Opernhaus. Friedrich Wilhelm Bader, um 1875
Holzschnitt 9.5cm x 14cm
© ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

Über dreieinhalb Jahrhunderte, bis in die Zeit des Frühbarock, reicht die Tradition der Wiener Opernpflege zurück. Kaiser Franz Joseph I. dekretierte im Dezember 1857, die alten Stadtmauern und Befestigungen um die Wiener Innenstadt abzureißen und einen breiten Boulevard mit neuen Prachtbauten für Kunst und Politik, die Ringstraße, anzulegen.

Über dreieinhalb Jahrhunderte, bis in die Zeit des Frühbarock, reicht die Tradition der Wiener Opernpflege zurück. Kaiser Franz Joseph I. dekretierte im Dezember 1857, die alten Stadtmauern und Befestigungen um die Wiener Innenstadt abzureißen und einen breiten Boulevard mit neuen Prachtbauten für Kunst und Politik, die Ringstraße, anzulegen.

Auch die beiden Hoftheater (ein Sprech- und ein Musiktheater) sollten am Ring einen neuen Platz finden. Für das Kaiserlich-königliche Hofoperntheater wurde ein prominenter Platz im unmittelbaren Bereich des ehemaligen Kärntnertortheaters gewählt. Dieses vom Publikum so geliebte Operntheater aus dem Jahre 1709 wurde aufgrund seiner Beengtheit abgerissen.

https://web.archive.org/web/20151006201752/http://data.onb.ac.at/rec/baa13822862

Erbaut wurde das neue Opernhaus von den Wiener Architekten August von Sicardsburg, der den Grundplan entwarf, und Eduard van der Nüll, der die Innendekoration gestaltete. Aber auch andere bedeutende Künstler hatten mitgewirkt: man denke nur an Moritz von Schwind, der die Fresken im Foyer und den berühmten „Zauberflöten“-Freskenzyklus in der Loggia malte.

Staatsoper – Dachaufnahme während des Baues: Errichtung des ersten
Bogens der eisernen Dachkonstruktion. ;nach 1865
© ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

Die beiden Architekten erlebten die Eröffnung „ihres“ Opernhauses nicht mehr. Der sensible van der Nüll beging Selbstmord, da die Wiener das neue Haus als stillos abqualifizierten, sein Freund Sicardsburg erlag wenig später einem Schlaganfall.
1869 – 1955

Aufnahme schräg von erhöhtem Standort beim Beginn der verlängerten Kärntnerstraße. Pferdetramway. Das Dach der Loggia noch ohne die geflügelten Rosse. vor 1876
© ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

Am 25. Mai 1869 wurde das Haus mit Mozarts DON JUAN in Anwesenheit von Kaiser Franz Joseph, dem allerhöchsten Bauherren, und Kaiserin Elisabeth feierlich eröffnet.
Mit der künstlerischen Ausstrahlung unter den ersten Direktoren Franz von Dingelstedt, Johann Herbeck, Franz Jauner und Wilhelm Jahn wuchs jedoch auch die Popularität des Bauwerkes. Einen ersten Höhepunkt erlebte die Wiener Oper unter dem Direktor Gustav Mahler, der das veraltete Aufführungssystem von Grund auf erneuerte, Präzision und Ensemblegeist stärkte und auch bedeutende bildende Künstler (darunter Alfred Roller) zur Formung der neuen Bühnenästhetik heranzog. In seiner zehnjährigen Direktionszeit (von 1897 bis 1907) setzte Gustav Mahler, noch heute in den Konzertsälen der Welt als bedeutendster Symphoniker an der Schwelle zum 20. Jahrhundert omnipräsent, die intensive Wagner-Pflege fort, Mozarts Opern und Beethovens FIDELIO wurden neugestaltet, die Verbindung mit Verdi wurde aufrechtgehalten, mit Richard Strauss angebahnt. Österreichische Komponisten wurden gefördert (Hugo Wolf), der europäischen Moderne die Hofoper geöffnet.

Staatsoper – Kostüm-Werkstätte; um 1925
© ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

Neben den Klassikern des italienischen Repertoires waren und sind vor allem Mozart, Wagner und Richard Strauss (selbst von 1919 bis 1924 Direktor des Hauses) die musikalischen Schutzgötter der Wiener Staatsoper. Auch die Moderne hatte stets ihren Platz: die zwanziger und dreißiger Jahre erlebten die Wiener Erstaufführungen von Kreneks JONNY SPIELT AUF, Hindemiths CARDILLAC, Korngolds WUNDER DER HELIANE und Bergs WOZZECK (unter Direktor Clemens Krauss). Diese Tradition wurde mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten unterbrochen, ja, nach den verheerenden Bombentreffern, die am 12. März 1945 das Haus am Ring weitgehend verwüsteten, war die Pflege der Kunstform selbst fraglich. Die Wiener, die sich während des Krieges ein reges Kulturleben bewahrt hatten, waren zutiefst erschüttert, das Symbol österreichischer Musikpflege in Schutt und Asche zu sehen.

Zerstörte Staatsoper
Albert Hilscher; 1945
© ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

Aber der Geist der Oper war nicht zerstört. Bereits am 1. Mai 1945 wurde die „Staatsoper in der Volksoper“ mit einer glänzenden Aufführung von Mozarts DIE HOCHZEIT DES FIGARO eröffnet, am 6. Oktober 1945 folgte die Wiedereröffnung des in aller Eile restaurierten Theaters an der Wien mit Beethovens FIDELIO. Damit gab es für die nächsten zehn Jahre zwei Spielstätten, während das eigentliche Stammhaus mit großem Aufwand wiedererrichtet wurde.


Besucher strömen zur Oper. Wiedereröffnung am 5. November 1955.
Bild aus © www.staatsvertrag.at/bildarchivaustria/ÖGZ/Hilscher

Schon am 24. Mai 1945 hatte der Staatssekretär für öffentliche Bauten, Ing. Julius Raab, den Wiederaufbau der Wiener Staatsoper verkündet, der in die Hände der österreichischen Architekten Erich Boltenstern und Otto Prossinger gelegt werden sollte. Nur die Hauptfassade, die Feststiege und das Schwindfoyer waren von den Bomben verschont geblieben – mit neuem Zuschauerraum und modernisierter Technik wurde die Wiener Staatsoper glanzvoll mit Beethovens FIDELIO unter Karl Böhm am 5. November 1955 wiedereröffnet.

Staatsakt zur Wiedereröffnung am 5. November 1955. Ganz rechts unter der Loge des Bundespräsidenten sieht man eine Fernsehkamera des österreichischen Rundfunks, die das Ereignis übertrugen. Bild aus © www.staatsvertrag.at/ÖGZ/Cermak

Die Eröffnungsfeierlichkeiten wurden vom Österreichischen Fernsehen übertragen und in der ganzen Welt zugleich als Lebenszeichen der neuerstandenen 2. Republik verstanden.
1955 bis 1992

Die Staatsoper – Blick vom Ring aus.
Joe J. Heydecker; 1954
© ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

Das Diktum, daß die Wiener Staatsoper jeden Direktor überlebt, wird Egon Seefehlner zugeschrieben, der selbst durch viele Jahre die Geschicke des Hauses leitete. Und doch prägten er und die einunddreißig anderen Direktoren der Wiener Oper seit 1869, große Musikerpersönlichkeiten oder musische Administratoren, auf ihre Weise das Profil dieser weltberühmten Institution: Nach dem zweiten Weltkrieg waren es zuerst die Dirigenten-Direktoren Karl Böhm und Herbert von Karajan – letzterer bestand auf dem Titel „Künstlerischer Leiter“ und öffnete das Ensemblehaus dem internationalen Sängermarkt, ließ die Opern in Originalsprache einstudieren und richtete seine Pläne auf „Gemeinschaftsproduktionen“ mit ausländischen Opernhäusern, die jedoch erst nach seiner Amtszeit verwirklicht wurden.

Kärntnerstraßenfront mit Fahnenschmuck anlässlich der Operneröffnung aus
dem 1. Stock des Hauses Nummer 51 gegen den Opernhof gesehen. 1955-11-04
© ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung

Es folgten als Direktoren Egon Hilbert, Heinrich Reif-Gintl, Rudolf Gamsjäger und der erwähnte Egon Seefehlner, der nach dem Abgang seines Amtsnachfolgers Lorin Maazel ein zweites Mal an die Spitze des Hauses berufen wurde. Claus Helmut Drese (Staatsoperndirektor von 1986 bis 1991) stand mit Claudio Abbado ein international angesehener Musikdirektor zur Seite. Zu Beginn der 90er Jahre wurde der ehemahlige Star-Bariton Eberhard Waechter, zu jenem Zeitpunkt Direktor der Volksoper, mit der Leitung betraut. Nur sieben Monate waren ihm als Direktor beschieden.
Die Ära Ioan Holender (1992 bis 2010)
Nach Waechters tragischem Tod im März 1992 übernahm Generalsekretär Ioan Holender, ein ehemaliger Sänger (Bariton) und Inhaber einer Sänger-Agentur, das Amt, die Tradition des vielleicht bedeutendsten Operninstituts der Welt über die Jahrtausendwende bis 2010 fortzuführen.
Seine Spielplangestaltung setzt neben einem besonders breiten Repertoire mit den Säulen Mozart, Wagner, Verdi und Strauss vor allem auf Erstaufführungen. Zu nennen sind Bellinis I PURITANI (1993/94), Massenets HÉRODIADE (1994/95), Verdis JÉRUSALEM und Brittens PETER GRIMES (1995/96), Verdis STIFFELIO und Enescus OEDIPE (1996/97), Rossinis GUILLAUME TELL und Lehárs Operette DIE LUSTIGE WITWE (1998/99) sowie Schönbergs DIE JAKOBSLEITER, Hillers PETER PAN, Donizettis ROBERTO DEVEREUX, Brittens BILLY BUDD, Verdis NABUCCO (2000/01), Bellinis LA SONNAMBULA, Gounods ROMÉO ET JULIETTE, Janáceks JENUFA (2001/02), Verdis SIMON BOCCANEGRA, Kreneks JONNY SPIELT AUF, Donizettis LA FAVORITE, Hillers PINOCCHIO, Wagners TRISTAN UND ISOLDE (2002/03), Verdis FALSTAFF, Wagners FLIEGENDER HOLLÄNDER und PARSIFAL, Strauss‘ DAPHNE (2003/04) und die Uraufführung der französischen Originalsversion von Verdis DON CARLOS (2003/04). Als besonderer Erfolg der jüngsten Vergangenheit darf die Wiederentdeckung von Fromental Halévys Grand Opéra LA JUIVE (1999) gewertet werden. Zwei Uraufführungen galten 1995 Adriana Hölszkys DIE WÄNDE (Koproduktion mit den Wiener Festwochen im Theater an der Wien) und Alfred Schnittkes Gesualdo. Am 15. Juni 2002 wurde außerdem DER RIESE VOM STEINFELD (Musik: Friedrich Cerha, Libretto: Peter Turrini), einem weiteren Auftragswerk der Wiener Staatsoper mit großem Erfolg uraufgeführt.

Bild: Staatsoper Wien

In den letzten Jahren kam es, jeweils am 18. Mai, dem Todestag Gustav Mahlers, zu Konzerten der Wiener Philharmoniker in der Wiener Staatsoper. Diese standen unter der Leitung von Seiji Ozawa (der seit der Saison 2002/03 dem Staatsoperndirektor Holender als Musikdirektor des Hauses zur Seite steht) (1995), Carlo Maria Giulini (1996), Riccardo Muti (1997), Lorin Maazel (1998), Zubin Mehta (1999), Giuseppe Sinopoli (2000), Riccardo Muti (2001) und wiederum Seiji Ozawa (2004).
Darüberhinaus wurde am 16. Juni 2002 von den Wiener Philharmonikern (unter Seiji Ozawa) erstmals ein KONZERT FÜR ÖSTERREICH veranstaltet. Weitere KONZERTE FÜR ÖSTERREICH folgten am 26. OKtober 2003 (unter Zubin Mehta) und am 26. Oktober 2004 (unter Valery Gergiev).

Im Theater an der Wien erlebte Mozarts COSÌ FAN TUTTE unter Riccardo Muti eine triumphale Neuproduktion. Dieser Mozart-Zyklus unter Muti wurde 1999 mit DON GIOVANNI und 2001 mit LE NOZZE DI FIGARO fortgesetzt.

Direktoren seit 1869
Franz von Dingelstedt 01.07.1867 – 18.12.1870
Eröffnung 25.05.1869
Johann von Herbeck 19.12.1870 – 30.04.1875
Franz von Jauner 01.05.1875 – 18.06.1880
Regiekollegium:
Karl Mayerhofer,
Gustav Walter und
Emil Scaria 19.06.1880 – 31.12.1880
Wilhelm Jahn 01.01.1881 – 14.10.1897
Gustav Mahler 15.10.1897 – 31.12.1907
Felix Weingartner 01.01.1908 – 28.02.1911
Hans Gregor 01.03.1911 – 14.11.1918
Franz Schalk 15.11.1918 – 15.08.1919
Richard Strauss /
Franz Schalk 16.08.1919 – 31.10.1924
Franz Schalk 01.11.1924 – 31.08.1929
Clemens Krauss 01.09.1929 – 15.12.1934
Felix Weingartner 01.01.1935 – 31.08.1936
Erwin Kerber 01.09.1936 – 31.08.1940
Heinrich K. Strohm 01.09.1940 – 19.04.1941
Walter Thomas 01.02.1941 – 19.04.1941
Ernst August Schneider 20.04.1941 – 28.02.1943
Karl Böhm 01.03.1943 – 30.04.1945
Alfred Jerger,
Staatsoper in der Volksoper 01.05.1945 – 14.06.1945
Franz Salmhofer,
Staatsoper im Theater an der Wien 18.06.1945 – 31.08.1955
Karl Böhm 01.09.1954 – 31.08.1956
Herbert von Karajan 01.09.1956 – 31.03.1962
Herbert von Karajan /
Walter Erich Schäfer 01.04.1962 – 08.06.1963
Herbert von Karajan /
Egon Hilbert 09.06.1963 – 31.08.1964
Egon Hilbert 01.09.1964 – 18.01.1968
Heinrich Reif-Gintl 19.01.1968 – 31.08.1972
Rudolf Gamsjäger 01.09.1972 – 31.08.1976
Egon Seefehlner 01.09.1976 – 31.08.1982
Lorin Maazel 01.09.1982- 31.08.1984
Egon Seefehlner 01.09.1984 – 31.08.1986
Dr. Claus Helmut Drese 01.09.1986 – 31.08.1991
Eberhard Waechter 01.09.1991 – 29.03.1992
Ioan Holender 01.04.1992 – 31.08.2010
Dominique Meyer seit 01.09.2010
Opernuraufführungen
Abkürzungen:
Od = im Odeon
Ron = im Ronacher
TW = im Theater an der Wien
1875 10.03. Goldmark Die Königin von Saba
1877 04.10. Brüll Der Landfriede
1880 26.05. Riedel Der Ritterschlag
15.12. Brüll Bianca
1883 04.01. Leschetitzky Die erste Falte
21.02. Bachrich Muzzedin
1884 26.03. Bachrich Heini von Steier
1886 30.03. Hellmesberger jun. Fata Morgana
04.10. Hager Marffa
19.11. Goldmark Merlin
1887 03.04. Pfeffer Harold
1889 27.03. Fuchs Die Königsbraut
04.10. Smareglia Der Vasall von Szigeth
1891 19.02. Mader Die Flüchtlinge
1892 01.01. J. Strauß Ritter Pasman
16.02. Massenet Werther
19.11. Schütt Signor Formica
1894 20.01. Heuberger Mirjam
1896 21.03. Goldmark Das Heimchen am Herd
1899 17.01. Goldmark Der Kriegsgefangene
1900 22.01. Zemlinsky Es war einmal
1902 28.02. Forster Der dot mon
1904 18.02. Wolf Der Corregidor
1908 02.01. Goldmark Ein Wintermärchen
1910 12.04. Bittner Der Musikant
18.05. Goldmark Götz von Berlichingen
1911 09.11. Bittner Der Bergsee
1912 16.03. Oberleithner Aphrodite
1913 15.03. Schreker Das Spielwerk und die Prinzessin
1914 01.04. Schmidt Notre Dame
1916 04.10. R. Strauss Ariadne auf Naxos(Wiener Fassung
1917 23.11. Zaiszek-Blankenau Ferdinand und Luise
1919 10.10. R. Strauss Die Frau ohne Schatten
1920 13.05. Weingartner Meister Andrea / Die Dorfschule
1921 09.04. Bittner Die Kohlhaymerin
1924 20.09. Beethoven/R. Strauss Die Ruinen von Athen
1925 24.02. Kienzl Sanctissimum
27.03. Frank Das Bildnis der Madonna
1931 20.06. Wellesz Die Bacchantinnen
1932 10.11. Heger Der Bettler Namenlos
1934 20.01. Lehár Giuditta
08.12. Bittner Das Veilchen
1935 26.12. Salmhofer Dame im Traum
1937 06.02. Wenzl-Traunfels Die Sühne
17.04. Frank Die fremde Frau
18.11. Weinberger Wallenstein
1938 09.03. Salmhofer Iwan Tarassenko
1939 02.02. Wille Königsballade
1941 04.04. Wagner-Régeny Johanna Balk
1956 17.06. Martin Der Sturm
1971 23.05. Einem Der Besuch der alten Dame
1976 17.12. Einem Kabale und Liebe
1989 25.11. Furrer Die Blinden (Od)
1990 06.12. Krenek Kehraus um St. Stephan (Ron)
1995 20.05. Hölszky Die Wände (TW)
26.05. Schnittke Gesualdo
2002 15.06. Cerha Der Riese vom Steinfeld
2007 15.04 Naske Die Omama im Apfelbaum
2010 28.02. Reimann Medea
2010 10.05. Eröd Pünktchen und Anton