Barbara Sternthal
Christian Brandstätter Verlag


Bild: Jacob Freud mit seinem Sohn Sigmund, Photographie, 1864.

„Ich bin am 6. Mai 1856 zu Freiberg in Mähren geboren, einem kleinen Städtchen der heutigen Tschechoslowakei. Meine Eltern waren Juden, auch ich bin Jude geblieben. Von meiner väterlichen Familie glaube ich zu wissen, daß sie lange Zeit am Rhein (Köln) gelebt hat, aus Anlaß einer Judenverfolgung im vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert nach dem Osten flohen und im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Rückwanderung von Litauen über Galizien nach dem deutsch Österreich antrat. Als Kind von vier Jahren kam ich nach Wien, wo ich alle Schulen durchmachte.“
Sigmund Freud, Selbstdarstellung
Freuds Verhältnis zu Wien war Zeit seines Lebens ambivalent: Sein Sohn Martin war der Ansicht, dass die von seinem Vater so oft und vernehmlich geäußerten Missfallenskundgebungen verborgene Liebeserklärungen gewesen sein könnten. Freud hatte es als Jude weder mit der Stadt, in der ab 1897 der ebenso ambitionierte wie antisemitisch eingestellte Bürgermeister Lueger tonangebend war, noch mit seinem beruflichen Umfeld, der Universität, einfach. Das Warten auf die Verleihung des Professoren-Titels war zermürbend für ihn, und die Anerkennung für seine Theorien und Entdeckungen erhielt er von einem eingeschworenen Kreis von Anhängern, kaum aber von der Wiener Öffentlichkeit. Aufklärung über das zwiespältige Verhältnis gibt Freud selbst am Ende seines Lebens, als er im Juni 1938, zur Zeit der Emigration also, an Max Eitingon schrieb: „Die Affektlage dieser Tage ist schwer zu fassen, kaum zu beschreiben. Das Triumphgefühl der Befreiung vermengt sich zu stark mit der Trauer, denn man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, doch immer sehr geliebt.“

Bild:Sigmund Freud
Photographie,
um 1898

Die „Traumdeutung“ ist die erste umfassende Aufzeichnung von Freuds Theorien, die er zwischen 1895 und 1899 entwickelt hatte, und sie ist sein Hauptwerk: allen noch folgenden Thesen und Entdeckungen ist die „Traumdeutung“ Basis. Nicht nur wissenschaftsgeschichtlich ist sie revolutionär, auch für Freuds Werdegang bedeutet sie einen profunden Umbruch. Bisher hatte er über Teildisziplinen der Physiologie, Medizin und Psychologie gearbeitet – von den Lappenorganen der Aale bis zur Hysterie -, nun hatte er eine vollständig eigene Theorie entwickelt, die die Betrachtung des Menschen, seine Handlungen und Empfindungen für alle Zeit verändern würde. Dass es eine Zeit lang dauerte, bis sich dies auch in den Verkaufszahlen des Buchs niederschlug, versteht sich so gesehen von selbst.
Freuds Leidenschaften
Reisen, rauchen, Antiquitäten sammeln – das waren Freuds Leidenschaften, die bis zu seinem Tod unvermindert präsent waren, auch wenn vor allem das Reisen und das Rauchen mit dem Verlauf seiner Krankheit und dem höheren Alter mit Schwierigkeiten und schlechtem Gewissen verbunden waren. Seine Vorliebe für Prähistorisches, meinte Freud selbst, würde nur von seiner Sucht nach den Zigarren übertroffen. Psychoanalytisch gesehen war das Rauchen ein Relikt der oralen Phase, das Sammeln hingegen eines der analen Phase. Besucher und Patienten erinnerten sich jahrelang an den Eindruck, den Freuds Arbeitsräume auf sie machten: Jede verfügbare freie Fläche war arrangiert mit Antiken, selbst Freuds immer ordentlich aufgeräumter Schreibtisch.

Siegmund Freud an seinem Schreibtisch in Maresfield Gardens, wo Anna Freud und Paula Fichtl alles daran gesetzt haben, den Raum ähnlich wie Freuds gewohnte Umgebung in der Berggasse herzurichten. Photographie, 1938.

Der letzte Besuch Freuds war Ernest Jones am 19. September. Zwei Tage später erinnerte Freud seinen Arzt Max Schur an ihren „Vertrag“, in dem Freud Schur das Versprechen abgenommen hatte, ihn „nicht im Stich zu lassen, wenn es soweit ist“. Und Freud fügte hinzu: „Das ist jetzt nur noch Quälerei und hat keinen Sinn mehr.“ Er bat ihn noch, Anna von ihrem Gespräch zu berichten. Schur hielt, was er versprochen hatte: Als die Schmerzen wieder zu schlimm wurden, verabreichte er Freud ausreichend Morphium, damit er in einen ruhigen Schlaf fallen konnte. Zwölf Stunden später wiederholte Schur die Dosis von zwei Zentigramm, und Freud fiel in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Am 23. September 1939 um drei Uhr morgens starb Sigmund Freud.

Drei Tage nach seinem Tod wurde Freud im Krematorium Golder’s Green eingeäschert. Die Redner waren Ernest Jones und Stefan Zweig.

DharmeshKunstBarbara Sternthal Christian Brandstätter Verlag „Ich bin am 6. Mai 1856 zu Freiberg in Mähren geboren, einem kleinen Städtchen der heutigen Tschechoslowakei. Meine Eltern waren Juden, auch ich bin Jude geblieben. Von meiner väterlichen Familie glaube ich zu wissen, daß sie lange Zeit am Rhein (Köln) gelebt hat, aus Anlaß einer...