Wiederaufbau 1945
Trümmerbücher und (Neu-)Orientierung

Den Wiederaufbau nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs orchestrierte in allen Phasen eine intensive (Bild-)Publizistik. In der Person Hans Riemers, über viele Jahre in sozialdemokratischen/sozialistischen Diensten, hatte die Pressestelle der Stadt Wien von Juni 1945 bis 1948 einen umtriebigen Leiter. Mit Perle Wien. Ein Bilderbuch aus Wiens schlimmsten Tagen (1946 u. ö.) erarbeitete er ein resolutes antifaschistisches Mahnmal, mit der Absicht, die »Perle Wien in Hitlers Fassung« fotografisch vorzuführen und zu demontieren. Dieser gelegentlich mit Einst-und-jetzt-Gegenüberstellungen argumentierende Trümmer- oder Inventurbildband, der gegen Ende noch das entbehrungsreiche Nachkriegsleben andeutet sowie verallgemeinernd Opfer, Täter und Befreier vorführt, blieb nicht der einzige Titel, der Kriegsverheerungen von Bauwerken dokumentierte. Es herrschte sogar eine kleine Konjunktur, die Katastrophe für die Nachwelt in Bildbandform zu bezeugen und gleichzeitig für den Wert einer demokratischen Gesinnung und den Wiederaufbau zu werben. So entstanden Wien 1945. Ein Sammelwerk aus dem zerstörten Stadtbild Wiens mit 168 Original-Aufnahmen (1946), Stephansdom 1945 (1945) und Anton Mackus/Lucca Chmels Der Wiener Stephansdom nach dem Brand im April 1945 (1947).



Der Wiener Stephansdom nach dem Brand im April 1945
1947 Lucca Chmel
34 x 24,5 cm, 4 Taf., 40 S.

In Letztem hielt die Fotgrafin, als ehemalige Nationalsozialistin vom Kulturamt der Stadt Wien zur Wiedergutmachung zu Aufräumungsarbeiten in den Dom beordert, die durch Kampfhandlungen erlittenen Zerstörungen fest. Es fällt auf, dass privat geführte Verlage einsprangen, die allesamt – Zufall oder nicht – in der US-Besatzungszone (7.-9., 17.-19. Und 1. Bezirk, der einer gemeinsamen Verwaltung unterstand) residierten. Hierorts unterlag bis Ende 1945 jede verlegerische Tätigkeit einer rigorosen Kontrolle durch den Information Services Branch (ISB). In der ersten Hälfte 1946 gab der ISB das Verlagswesen frei, die notwendige Lizenzierung (Permit) blieb jedoch aufrecht, genauso wie man sich eine Nachzensur vorbehielt. Die Besatzer hielten sich Möglichkeiten offen, die verlegerische Tätigkeit steuern, zu beeinflussen, zu be- oder zu verhindern. Die heimischen Verleger kämpften in der Praxis mit unzähligen Restriktionen, etwa der Papierzuteilung. Bei besagten Titeln spielten kommerzielle Erwägungen meines Erachtens eine nachgeordnete Rolle. Die Verantwortlichen beabsichtigten, ihr Unterfangen als eines von öffentlichem Interesse hinzustellen, sodass mit gutem Grund – ohne es belegen zu können – eine finanzielle Bezuschussung vonseiten der Gemeinde, der Kirche, der Besatzer (als Teil der Reeducation/Reorientation) oder Privater angenommen werden darf. Wien 1945 erschien im Verlag Paul Kaltschmid; dieser stand der Entnazifizierung wegen bis 1947 unter öffentlicher Verwaltung. Der eingesetzte Betriebsverwalter war dem zuständigen Ministerium, letztlich indirekt den Alliierten gegenüber weisungsgebunden, musste Rechenschaft in Form von Tätigkeitsberichten geben und eine Eröffnungs- und Schlussbilanz erstellen.


Pressestelle der Stadt Wien


Franz Blaha

Perle Wien. Ein Bilderbuch aus Wiens schlimmsten Tagen
1946
28,5 x 21 cm, 127 S.

Bei Stephansdom 1945 aus dem katholischen Verlag Amandus trat als Herausgeber der Vizekustos des Kirchenmeisteramtsarchivs in Erscheinung, das auch die Fotografien bereitstellte. Anzunehmen ist, dass hier wie beim Macku/Chmel-Band die Kirche ihre Finger (auch monetär) im Spiel hatte, bestand doch ein genuines Interesse, den Wiederaufbau des Doms zu einer kollektiven nationalen Angelegenheit zu stilisieren – was die Politik auch dankbar aufnahm.

89 Zum politischen Werdegang Hans Riemers vgl. http://www.wien.gv.at/ma53/45jahre/1956/0456.htm , 10. Februar 2008.

90 Vgl. Gabriele Hofer, Lucca Chmel – Architekturfotografie 1945 -1972. Zur Repräsentation österreichischer Nachkriegsmoderne im fotografischen Bild, Wien: Praesens, 2006 (Angewandte Kulturwissenschaften Wien, 4), 87 – 95.

91 Vgl. Oliver Rathkolb, Der Kalte Krieg um die österreichische Buchproduktion 1948, in: Medien & Zeit. Forum für hist. Kommunikationsforschung, Jg. 1 (1986), H. ½, 49-57.

Michael Ponstingl
geboren 1965 in Wiener Neustadt. Studium der Kommunikationswissenschaften, der Germanistik und Kunstgeschichte in Salzburg und Wien.
Von 1997 bis 2000 Herausgeber der Zeitschrift „Eikon – Internationale Zeitschrift für Photographie & Medienkunst“. Seit 2000 Kurator der Fotosammlung der Albertina. Veröffentlichungen zur Fotografie
und zu den neuen Medien.

auszugsweise aus

Wien im Bild
Fotobildbände des 20. Jahrhunderts

Michael Ponstingl

Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich
Band 5
Herausgegeben von Monika Faber für die Fotosammlung der Albertina, Wien

Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.brandstaetter-verlag.at

DharmeshGeschichteWiederaufbau 1945 Trümmerbücher und (Neu-)Orientierung Den Wiederaufbau nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs orchestrierte in allen Phasen eine intensive (Bild-)Publizistik. In der Person Hans Riemers, über viele Jahre in sozialdemokratischen/sozialistischen Diensten, hatte die Pressestelle der Stadt Wien von Juni 1945 bis 1948 einen umtriebigen Leiter. Mit Perle Wien. Ein Bilderbuch aus...