„Alter Mann“ vom Bürgerversorgungshaus in der Alservorstadt,
Währinger Straße 45/Spitalgasse (Wien 9), um 1860
© Wien Museum

Zeugen der Veränderung
Prächtige Bürgerhäuser, adelige Palais, Klöster und Spitäler: Bis zu ihrer Demolierung prägten sie Wien, heute sind sie meist vergessen. Doch die Menschen, die einst in diesen Gebäuden lebten, hinterließen ihre Spuren und verewigten sich mit Hauszeichen, Wappen, Gedenktafeln und Inschriften. Davon haben einige den Abriss der Gebäude überlebt – und direkt oder über Umwege den Weg ins Depot des Wien Museums gefunden. Die Ausstellung holt solche „Steinerne Zeugen“ erstmals seit vielen Jahren ans Licht: ein fesselnder Streifzug durch 400 Jahre Stadtgeschichte.(Ausstellung 21. März 2008 bis 11. Jänner 2009)
Schätze aus dem Depot

Das Steindepot im Stadtbahnbogen
in der Heiligenstädter Straße (Wien 19), vor 1948
© Wien Museum

Wie bei den erfolgreichen Ausstellungen „Alt-Wien. Die Stadt, die niemals war“ und „Wien war anders. August Stauda, Stadtfotograf um 1900“ basiert die Schau auch diesmal auf weitgehend unbekannten Beständen des Wien Museums. Beim ältesten Objekt handelt es sich um eine kunstvolle spätgotische Balkonbrüstung eines Bürgerhauses am Fleischmarkt, beim jüngsten um die „Vindobona“ (um 1860), einen monumentalen Frauenkopf vom Bürger-Versorgungshaus am Alsergrund. Rund neunzig schwergewichtige Exponate aus dem Lapidarium wurden behutsam restauriert, ohne dass dabei die historische Patina verloren gegangen ist. Bildquellen und Hintergrundinformationen erläutern historische Zusammenhänge und geben Einblick in das Leben von Handwerkern und Gelehrten, Wiener Bürgermeistern und Klosterfrauen, geadelten Bürgern und Kaiserinnen. Idee und Konzept zur Ausstellung stammen von Renata Kassal-Mikula. Die Kunsthistorikerin und Vizedirektorin des Wien Museums zeichnete in mehr als dreißig Jahren für viele erfolgreiche Ausstellungen verantwortlich und realisiert mit den „Steinernen Zeugen“– knapp vor ihrer Pensionierung – ein lange gehegtes „Lieblingsprojekt“.
Umbau, Ausbau, Aufstockung:
Wiener Bürgerhäuser nach 1683


Portal Mariahilfer Straße 44 (Wien 7), demoliert vor 1903
Foto: August Stauda, 1899
© Wien Museum

Die Schau gliederte sich in vier Bereiche: Bürgerhäuser, Adelspaläste, Kirchen & Klöster sowie Öffentliche Bauten. Die Relikte von Wiener Bürgerhäusern dokumentieren den raschen Besitzerwechsel – denn kaum eine Familie behielt ihr Haus über mehrere Generationen, die geringe Lebenserwartung und Überschuldung waren dafür die häufigsten Gründe. Umso wichtiger wurden öffentliche „Markierungen“, mit denen die Bürger die Erinnerung an die eigene Person und den gesellschaftlichen Stand wach halten wollten. Gelegenheit dazu boten die zahlreichen Aus- und Umbauten sowie Aufstockungen, die nach der zweiten Türkenbelagerung 1683 boomten.

„Vindobona, die Armut aufnehmend“ vom Bürgerversorgungs- haus in der
Alservorstadt, Währinger Straße 45 / Spitalgasse (Wien 9), um 1860
© Wien Museum

In der Ausstellung zu sehen waren etwa eine Christusfigur sowie Apostelfiguren vom Haus Hafnersteig 7. Sie wurden im 16. Jahrhundert vom Hafnermeister Clement Passauer nicht nur als frommes Zeichen, sondern vor allem als öffentliche Gewerbedarstellung angebracht und vermitteln in ihrer Farbenpracht einen Eindruck davon, wie bunt und reich geschmückt viele Wiener Häuser einst waren. Andere Hauszeichen erinnerten wiederum daran, dass Häuser einst keine Adresse hatten, sondern mit Attributen wie „Zum Heiligen Florian“, „Zur schönen Sklavinn“, „Zu die drei Ritter“ oder „Zum Burgundischen Kreuz“ bezeichnet wurden. Neben Größen wie dem Humanisten Johannes Cuspinian oder Joseph Emanuel Fischer von Erlach spielen auch bislang weniger bekannte Wiener Bürger in der Ausstellung eine Rolle.
Kostbares von den Palais der Adeligen

„Löwe“ vom Palais Esterházy-Erdödy,
Krugerstraße 10 / Walfischgasse 9 (Wien 1), 1810–1812
© Wien Museum

Reste von Adelspalästen sind vor allem dann erhalten, wenn sie von der Stadt erworben wurden, um sie nach ihrer Demolierung oder einem Generalumbau anders zu nutzen. Beispiele dafür sind das Palais Esterházy-Arenberg, das Schloss Pötzleinsdorf oder das Czartoryski-Palais. Nicht zufällig trennte man sich von klassizistischen Bauwerken rascher als von barocken Palästen. Denn anders als in Italien, Frankreich oder England blieb die Rezeption der klassischen Antike in Wien eine vom Kaiserhaus geförderte Episode, um letztlich im 19. Jahrhundert wieder auf das Barock als „Reichsstil“ zurückzugreifen. Zu sehen sind u. a. Teile eines Reliefs vom Gartenpalast Czartoryski im Vorort Weinhaus (heute in Währing), das Wappen vom Sommersitz des Grafen Sommerau in der Vorstadt Windmühle und ein bemerkenswerter Ofen in Baumform aus einem Kaiserlichen Gartenpalast in Hetzendorf (Beethoven-Haus).

„Freiherrliches Wappen des Joseph Emanuel Fischer von Erlach“
vom Sommerhaus in der Wiedner Hauptstraße (Wien 4), 1735, demoliert 1876
© Wien Museum

Kirchen, Klöster, fromme Bürger
Die zunehmende Profanisierung der Stadt hinterließ ebenfalls ihre Spuren. Nachdem Joseph II. all jene Klöster auflösen ließ, die sich keinen sozialen Aufgaben widmeten, blieben oft nur die Epitaphe von Ordensschwestern oder Grundsteine übrig. So wird in der Ausstellung an das weiträumige „Königinkloster“ am Josefsplatz erinnert, das 1582 von Erzherzogin Elisabeth von Österreich, Königin von Frankreich, gegründet wurde. Auch die frommen Andachtszeichen des Barock verschwanden im Laufe der Zeit, wie die Dreifaltigkeitssäule vom Schwendermarkt oder der „Christus in der Rast“, eine Sandsteinfigur, die stark an Albrecht Dürer erinnert. Sie ist ein Beispiel dafür, dass viele Steindenkmäler an mehreren Orten – in diesem Fall innerhalb Erdbergs – aufgestellt wurden, im Fall des Christus zunächst wohl noch öffentlich, später dann in privaten Innenhöfen. Von der Modernisierung der Stadt ebenfalls betroffen waren die Linienkapellen, die aus Verkehrsgründen weichen mussten.
Der soziale Auftrag der Stadt Wien
Das abschließende Kapitel der Ausstellung verwies auf den sozialen Auftrag der Verwaltung, arme, kranke und alte Bürgerinnen und Bürger zu versorgen. Von eminenter Bedeutung war das Bürgerspital, ein Riesenkomplex zwischen dem heutigen Lobkowitzplatz und der Kärntner Straße. Ein Inschrift- und Wappenstein zeugt vom sogenannten Bäckenhäusel, einem Versorgungshaus in der Währinger Straße, das 1907 demoliert wurde. Hier nahm man jene Patienten auf, die das gegenüberliegende Siechenhaus St. Lazar (später Bürgerversorgungshaus) „auf eigenen Füßen“ verlassen konnten. Das Bürgerspital in St. Marx gab es bereits im 13. Jahrhundert, nach Zerstörungen in den Türkenkriegen erfolgte die Eingliederung in das Wiener Bürgerspital, geschlossen wurde es 1861 nach Vollendung des neuen Bürger-Versorgungshauses in der Währinger Straße 45. Doch auch dieses hatte nur eine begrenzte Lebensdauer, es wurde 1929 demoliert. Überlebt hat es in der Büste eines alten Mannes (Plakatmotiv der Ausstellung) und in jener bereits erwähnten „Vindobona“-Figur, die einst „die Armut schützend“ aufnahm und auf so manchen Bedürftigen tröstlich gewirkt haben mag.

„Atlant“ vom Portal
Mariahilfer Straße 44 (Wien 7),
1. Hälfte 18. Jahrhundert
© Wien Museum


„Waisenknabe“ vom
Chaos’schen Stiftungshaus,
Kärntner Straße 28- 30 (Wien 1),
1664, (demoliert 1873)
© Wien Museum

Prägend für das Museum:
die Kuratorin Renata Kassal-Mikula

Die Kuratorin der Ausstellung, Renata Kassal-Mikula, ist als ausgezeichnete Kennerin der Ringstraßenarchitektur bekannt und hat unter anderem am epochalen Forschungsprojekt „Die Wiener Ringstraße – Bild einer Epoche“ mitgearbeitet, mit Fokus auf Heinrich von Ferstel. Im Museum hat sie zentrale Bestände bearbeitet: den Nachlass Otto Wagners sowie Friedrich von Schmidts sowie die Schenkungen des Fürsten Liechtenstein um 1900, auf denen die bedeutende Kunstsammlung des Museums basiert. 2005 entwickelte sie das wissenschaftliche Konzept für die neue Otto Wagner-Dokumentation im Wagner-Pavillon am Karlsplatz. Zu den vielen erfolgreichen Ausstellungen im In- und Ausland, die Kassal-Mikula (mit-)kuratiert hat, zählen u. a. „Klassizismus in Wien“ (1978), „Traum und Wirklichkeit“ (1985), „Bürgersinn und Aufbegehren“ (1987), „Otto Wagner oder das Scheitern der Moderne in Wien (1988) sowie „Hans Makart – Malerfürst“ (2000) sowie „Das ungebaute Wien“ (2000). „Steinerne Zeugen – Relikte aus dem alten Wien“, ein langjähriges Wunschprojekt, ist ihre „Abschiedsausstellung“ anlässlich der Pensionierung im Jahr 2008

DharmeshKunstZeugen der Veränderung Prächtige Bürgerhäuser, adelige Palais, Klöster und Spitäler: Bis zu ihrer Demolierung prägten sie Wien, heute sind sie meist vergessen. Doch die Menschen, die einst in diesen Gebäuden lebten, hinterließen ihre Spuren und verewigten sich mit Hauszeichen, Wappen, Gedenktafeln und Inschriften. Davon haben einige den Abriss der Gebäude...