltliche Arbeit am Begriff – aber genauso die fotohistorische Einordnung – steckt also noch in den Kinderschuhen.
Touristische Bildbände
oder: Wien als Ware
Unzweifelhaft gehört das touristische Feld vom Ausstoß her zu den produktivsten. Was die Buch-Autorschaft anbetrifft, treten alle erdenklichen Spielarten auf: sowohl Fotografen wie Schreiber oder Verleger nehmen die Funktion des Autors beziehungsweise Editors ein. Dennoch lässt sich grob eine Tendenz ausmachen. Bis in die Fünfzigerjahre hinein dominierten Herausgeberbildbände, wofür die Gestalter aus Beständen gewerblicher Berufsfotografen und spezialisierter Agenturen schöpften. Selten genug gelang einem dieser Lichtbildner, Bücher unter eigenem Namen aufzulegen. Förderlich war da schon eine spezielle „betriebliche“ Konstellation. So unterhielten erfolgreiche Akteure wie Martin Gerlach oder Josef Löwy selbst Buchverlage oder führten wie Bruno Reiffenstein einen Fotoverlag. Letzterer Verlag publizierte keine Bücher, sondern verstand sich als kommerzielles Archiv für Aufnahmen von Architekturen, Interieurs, Skulpturen und kunstgewerblichen Gegenständen. Zahllose Verleger griffen auf diesen über Wien hinausgreifenden Bilderpool zurück. Auch Reiffenstein selbst generierte daraus Veröffentlichungen, die er anderswo, bei den Verlagshäusern Rosenbaum, Harz, Epstein und Fischer, herausbrachte.

Wien, 1951. Erwin Meyer. 24,2 x 17,3 cm, 184 S.

Von den Fünfziger- und Sechzigerjahren an verschob sich allmählich die eingebürgerte Tektonik dieser Gruppe von Bildbänden. Nun drängten immer mehr oft freiberufliche Fotopublizisten teils mit journalistischem Hintergrund auf den Buchmarkt. Wegbereiter wie Erich Lessing, Barbara Pflaum, Franz Hubmann und Martin Hürlimann reklamierten aus einem anders gelagerten Verständnis der eigenen Rolle heraus den Autorenbildband für sich. Dieser löste zwar den von einem Herausgeber ausgearbeiteten nicht vollständig ab, verwies ihn aber aus heutiger Sicht unverkennbar auf die hinteren Plätze. Das Erstarken der Position des Bildautors sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine solche publizistische Vorrangstellung dem Gros der Fotografen versagt blieb und bleibt. Immer schon mit zu geringem (auch symbolischem) Kapital ausgestattet, um selbst Bücher herauszubringen, sahen und
sehen sich diese gezwungen – vor allem bis nach dem Zweiten Weltkrieg teilweise unter Subsumierung ihrer Autorschaft unter die Institution -, Zeitungen, Illustrierten, Postkarten- und (Foto-) Verlagen
sowie Bildagenturen zuzuarbeiten.

Wien. Spaziergänge durch eine unbekannte Stadt, 1994.
30,4 x 29,3 cm, 120 S.

Gestern wie heute kooperieren die Fotografen auf Vertragsbasis mit kapitalistisch agierenden Privatverlagen (Gerlach, Lechner, Schroll, Brandstätter, Pichler etc.). Das heißt, im Gegensatz zu den übrigen sozialen Räumen, in denen Wien-Titel entstehen, zirkulieren und sich verbrauchen, müssen Erzeugnisse der kommerziellen touristischen (und ebenso der journalistischen) Bildpublizistik am freien Markt reüssieren; Finanzierungsinstrumente wie Mäzenatentum, Sponsoring, politische Förderung oder andre Formen von Subventionen und Umwegrentabilität, die das unternehmerische Risiko abfedern, entfallen für gewöhnlich. Die Distribution der Bücher geschieht über einen ausgedehnten Angebotsmarkt, vor allem über den allgemeinen Innenstadt- sowie auf Reisen spezialisierten Sortimentsbuchhandel, zudem über touristische Points of Sale wie Souvenirgeschäfte, Reisebüros und Informationsstellen.

Wien. Spaziergänge durch eine unbekannte Stadt, 1994.
30,4 x 29,3 cm, 120 S.

Nachdrücklich werden Touristen angepeilt. Die ganze (auch paratextuelle) Rhetorik der Bücher stellt auf ortsunkundige Fremde und nicht auf Einheimische oder primär an Fotografie Interessierte ab, mit dem orientierungsgebenden Anspruch, die Stadt, das heißt ihre einzigartige Geschichte, ihre Glanzstücke und ihr Geheimnis, vorzustellen. Fremd- oder zumindest mehrsprachige Ausgaben sind ein entschiedener Hinweis darauf, dass Verlegern der internationalisierte Fremdenverkehr vor Augen steht. Nicht dem kommerziellen touristischen Kontext entsprungene Wien-Bildbände weisen dieses Merkmal erheblich seltener auf. Die den Büchern implizite Vorstellung vom „Touristen“ geht, pauschal formuliert, hinsichtlich finanzieller Kapazitäten, kultureller Vorlieben und habitueller Neigungen auf einen (männlichen) Reisenden aus dem Mittelstand. Selten mehr als in Spurenelementen finden sich inhaltliche Abstufungen nach Klasse, Lebensstil, Geschlecht, Alter oder Religionszugehörigkeit (von „race“ ganz zu schweigen). Die Produktsegmentierung betreiben die Verlage vornehmlich über die Ausstattung. Die auf nahezu jede Geldbörse und jeden Geschmack abgestimmte Palette reicht von der kostengünstigen Broschur bis zum prestigeträchtigen Prachtband.
Journalistische Bildbände
Fotoreporter erkunden die Stadt
Es macht Sinn, Wien-Bildbände, die im Feld der kommerziellen Bildpublizistik niederkommen, in eine touristische und eine journalistische Spielart aufzuspalten. Gleichwohl die Bücher unter denselben ökonomischen Rahmenbedingungen entstehen und in der historischen Abkunft vom Schrifttum der Apodemik – einer Kunst des Reisens, die in Berichten, Führern, Itinerarien und Tagebüchern ihren publizistischen

Haus Meldemannstraße, 2003. Hertha Hurnaus. 21,5 x 21,2 cm, 156 S.

Niederschlag fand – eine gemeinsame Wurzel vorhanden ist, walten dennoch in Hinsicht auf die Produzenten, deren Berufsauffassung, den Adressatenkreis, die ans Licht gebrachten Repräsentationen der Stadt und die soziokulturellen Gebrauchsweisen zum Teil immense Unterschiede. Wenn journalistische Bücher ihren Fluchtpunkt in der Reportage finden, so bleiben touristische – trotz reportageartiger Aufmachung oder wenigstens Beimischungen seit den Fünfzigerjahren – wesentlich Sammlungen von architektonischen „Sehenswürdigkeiten“. Diese sind im Grunde genommen dem Archiv(-Gedanken) verschrieben, jene hingegen dem im weiten Sinn Ereignishaften. Selbstverständlich existieren heute – Stilwille, individuelle Blickpunkte, persönliche Handschrift, formale Meisterschaft werden hie wie da beansprucht – Bastarde sonder Zahl, man riskiere beispielshalber einen Blick in Harry Webers Wien/Vienna/ Vienne. Gesichter einer Stadt (1984) oder
Wien bei Nacht/Vienna by Night (1992).

Der WIener Naschmarkt, 1974. Georg Riha. 27 x 23 cm. 88 S.


Die Wiener Szene, 1987. Didi Sattmann. 29,9 x 21,9 cm, 112 S.

Je Buch anders, geht die anvisierte Leserschaft bei journalistischen Titeln über Reisende hinaus und begreift den genuin am Medium Fotografie Interessierten und den Stadtbewohner mit ein. Manchen Bildautoren, geschult an klassischen journalistischen Idealen, nämlich Öffentlichkeit zu organisieren, steht überhaupt der durch Information aufgeklärte Staatsbürger vor Augen. Zudem rollen Stadtreportagen ungleich mehr Aspekte des urbanen Lebens auf, die an den Bedürfnissen der Mehrheit der Touristen vorbeigehen. Diese Berichte verfangen sich im Unterschied zu touristischen nicht exklusiv und noch dazu uneingeschränkt affirmativ in den angesprochenen dominierenden Stadtnarrativen, ihr Verhältnis zu diesen Erzählungen ist vielschichtiger.
Bildbände als politische Propaganda
Im Unterschied zu den in absoluten Zahlen dominierenden touristischen und fotojournalistischen Beiträgen sind jene, die dem politischen Kontext entwachsen, nicht genötigt, am freien Markt finanziell zu reüssieren. Ihre Gestehungskosten schlagen, neutral formuliert, als „Kommunikationsaufwendungen“ zur zielgerichteten Darstellung und Propagierung von (öffentlichen) Leistungen zu Buche. Neben vom Output her zu vernachlässigenden Playern wie politischen Parteien, privaten Unternehmen, der katholischen Kirche oder andren Interessenverbänden ist hier der alles beherrschende Akteur die Gemeinde Wien. In Kooperation mit gemeindeeigenen oder -nahen (Zeitschriften-)Verlagen entstanden und entstehen nebst andren Printprodukten auch populistische Bildbände. Von Gemeindeseite aus nimmt diese Aufgabe seit Juli 1967 der bis heute umtriebige für kommunale Öffentlichkeitsarbeit zuständige Presse- und Informationsdienst der Stadt Wien (PID) wahr.

Das neue Wien. Städtewerk, 1928 (Band I, 1926) Band IV.
29,8 x 23 cm, 416 S.


Das schöne Groß-Wien. Ein Bilderbuch von den Schönheiten des neuen Wien, 1939. Leopoldine Vernouille. 25 x 18,6 cm, 88 S.


Wien wird wieder Weltstadt, 1955. 33 x 24 cm, 332 S.


Wien. Stadt der Begegnung, 1972. Barbara Pflaum. 29,6 x 24,5 cm, 128 S.

Individuelle Mythologien, intermediale Partituren
und offene Dissidenz
Künstlerische Bildbände
Die Anzahl künstlerischer Wien-Bildbände ist verhältnismäßig gering. Das liegt vor allem an dem lange Zeit nicht gefestigten Status der Fotografie als autonomer Kunstform, bestimmten ästhetischen Auffassungen von ihr und der späten Entdeckung des Buchs (und der Massenmedien generell) als Ausdrucksmittel für Künstler. Die aristokratischen und großbürgerlichen Amateure der Kunstfotografenbewegung um 1900 wie ihre Nachfolger in der Nachkriegszeit interessierte die perfekte Komposition. Deshalb erfüllte sich ihr ästhetisches Streben im Einzelbild, und die präferierte Veröffentlichungsarena hieß Ausstellung. Sofern man die Fotografien in Buchform publizierte, geschah das – als bloße Kollektion von einzelnen Bildwerken – in den zugehörigen Katalogen und den Vereinsjahrbüchern. Das Buch, begriffen als konzeptuelle und thematische Einheit, blieb rare Ausnahme.
Mit der (Wieder-)Entdeckung der Fotografie unter den bildenden Künstlern in Österreich in den Sechzigerjahren und, gleichzeitig, dem Heraufkommen der Autorenfotografie änderte sich die Situation schlagend. Der „bildmäßigen“ Fotografie mit ihrer Fetischisierung des Einzelbilds, vorherrschend unter den Amateuren und in der Tagespresse – die Ideologie

Das Wiental, 1983. Franz Zadrazil.
31 x 24,5 cm, 120 S.

des „entscheidenden Augenblicks“ -, erteilte man zumindest partiell eine Absage. Neue Themen und neue künstlerische Einstellungen verlangten nach Bildserie und -sequenz als Methoden. Neben der Einzelausstellung stieg das Buch zu einer künstlerischen Ausdrucksform sui generis auf.
Der Beweggrund, einen Wien-Bildband aus dem Kunstfeld anzuschaffen, liegt allgemein weniger an einem gesteigerten Interesse an der Stadt als an einem an (foto)künstlerischer Arbeit. Die Bücher wenden sich an die kulturellen Eliten, weshalb ihre Distribution über den allgemeinen Sortimentsbuchhandel nur mäßig funktioniert. Als Verkaufsstellen springen spezialisierte Fachbuchhandlungen, Galerien und Museumsshops ein. Schließlich sorgen die Künstler selbst für die Verteilung ihrer Erzeugnisse.

stadt: visuelle strukturen, 1973.
VALIE EXPORT. 20,5 x 12,5 cm, 59 S.

Sofern man sich dazu versteigt, ein gemeinsames Merkmal der dem künstlerischen Kontext entsprießenden Beiträge, normalerweise Autorenbildbände, festzumachen, dann vielleicht, dass sie – in vollends auseinandergehenden Weisen – von den hegemonialen Stadterzählungen abrücken. Damit unterscheiden sie sich augenscheinlich von den Repräsentationen, wie sie andre Umfelder zeitigen – allen voran den touristischen und politischen; aber desgleichen überwiegt im journalistischen Fach häufig, wie gezeigt, ein affirmativer oder allenfalls ambivalenter Bezug zu den dominierenden Narrativen.
Gleich ob ostentativ, beiläufig, zufällig oder intuitiv, das von Künstlerinnen und Künstlern geübte Abstandhalten zu geläufigen Metropolenimaginationen trieb überaus heterogene Konstruktionen
Wiens im Medium Bildband hervor.
Wissenschaftliche Bildbände
zwischen Dokumentation, Fotografien edieren
und Geschichtsschreibung

Wissenschaftliche Wien-Bildbände liegen in der Mehrzahl aus den Fachbereichen Kunstwissenschaft (insbesondere der Architektur) und (Foto-) Geschichte vor. Ich fasse den Typus weit, an seinen Rändern öffnet er sich einigen der übrigen Felder. Die Bandbreite reicht von exklusiv an Fachkollegen Gerichtetem über fotohistorische Bezirksheimatbücher bis zu populärwissenschaftlichen Darstellungen. Entsprechend variieren die Distributionsorte der Bücher und deren Käufergruppen. Augenscheinlicher als in den andren diskutierten Produktions- und Rezeptionskontexten zeichnen hier in der Regel weniger Fotografen denn Angehörige der


Wien das grüne, 1911. Einbahnd Sigmund Rosenbaum. 19,3 x 13,4 cm. 84 S.

schreibenden Zunft als Urheber: neben zu Experten aufgerückten privaten Sammlern durchweg und oft beauftragte Forscher aus dem universitären (Um)feld, Museen, Archiven und weiteren wissenschaftlichen Einrichtungen wie dem Bundesdenkmalamt oder der Nationalbibliothek. Diese staatlichen Institutionen kommen, oft gemeinschaftlich mit diversen Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung, für die Finanzierung auf. Daneben existiert jedoch auch eine privatwirtschaftliche Produktion, hierbei überwiegen zumeist eingängiger aufbereitete Titel wie topografische Bezirksbücher, die sich in erster Linie an lokalhistorisch interessierte Wiener richten.

Im Feld der wissenschaftlichen Bildbände nehmen Fotografien eine janusköpfige Stellung ein: einmal sind sie Mittel zur Darstellung, einmal der beforschte Gegenstand selbst. Dabei lässt sich das eine vom andren nicht immer sauber trennen, beziehungsweise schwanken die Autoren und Verleger selbst. Aber beginnen wir bei der ersten Einsatzmöglichkeit. Da Fotografien die Welt offensichtlich in andrer Weise als Texte aufschließen, setzen wissenschaftliche Publikationen sie mitunter ein, um ihr Untersuchungsobjekt (über den Text hinaus zusätzlich) visuell zu beschreiben („Bilddokumente“), es Vergleichen leichter
zugänglich zu machen, eine These zu belegen, Folgerungen aus dem Bildmaterial zu ziehen oder genuin fotografische Aussagen zu tätigen


Die gute alte Zeit. Alte Photographien aus Wien, 1967. 27 x 24 cm, 144 S.
EInbahnd: Emil Rabending, Anastas Jovanović, Emil Mayer.
Abgebildete Buchseiten:
Wilhelm Burger

Michael Ponstingl
geboren 1965 in Wiener Neustadt. Studium der Kommunikationswissenschaften, der Germanistik und Kunstgeschichte in Salzburg und Wien.
Von 1997 bis 2000 Herausgeber der Zeitschrift „Eikon – Internationale Zeitschrift für Photographie & Medienkunst“. Seit 2000 Kurator der Fotosammlung der Albertina. Veröffentlichungen zur Fotografie
und zu den neuen Medien.

DharmeshKunstFotobildbände des 20.Jahrhunderts Autor: Michael Ponstingl Christian Brandstätter Verlag Albertina - Wien Nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Vernachlässigung hat den Fotobildband eine Dynamik des Rückblicks erfasst, die sich geradezu als Konjunktur ausnimmt. Zum einen sind in den letzten Jahren einige Sachbücher zum Thema erschienen, die beanspruchen, die maßgeblichen Titel zu versammeln. Sie alle umweht...