Spätmittelalter
ca. 1250 bis 1500

Wien im Spätmittelalter

Wien muss im Spätmittelalter nicht nur eine bedeutende, sondern auch eine vergleichsweise luxuriös ausgestattete Stadt gewesen sein, waren doch zum Beispiel fast alle Straßen und Plätze mit einem Pflaster aus weichem Sandstein ausgelegt. Ein eigener „Mistrichter“ hatte vor allem auf den Marktplätzen für Sauberkeit zu sorgen – eine Regelung, die in der damaligen Zeit durchaus nicht überall anzutreffen war.


„Albertinischer Plan“. 1438 – 1455.
Kolorierte Farblithographie nach dem verschollenen Original. 1869

Die Wasserversorgung der Stadt geschah durch Hausbrunnen, die jedoch teils durch Fäkalien, teils durch Sickerwasser stark verunreinigt waren und so immer wieder die Ursache von Seuchen und Epidemien wurden. Der gewaltige Stadtbrand von 1562 machte zusätzlich die Notwendigkeit einer wirksamen Wasserversorgung deutlich. Nun wurde der Bau einer Wasserleitung in Angriff genommen. Aus Hernals wurde mit Holz- und Bleiröhren Wasser zu einem Brunnen auf den Hohen Markt geleitet. Diese erste städtische Wasserleitung nahm 1565 den Betrieb auf. 1331 wurde die Stadt in Viertel geteilt, und zwar in Schottenviertel, Widmerviertel, Kärntnerviertel und Stubenviertel. Der Stadtrat ernannte „Viertelmeister“, die für die jeweiligen Viertel zuständig waren. In jedem Viertel war ein Alarmplatz bestimmt, an dem die Bürger sich bei einem Notfall, der durch das Läuten einer Sturmglocke angekündigt wurde, einzufinden hatten. In der Türmerstube von St. Stephan wurde um 1525 eine Brandwache eingerichtet, die Feuer bei Tag durch eine rote Fahne, nachts durch eine Laterne anzuzeigen hatte. Sie bestand übrigens bis 1965!


Ausschnitt aus „Ansicht Wiens“.
Holzschnitt, Hartmann Schedels „Buch der Chroniken“. 1493

Im Verlauf des 15. Jahrhunderts wurde die Stadtmauer planmäßig verstärkt. Während das ganze Hochmittelalter hindurch und weit darüber hinaus die Zahl der Tore (Kärntner-, Widmer-, Schotten-, Werder-, Rotenturm- und Stubentor) unverändert bei sechs blieb (erst im 17. Jahrhundert wurden neue Tore errichtet), stieg die Zahl der Türme, größere und kleinere, bis 1418 auf neunzehn.

Hygienische Maßnahmen der Stadtverwaltung bestanden unter anderem im Abfangen der zahlreichen verwilderten Hunde. So mussten im Jahre 1444 achthundertsechsundsechzig Hundekadaver beseitigt werden, wofür der „Huntschlager“ zwei Pfennig pro Stück verrechnete. 1534 wurde der erste Stadtphysikus ernannt, ein Barbier, und 1536 die erste städtische Hebamme.

Eine weitere Vorsorge stellte die Einrichtung von Spitälern und Siechenhäusern dar. Dabei handelte es sich im Allgemeinen nicht um städtische Einrichtungen, sondern um karitative Stiftungen. Aus einer solchen Stiftung entstand noch in spätbabenbergischer Zeit das Bürgerspital; es besaß ab 1432 ein Bierbraumonopol, das seine finanzielle Sicherstellung garantierte. Andere Siechenhäuser waren das „Bäckenhäusl“ in der heutigen Währinger Straße (Beginn des 16. Jahrhunderts).


Der Hohe Markt mit der Schranne.
Ausschnitt aus dem Stich „Wienn in Oesterreich“ v. J. Hufnagel. 1609

Schließlich ist noch die Prostitution zu erwähnen. Bordelle wurden im Allgemeinen nicht verfolgt oder überwacht, weil sie pikanterweise im Besitz des Hofes oder der Bürgerschaft waren. Das Vordere und das Hintere Frauenhaus lagen in der Nähe des heutigen Theaters an der Wien.
Wie überall im Mittelalter waren auch in Wien öffentliche Bäder äußerst populär. Sie waren vor allem im Stubenviertel konzentriert (das von den Badstuben seinen Namen ableitete). Das Auftauchen der Lustseuche um 1500 bedeutete ein jähes Ende dieser „Badekultur“, die sich oft als recht freizügige Unterhaltung gestaltete. Eine der ältesten Richtstätten Wiens lag auf dem Hohen Markt, wo auch zwischen 1547 und 1710 der Narrenkotter aufgestellt war, eine Art Gitterkäfig für die kurzfristige Verwahrung von Unruhestiftern, Dirnen, Wahrsagern, Trunkenbolden etc. Hier stand auch die Schranne, das Stadtgerichtshaus, das seit 1325 nachweisbar ist. Nach einem Brand 1437 wurde ein neues Gebäude mit einem Laubengang errichtet. 1855 wurde das mehrfach umgebaute Haus abgetragen. Die Schranne übersiedelte vor das neu errichtete heutige Landesgericht. Wien besaß gleich mehrere Pranger, einen davon ebenfalls auf dem Hohen Markt.

Die verschiedenen Hinrichtungsarten hatten ihre eigenen Reviere: auf dem Hohen Markt Köpfen und Vierteilen; auf der Gänseweide in Erdberg Tod durch Verbrennen. Auf dem Schweinemarkt, dem heutigen Lobkowitzplatz, wurde ebenfalls enthauptet. Vorwiegend gehängt und gerädert wurde nahe der Spinnerin am Kreuz auf dem Wiener Berg und auf dem Rabenstein in der Roßau.

Text auszugsweise aus

Stadtchronik Wien
Dr. Christian Brandstätter, Dr. Günter Treffer
2000 Jahre in Daten, Dokumenten und Bildern
Von den Anfängen bis zur Gegenwart

mit freundlicher Genehmigung

Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.brandstaetter-verlag.at

Rittersporn – Armae Victusque


Darstellung eines mittelalterlichen Zeltlager auf der Veranstaltung
„Montur und Pulverdampf“ 2009 im Heeresgeschichtlichen Museum

„Auf, Ihr Wiener, zu den Waffen! Es wird zum Heerbann gerufen!“ Der Ruf galt im späten 15. Jahrhundert allen Wiener Bürgern, die aufgrund ihrer Pflichten dem Ruf zu den Waffen folgen mussten. Heute gilt der Ruf dem Verein „Rittersporn – Armae Victusque“, welcher es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine historische und lebendige Darstellung des ausgehenden 15. Jahrhunderts zu liefern. Das Vereinsmotto lautet:“Geschichte nicht nur erlernen, sondern auch erleben“. Aus diesem Grund schlüpfen die Mitglieder in die Rollen von Menschen, welche im 15. Jahrhundert gelebt haben oder gelebt haben könnten.


Harnisch um 1450 bis 1480
Nominibus vacantes
„Söldner zu Baden“
auf der Veranstaltung
„Montur und Pulverdampf“ 2009
im Heeresgeschichtlichen Museum

Nominibus vacantes – Söldner zu Baden
„Nominibus vacantes – Söldner zu Baden“ – beschäftigt sich mit der Darstellung einer Söldnergruppe im Zeitraum von 1450 bis 1480 im Gebiet rund um Baden bei Wien. Eine sehr interessante und bewegte Zeit, da Baden in diesem Zeitraum nicht nur besetzt, belagert, angezündet, befreit (und angezündet) oder angegriffen wurde, sonder auch Herberge für Kaiser und Könige war und 1480 das Stadtrecht erhalten hat. Nominibus Vacantes bemüht sich um die Rekonstruktion der Lebensweise der Söldner und ihres Trosses und deren Darstellung. Weiters beschäftigen sie sich mit dem historischen Fechten, des Umgangs mit gebräuchlichen Waffen des Spätmittelalters. Der Schwerpunkt liegt dabei beim langen Schwert, aber auch Dolch, langes Messer und Mordaxt werden behandelt.

Harnische

Seit 1580 wurden die Feuerwaffen immer durchschlagskräftiger und zielsicherer, so dass auch die Harnische entsprechend verstärkt werden mussten. Daher entstanden massivere, meist eiserne Helmtypen, die besonders bedrohlich erscheinen. Die Okkular- und Mundausschnitte der Maskenvisiere verstärken diese Wirkung zusätzlich.


Helm eines schweren Reiterharnisches
Karl II., Herzog von Lothringen
(1543 – 1608)
Französisch 1580/90
geschwärztes Eisen, Leder, Samt
Wien, Kunsthistorisches Museum, Hofjagd- und Rüstkammer
Der durchaus bedrohlich wirkende Savoyardenhelm diente beim nächtlichen Eroberungsversuch der Savoyer gegen die Stadt Genf, der allerdings scheiterte.


sog. Savoyarden-Helm
vom schweren Halbharnisch des Johann Baptist Freiherr von Taxis
(1522 – 1588)
niederländisch, um 1585
Eisen, Leder, Messing
Wien, Kunsthistorisches Museum, Hofjagd- und Rüstkammer


Medusenschild
Kaiser Karl V. (1500 – 1558)
Mailand, um 1535 od. 1541
dunkles, brüniertes, getriebenes, Goldtauschiertes Eisen
Wien, Kunsthistorisches Museum, Hofjagd- und Rüstkammer
Nach einer Inschrift erhielt Kaiser Karl V. diesen Schild von seinem Bruder Ferdinand I. als Erinnerung an die Afrikafeldzüge 1535 oder 1541 gegen den berüchtigten Seeräuber Chaireddin Barbarossa (stirbt 1546) geschenkt.
Reich sind die allegorischen Andeutungen und historischen Verweise: die Büsten der römischen Afrikahelden, Skipio, Cäsar, Augustus und Claudius, spielen auf die historischen Vorbilder Karls an. Allegorische Darstellungen sowie die biblischen Heldenfiguren Judith, David und Samson und der griechische Halbgott Herakles verweisen auf Karl, der sich in Neapel als römischer Afrikasieger feiern ließ.


All’antica Sturmhaube
Ferdinand von Tirol (1529 – 1595)
Mailand um 1550/55
Eisen, Gold, Silber, Messing
Wien, Kunsthistorisches Museum, Hofjagd- und Rüstkammer
Die dem offenen römischen Helm nachgebildete Sturmhaube präsentiert sich dem Betrachter als halbe Löwenmaske, mit fixierenden Augen unter goldmelierten Brauen und ebensolcher Schnauze, aus der beiderseits 2 versilberte Zähne ragen. Mit der Löwenmaske wird der Helm zum Haupt des nemeischen Löwen und sein Träger somit zu Herkules. Das allegorische Programm mit Herkules als rettenden Helden der Antike, dem Christus als Erlöser des Neuen Bundes gegenübersteht, hat Erzherzog Ferdinand von Kaiser Karl V. übernommen.


sog. Fuchshelm
Ferdinand I. (1503 – 1564)
Innsbruck 1526 – 1529
blankes Eisen
Wien, Kunsthistorisches Museum, Hofjagd- und Rüstkammer
Der geschlossene Helm mit dem Visier in Form einer Fuchs- oder Hundeschnauze sollte die Eigenschaften dieses Tieres seinem Träger vermitteln. „Schlau wie ein Fuchs“, damit könnte auch auf Ferdinands erfolgreiche Abwehr der ersten Türkenbelagerung Wiens gegen diesen Übermächtigen Gegner Bezug genommen worden sein.

Helme und Harnische auf der KHM-Ausstellung „WIR SIND MASKE“ 2009

Spätmittelalter

Als Spätmittelalter wird der Zeitraum der europäischen Geschichte von der Mitte des 13. bis zu dem Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts bezeichnet (also ca. 1250 bis 1500), der das europäische Mittelalter abschließt und in die Renaissance mündet, die Übergangsepoche zur frühen Neuzeit.

Eine generelle zeitliche Eingrenzung des Übergangs vom Spätmittelalter in die Renaissance ist nicht möglich, da letztere wesentlich aus der kulturphilosophischen und kunstgeschichtlichen Entwicklung heraus definiert ist. Je nachdem, wie offen die jeweiligen Gelehrten und Mäzene in den europäischen Kulturzentren der neuen Entwicklung gegenüber standen, breitete sich die Renaissance in den verschiedenen europäischen Regionen unterschiedlich schnell aus.

Das Spätmittelalter wurde von manchen Historikern wegen einiger Erscheinungen in Kunst und Kultur sowie in der Verfassung des Deutschen Reiches als Krisenzeit betrachtet. Dies ist nicht unwidersprochen geblieben und wird in der heutigen Forschung nicht mehr so gesehen.

Andererseits war das 14. Jahrhundert auch eine Zeit des künstlerischen und wissenschaftlichen Fortschritts. Die Wiederentdeckung der Texte des alten Griechenland und Roms führten zu dem, was die Zeitgenossen Renaissance nannten, einer „Wiedergeburt“ des antiken Geisteslebens und seiner Rezeption. Diese Entwicklung hatte schon durch den Kontakt mit den Arabern während der Kreuzzüge begonnen, und sie beschleunigte sich mit der Eroberung Konstantinopels durch das Osmanische Reich, vor der viele byzantinische Gelehrte in den Westen flüchteten, insbesondere nach Italien. Die Erfindung des Buchdrucks hatte enormen Einfluss auf die europäische Gesellschaft. Sie erleichterte die Verbreitung des Geschriebenen und demokratisierte das Lernen, eine wichtige Voraussetzung für die spätere protestantische Kirchenreformation. Der Aufstieg des Osmanischen Reiches bis zum Fall Konstantinopels 1453, der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches (im selben Jahr, in dem auch der Hundertjährige Krieg endete), hatte die Verkehrswege nach Osten abgeschnitten, doch Kolumbus’ Entdeckung Amerikas 1492 und Vasco da Gamas Umsegelung des afrikanischen Kontinents 1498 öffneten neue Handelsrouten und stärkten so Macht und Wirtschaftskraft der europäischen Nationen. Die Gewinner waren die Händler und Handwerker, die Bankiers und Ratsherren, die im Schutz der Städte ein zunehmend freies, von weltlichen und kirchlichen Obrigkeiten unabhängigeres Leben führen konnten. Epochale Ereignisse waren zuletzt auch der Beginn der Reformation (1517) und der Deutsche Bauernkrieg (1525/26).

All diese Entwicklungen zusammengenommen erlauben es, in den Jahrzehnten um 1500 vom Ende des Mittelalters und vom Beginn der Neuzeit zu sprechen. Dabei ist anzumerken, dass diese Einteilung immer etwas willkürlich bleibt, da das antike Wissen niemals ganz aus der europäischen Gesellschaft verschwunden war, sondern es vielmehr seit der klassischen Antike eine gewisse Kontinuität gegeben hat. Zudem gab es erhebliche regionale Unterschiede. So ziehen es einige Historiker (speziell in Italien) vor, überhaupt nicht vom Spätmittelalter zu sprechen, sondern die Renaissance des 14./15. Jahrhunderts als direkten Übergang zur Neuzeit anzusehen.

Um 1300 breitete sich eine Reihe von Hungersnöten und Seuchen wie die große Hungersnot 1315–1317 und der Schwarze Tod 1347–1353 aus und reduzierten die Bevölkerung auf etwa die Hälfte. Soziale Erhebungen und Bürgerkriege führten in Frankreich und England zu schweren Volksaufständen (Jacquerie und Peasants’ Revolt), und zwischen diesen beiden Staaten brach der Hundertjährige Krieg aus. Die Einigkeit der Kirche wurde durch das Große Schisma erschüttert. Am Ende der Kreuzzüge (1095–1291) war das Byzantinische Reich zu einer unbedeutenden Regionalmacht herabgesunken, der Islam herrschte nach seiner Expansion über ein Gebiet von Spanien bis Zentralasien. Der 200 Jahre dauernde Konflikt hatte die Kriegsführung und auch die Gesellschaft verändert. Die Verlierer jener Ära waren vor allem die Lehnsherren und das Rittertum. Doch auch das Papsttum musste Autorität einbüßen, ebenso das Kaisertum. Die Gesamtheit dieser Ereignisse wird traditionell auch Krise des Spätmittelalters genannt, auch wenn dieses Modell inzwischen nicht mehr unumstritten ist.

DharmeshGeschichteSpätmittelalter ca. 1250 bis 1500 Wien im Spätmittelalter Wien muss im Spätmittelalter nicht nur eine bedeutende, sondern auch eine vergleichsweise luxuriös ausgestattete Stadt gewesen sein, waren doch zum Beispiel fast alle Straßen und Plätze mit einem Pflaster aus weichem Sandstein ausgelegt. Ein eigener 'Mistrichter' hatte vor allem auf den Marktplätzen für Sauberkeit...