Wiens erstes Hochhaus


Bild: Das 13., 14. und 15. Stockwerk bei Nacht
Aufnahme vom Turm der Minoritenkirche, um 1934
© ÖNB Wien, Bildarchiv

Ein „Wolkenkratzer“ mitten in der Innenstadt: Wiens erstes Hochhaus in der Herrengasse entstand 1931/32 und sorgte schon während der Errichtung für heftige architektonische und städteplanerische Diskussionen. Wegen seines amerikanischen Flairs und modernster Infrastruktur galt die Herrengasse 6-8 dann lange Zeit als Nobel-Wohnadresse, nicht zuletzt für Schauspieler des nahen Burgtheaters. Heute wird der von Siegfried Theiß und Hans Jaksch geplante Bau jedoch kaum wahrgenommen, sein spannender kulturhistorischer Background ist wenig bekannt.

„Grassierende Wolkenkratzerepidemie in Wien!“


Bild: Das 13., 14. und 15. Stockwerg bei Tag
Aufnahme vom Turm der Minoritenkirche, um 1934
© ÖNB Wien, Bildarchiv

Ein Hochhaus in der Herrengasse, in Sichtweite des „Steffl“? Darf das sein? Als man Anfang der 1930er Jahre daran ging, Wiens erstes Hochhaus in der Herrengasse zu planen, gingen die Wogen der Empörung hoch: „Ich fordere alle Patrioten, die noch ein Herz für die Schönheit unserer Stadt haben, zum schärfsten Protest auf. Der Wolkenkratzer in der Herrengasse darf nicht gebaut werden!“, meinte etwa der Architekt Albert Linschütz in der „Wiener Zeitung“. Unterstützung erhielt er dabei auch von Josef Frank, der befürchtete, dass „das Profil der Herrengasse völlig zerfetzt“ werden würde.
Auf dem Gelände des ehemaligen Palais der Familie Liechtenstein wurde schließlich ein Gebäude errichtet, das zumindest die Zustimmung des Denkmalamtes hatte: Von unten war es wegen der „Abtreppung“ des hohen Wohnturmes optisch nicht höher als die Nachbarhäuser, mit 50 Metern und 16 Geschossen wurde der Bau bestenfalls ein „Hochhauserl“, so die Zeitungen, und kein echter Wolkenkratzer. Mit dem Prestigeprojekt gelang der konservativen Bundesregierung allerdings etwas, was die Sozialdemokraten zuvor mit einem Hochhausprojekt im 9. Bezirk vergeblich versucht hatten: mit symbolträchtiger Architektur die Moderne und damit den Fortschritt städtebaulich für sich zu reklamieren. Erst 1955 konnten die Sozialdemokraten mit dem 73 Meter hohen Ringturm das Haus in der Herrengasse übertrumpfen.

Delikatessen kaufen und sich
„psychologisch analysieren“ lassen


Bilder: Espresso Hochhaus und Milchbar, 1951
© Lucca Chmel / ÖNB Wien, Bildarchiv

Dem Trend der Zeit entsprechend, bot das Hochhaus den Mietern allerhöchsten Komfort: „Frauen können Gebäck und Delikatessen einkaufen, Möbelstoffe aussuchen, Photographien hin- und zurückbringen, alles im Haus“, vermeldete „Die Bühne“. Außerdem konnte man im siebenten Stock „turnen, sich der Gesichtspflege befleißigen“ und „sich im sechsten psychologisch analysieren lassen“. Im wahrsten Sinne des Wortes der Höhepunkt war das Restaurant im 14. und 15. Stockwerk, mit sensationellem Blick auf die Stadt, großen Schiebefenstern und elektrisch zu öffnender Kuppel – für Tanzabende unter offenem Sternenhimmel…
Neben der Entstehungsgeschichte gibt die Dokumentation Einblicke in das Innenleben des Hauses und erinnert etwa an die Praxis des Nobelarztes Dr. Waldapfel, die mit Holztapeten, Muranoglas-Leuchtern und feinsten Tapisserien ausgestattet war. Die Prominenten begegneten sich hier täglich im Hochgeschwindigkeitslift. „Vierzig Bühnenkünstler sind dem Himmel näher“, betitelte Barbara Coudenhove-Calergi 1957 ihre Reportage über das Haus. Ob Albin Skoda oder Curd Jürgens, Paula Wessely oder Susi Nicoletti – die Herrengasse 6-8 war stets erste Adresse für jene, die hoch hinaus wollten.

DharmeshGeschichteWiens erstes Hochhaus Ein „Wolkenkratzer“ mitten in der Innenstadt: Wiens erstes Hochhaus in der Herrengasse entstand 1931/32 und sorgte schon während der Errichtung für heftige architektonische und städteplanerische Diskussionen. Wegen seines amerikanischen Flairs und modernster Infrastruktur galt die Herrengasse 6-8 dann lange Zeit als Nobel-Wohnadresse, nicht zuletzt für Schauspieler des...