Weihnachten 1976: Ein Geldregen vom Himmel
(Waltraud Boock)

Bild: Die Angeklagte Waltraud Boock ist während der Verhandlung rotzfrech und anmaßend. Sie fühlt sich als politische Menschheitsbeglückerin. Urteil: 12 ½ Jahre Kerker.

Es war einige Tage vor Weihnachten. Über Wien hingen graue Wolken. Für Schnee war es allerdings nicht frostig genug, lediglich ein kalter Nieselregen verschleierte die Luft, legte sich auf die Gesichter der Passanten und machte den Asphalt der Wiener Innenstadt dunkelgrau und glitschig. In der Bankfiliale seitlich des großen Opernhauses herrschte Aufbruchstimmung. Es war zehn Minuten vor Torschluß, der vorläufig letzte Kunde hatte soeben den Schalterraum verlassen. Danach kam noch die Abrechnung, das Versperren der Kassenschlösser, das Ritual des Alarm-Entsicherns. Dann würde man die Filiale verlassen, an diesem Montag,
den 13. Dezember 1976.

… Frau Hilde war erst seit ein paar Tagen wieder in der Bankfiliale. … Ein junges Paar trat ein, bemerkte Frau Hilde, ohne näher hinzusehen. „Hoffentlich sind sie vor drei fertig!“ dachte sie flüchtig und wollte schon wieder ihre Einkaufliste weiterlesen. Da hörte sie die junge Frau rufen: „Überfall! Alles bleibt ruhig!“ – laut, aufgeregt und mit deutschem Zungenschlag. Sie ließ ihre Liste sinken und starrte verblüfft auf die Kundin und deren Revolver. Gleichzeitig bemerkte sie, daß ihr Begleiter, gewandt wie ein Kinogangster, über das Kassenpult sprang und auf den Kassier zustürzte. Die junge Frau mit dem Revolver war durch den akrobatischen Akt ihres Begleiters zwei Sekunden lang abgelenkt. Das aktivierte Frau Hilde. Sie versuchte, sich mit den Beinen abstoßend, auf ihrem Bürostuhl zur Türe zu rollen. „Sitzenbleiben!“ rief die junge Deutsche und zielte mit dem Revolver geradewegs in das Gesicht der Bankangestellten. Die junge Frau mit dem Revolver wandte ihren Kopf dem Gefährten hinter der Kassa zu. „Schneller, schneller!“ herrschte sie ihn an. Und dann: „Hier – für die Devisen!“ Sie zog hastig einen braunen Plastiksack unter ihrem Poncho hervor und warf ihn dem Kerl zu. Der holte unentwegt Geldscheine aus der Lade und stopfte sie in den Sack, als wären es Gänsefedern. Während sie nervös nach links und rechts blicke, mit dem Revolver herumfuchtelte und schrill Befehle schrie, bemerkte sie gar nicht, daß die Frau in dem Bürostuhl sie unverwandt anstarrte. Das junge Gangstermädel sah insgesamt nicht unsympathisch aus. Sie war etwa 1,65 groß, eher zart, trug einen braungemusterten Poncho aus Wolle mit Fransen um den Leib, dunkelblaue Jeans an den Beinen und eine dunkle Wollmütze auf dem Kopf, unter der kurze schwarze Haare hervorlugten. Die junge Räuberin hatte ihrem Kumpan etwas zugerufen, der war mit dem braunen Plastiksack voller Papiergeld hinter dem Tresen hervorgestürzt und Richtung Ausgang gelaufen. Die Deutsche mit der Sonnenbrille und dem Revolver hob noch einmal ihre Stimme: „Alles stehen bleiben! Niemand bewegt sich!“ Dann stürzte auch sie aus der Bankfiliale. In der nächsten Sekunde waren die beiden verschwunden, verschluckt vom Menschengewühl der nachmittäglichen Kärntnerstraße. Und mit ihnen 3 ½ Millionen Schilling in Form von Dollar, D-Mark, Schweizer Franken und Geld in österreichischer Währung. Es war der bisher größte Bankraub in der Kriminalgeschichte Österreichs und wohl auch der spektakulärste, was die folgenden fünf Minuten betrifft, wie auch die Wochen danach. Die Räume, in denen die erwähnte Bankfiliale im Dezember ´76 untergebracht war, beherbergen heute einen Gastbetrieb. Den damaligen Überfall in die heutige Dekoration versetzt zu denken, ergäbe eine Situation wie in einem Stummfilm: Zwei aufgeregte Bankräuber stürzen in ein Kaffeehaus, der eine springt über die Theke auf die Kassa in Richtung Kassierin zu, verfehlt das Ziel, landet in einem Turm von Torten und Patisserien. Mit dem Gesicht voran, versteht sich, schokoladeverschmiert, bemüht er sich, nach dem Geld in der Kassa zu fassen, langt aber immer tiefer in die Tortencreme, bis zuletzt die Luft erfüllt ist von flüssiger Schokolade, Schlagobers und Marmelade. Die hereinstürzenden Polizisten rutschen darauf aus, einer fällt auf den anderen, schließlich wälzt sich alles in einem süßen Sumpf aus Cremen und Wolken von Staubzucker – johlendes Gelächter, Ende der Vorstellung. So wäre das heute. Damals, Dezember ´76, verlief erwähnter Überfall weitaus weniger komisch. Statt Schokocreme und Schlagobers spritzte sogar Blut und es pfiffen Revolverkugeln durch die Luft. Nachdem das Gangsterpärchen mit den erbeuteten Millionen in ihrem braunen Plastiksack gegen drei Uhr nachmittags aus der Bankfiliale gestürzt kam, beeindruckte es die träge vorbeiströmende Menschenmenge vor allem zunächst einmal so sehr durch ihr Benehmen, daß die nachträglich vernommenen Augenzeugen die widersprüchlichsten Aussagen machten. So etwa gaben einige der Zeugen an, nicht zwei, sondern drei Gangster gesehen zu haben. Die Zahl drei geisterte bereits in den Aussagen zweier Bankbeamter, obwohl der Rest der Mannschaft nur das Pärchen gesehen haben wollte. Weiters hatte einer schon vor der Bank drei Schüsse gehört, während andere Passanten lediglich eine einzige Waffe gesehen haben wollten – ohne Schüsse, dafür aber silbern blitzend. Soviel über die Verläßlichkeit von Augenzeugen. Tatsächlich gab das Mädchen aus ihrem Revolver den ersten Schuß knapp nach der Hälfte ihres Fluchtweges ab, als sie nämlich mit ihrem Kumpan fast schon die unterirdische Fußgängerpassage vor der Wiener Oper durchlaufen hatte und eben im Begriff war, sich mittels Rolltreppe ans Tageslicht hinaufheben zu lassen – wo ausgerechnet in diesem Augenblick ein Mann mit einem Bündel Holzlatten im Arm des Weges und ihr entgegenkam. Auch die folgende Szene könnte einer Slapstick-Stummfilmkomödie entnommen sein, wenn man von ihrem blutigen Ende einmal absieht.


Bild: Der Mann kann entkommen, den gestohlenen VW verläßt er vor dem Volkstheater fluchtartig.


Bild: Das Mädchen wird nahe der Oper gefaßt und von Passanten verprügelt.

Der Mann mit den Holzlatten war soeben mit einer Ringstraßenbahn von der Josefstadt gekommen und wollte in der Gegenrichtung die Passage unterqueren. Was sich von da an ereignete, schilderte er wörtlich in seinem Polizeiprotokoll vom 17. Dezember, also vier Tage nach dem Banküberfall, von seinem Spitalsbett aus: „Ich hatte mir in einem Bastlergeschäft mehrere Holzleisten gekauft, die zu einem Bund verschnürt waren. Als ich zum Abgang der Operngasse kam, vernahm ich von unten einen heftigen Knall, und dann hörte ich die Leute rufen: „Aufhalten, aufhalten!“ – Ich stand ungefähr in der Mitte zwischen zwei Rolltreppen, als von mir aus gesehen ganz links über die Stiegen die Beschuldigte herauflief.“ Die Beschuldigte, das war, wie inzwischen ermittelt werden konnte, die am 5. Mai 1951 in Seeshaupt, Bayern, geborene Waltraud Liewald, geschiedene Boock, Arzthelferin, und wegen Mittäterschaft bei drei Banküberfällen in der BRD gesucht. „Instinktiv habe ich das Bündel mit den Holzlatten in die Richtung der Frau gehalten, um ihr den Weg abzuschneiden. Wie ich das getan habe, habe ich plötzlich einen starken Schlag gegen die linke Seite des Oberkörpers verspürt, nachdem ich einen heftigen Knall gehört hatte. Gleich darauf spürte ich einen brennenden Schmerz im linken Oberarm. Deswegen konnte ich nicht verhindern, daß die Beschuldigte ihre Flucht fortsetzte.“ Das Schußopfer war der Mittelschulprofessor und Hobbybastler Dr. Walter Tschol, geb. 22. Juni 1913, in Selzthal. Sein Protokoll lautet in den letzten Sätzen: „Ich habe bei der Frau keine Waffe gesehen. Mir ist auch keine Bewegung erinnerlich, die darauf deuten würde, daß sie geschossen hat. Ob die Beschuldigte den Schuß gegen mich abgegeben hat oder gegen eine andere Person, kann ich nicht sagen.“

M e h r e r e bewaffnete Personen – e i n e bewaffnete Person – eine Person, die Frau, bei der man aber gar keine Waffe bemerkte, weder eine vorgehaltene noch sonst eine, aus deren Lauf gerade ein Schuß fährt – was soll man bei einem solchen Aussagen-Wirrwarr noch für bare Münze nehmen? Tatsache ist, daß der Herr Lehrer von einer Kugel in der Schulter getroffen wurde, daß Stunden später ganz in der Nähe ein weggeworfener Revolver gefunden werden konnte und daß eine Anzahl von Leuten zumindest einen Flüchtenden neben Frau Boock gesehen hatte – g e s e h e n hatte, aber nicht erkannt. Denn besagter Komplize hatte sein Gesicht hinter einer Wollhaube versteckt, eine sogenannte Roger-Staub-Skimütze, die er bis über die Nase gezogen trug, wie es unter Bankräubern und Terroristen damals eben üblich war. Zudem war der Mann ziemlich bald nach dieser abenteuerlichen Flucht in einem gestohlenen Auto davongefahren, nach wenigen Minuten stehengeblieben, auf die Straße gesprungen und davongerannt. Auf Nimmerwiedersehen. Leider.

Vorerst hatte das Gangsterpärchen noch gemeinsam das unterirdische „Jonas-Reindl“ – Spitzname der Wiener Opernpassage, benannt nach Bürgermeister Franz Jonas, in dessen Amtszeit die kochtopfrunde Unterführung vor dem Opernhaus in den Boden gestampft worden war – in Richtung stadtauswärts laufend verlassen können. Es kam aber nicht weit: Gleich hinter dem Ausgang des „Reindls“, in der Operngasse 3, bewachte ein Polizist den Eingang der „Türkischen Fluglinie“. Durch das Geschrei der Passanten „Aufhalten! Ein Überfall!“ – es tönte wie aus einem unterirdischen Souffleurkasten des dahinterliegenden Opernhauses – war der Mann aufmerksam geworden. Er sah das Pärchen vor sich auftauchen: Vorne ein etwa 25jähriger Mann, 170 cm groß, bekleidet mit heller, halblanger Jacke, dunkler Hose, den Kopf vermummt mit einer dunkelblauen Wollmütze; und etwa zwei bis drei Meter hinterherhetzend eine junge Frau, etwas kleiner, bekleidet mit einer blauen Jeanshose und einem dunkelbraunen Poncho aus Wolle; sie trug in der linken Hand eine braune Plastiktüte, vollgestopft mit irgend etwas. Plötzlich trennten sich die beiden. Während der Mann geradeaus weiterlief, sprang die Frau auf die Fahrbahn, als wollte sie diese überqueren. In der Mitte blieb sie stehen, wandte sich jäh um und hatte mit einem Mal einen Revolver in der ausgestreckten rechten Hand. Während an ihrer Linken immer noch das braune Plastiksäckchen mit dem unbekannten Inhalt baumelte, drückte sie zweimal ab, in Richtung auf den Polizisten. Der suchte blitzschnell hinter einem parkenden VW Deckung.
Schuß 1 der Dame ging in die Auslagenscheibe der Türkischen Fluglinie, schlug ein Loch ins Glas und blieb in der Flugkarte „Naher Osten“ an der Wand stecken, irgendwo zwischen Istanbul und Izmir.
Schuß 2 legte eine kürzere Reise zurück: Er durchschlug krachend die Tür des VW, hinter der unser Polizist sich versteckt hatte, und durchbohrte abschließend die Rückenlehne des Beifahrersitzes; den Polizisten selbst ließ die Kugel unverletzt.
Nun näherte sich stadtauswärts fahrend ein Taxi. Der Räuber mit der Wollmütze – er war inzwischen ein paar Meter weitergelaufen – drehte sich um und winkte dem Taxifahrer. Dieser machte Anstalten stehenzubleiben. In diesem Augenblick kam die schießende Bankräuberin von vorn auf das Taxi zugelaufen. Sie hatte noch immer die Pistole erhoben. Diesmal zielte sie auf den Taxifahrer. Der Mann bewies Geistesgegenwart: Statt geradewegs weiterzufahren, riß er kurz vor der zielenden Frau das Steuer nach links. Der Wagen rollte jäh auf die Bankräuberin zu, stieß sie an, stieß sie um. Der Revolver in ihrer Rechten flog in hohem Bogen auf die Straße, der braune Plastiksack löste sich von ihrer Linken und wurde in den Himmel geschleudert – und plötzlich flatterte von oben eine Wolke von Banknoten zu Boden: Hundert-Schilling-Scheine, Tausender, Dollars in allen Größen, Pfunde, Schweizer Franken und sonst noch, was das Herz des Wieners erfreuen kann. So knapp vor Weihnachten ein wahres Geschenk des Himmels! Kunststück, wo das Ereignis sich genau vor einer Apotheke abspielte, deren Namen lautete: „Apotheke zum Heiligen Geist“ …

Während wertvolle Banknoten, wie vom Heiligen Geist geschickt, vom Himmel auf die Operngasse herniederschaukelten, und sich dutzende Passanten in den satten Geldregen stürzten, hatte der geistesgegenwärtige Taxler genug zu tun, das Geschehen in und vor seinem Fahrzeug zu überschauen, es zu meistern, sowie heil aus ihm hervorzugehen. Aus der Sicht des weiblichen Fahrgastes, den das Taxi bis zu diesem Überfall befördert hatte, hörten sich die Ereignisse dieser Sekunden so an: „Ich habe gesehen, wie in der Operngasse, Richtung Sezession, am linken Gehsteig ein Mann und eine Frau stadtauswärts liefen. Ich habe auch zu diesem Zeitpunkt Schüsse gehört. Als die beiden Personen in die Nähe des Taxis kamen, hielt der Mann mir und dem Lenker eine Pistole vor das Gesicht. Meiner Meinung nach wollten sie das Taxi zur Weiterfahrt benützen. In diesem Augenblick gab der Lenker Gas und streifte den Mann, wobei dieser stürzte.“ Natürlich eine Verwechslung: Die Zeugin hatte einen Mann gesehen, der in Wirklichkeit eine Frau war. Wer da angefahren und gestürzt war, nun auf dem Boden lag und von wütenden Passanten windelweich geprügelt wurde, – etwa, weil diese bei der Geldklauberei rundum zu kurz gekommen waren? – war nachweislich Frau Waltraud Boock, Arzthelferin aus Deutschland, und dortselbst wegen mehrerer Banküberfälle von der deutschen Polizei gesucht. Doch weiter in der Aussage der Zeugin: „Nun zog der Taxilenker den Schlüssel ab und lief nach der linken Seite davon. Der Mann (= Waltraud Boock) schoß dem flüchtenden Lenker mehrere Male nach. Dann stieg er in das Taxi ein und wollte starten.“ Stimmte natürlich auch nicht. Der Grund für alle diese Mißverständnisse war folgender: „Ich lag, während das alles geschah, hinten im Fahrgastraum auf dem Boden. In einem günstigen Moment, gerade als der Mann starten wollte, gelang es mir, die rechte Türe aufzustoßen und auf die Straße zu flüchten.“
Also: Die Frau hatte zwar eine ganze Menge gehört, aber kaum etwas gesehen. Wahrscheinlich nicht einmal eine der vielen tausend Banknoten, um die sich dutzende Passanten immer noch balgten, und zwar ziemlich erfolgreich balgten. Denn als die Millionen wenig später von der Polizei sichergestellt wurden – ein eifriger Zeuge hatte sie in einen Karton getan und diesen einem Beamten übergeben – fehlten Banknoten im Wert von S. 730.400.- exklusive der zurückgebrachten S. 500.-, die eine pflichtgetreue Bürgerin noch Stunden nach dem Geldregen dem jungen Polizei-Probe-Wachmann Josef Zack zu treuen Händen übergeben hatte, was dieser in einer schriftlichen Meldung der Nachwelt erhalten hat. Tatsächlich waren die Wege des Bankräubers in den Minuten nach der Trennung von seiner Kumpanin doch ein wenig dramatischer gewesen. Polizist Josef Zack meldete später auf dem Wachzimmer der Polizeidirektion Wien das Folgende: „Ecke Nibelungengasse-Schillerplatz erblickte ich plötzlich auf dem Gehsteig den laufenden Mann, der eine blaue Maske, vermutlich eine Skimütze, über das Gesicht gezogen hatte. Ich rief: „Halt, Polizei!“, worauf der Mann natürlich prompt doppelt so schnell weiterlief. Deshalb ballerte Herr Zack einen Schuß in die Luft, zur Warnung, während er im Geiste die Ereignisse bereits für die zu schreibende Meldung im Kopf formulierte: „Ungeachtet meines Warnschusses lief der Mann weiter über die Makartgasse. Dort zerrte er einen Pkw-Lenker, der gerade einparken wollte, aus dem Kfz und stieß ihn weg.“ Und nun wird es dramatisch und actiongeladen wie in „Chicago 1930“: „Als der Täter mein Näherkommen bemerkte, richtete er seine Pistole gegen mich und wollte offensichtlich auf mich schießen.“
Herr Zack geht vorsorglich hinter einem parkenden Auto in Deckung.
„Daraufhin sprang der Täter in das Fahrzeug (VW Käfer, Kz. W 348.573) und flüchtete mit dem Wagen von der Makartgasse in Richtung Schillerplatz, wo er nach links abbog. Da es sich bei dem Täter um einen gemeingefährlichen Menschen handelte“ – rechtfertigt sich Inspektor Josef Zack dienstordnungsgemäß -, „machte ich von meiner Dienstpistole Gebrauch. Da der Täter den Warnschuß nicht beachtet hatte“, – gibt es weitere sechs polizeiliche Schüsse gegen den flüchtenden Wagen. Leider vergeblich, denn: „Obwohl ich das Fahrzeug mit Sicherheit getroffen hatte, flüchtete der Täter, zickzack fahrend, über den Schillerplatz in Richtung Getreidemarkt.“
Dann verlor Herr Zack und damit der gesamte österreichische Polizeiapparat den unbekannten, namenslosen Bankräuber vom 13. 12. ´76 für immer aus den Augen – Stunden später entdeckten Polizeikollegen den gestohlenen VW etwa einen Kilometer vom Tatort entfernt: Er stand mit offener Tür auf der Straße seitlich links vor dem Volkstheater. Der Täter war zu dieser Zeit längst spurlos untergetaucht. Wie aber ging es mit der bankenüberfallenden Arzthelferin aus Deutschland, Waltraud Boock, weiter, nachdem sie von einem Taxi niedergestoßen und von empörten Wienern verdroschen worden war?
Sie wurde von dem Polizisten Ludwig Hammerl, Dienstnummer 2993, aus ihrer Lage als Prügelopfer der Wiener Bevölkerung befreit, indem dieser ihr Handschellen anlegte und sie in den Funkstreifenwagen A2 bugsierte, der sie mit schriller Sirenen-Musik ins Wiener Sicherheitsbüro zur weiteren Verwendung verlegte, vorbei an den zahlreichen Büros internationaler Fluglinien, die ausgerechnet in dieser Gegend zuhauf lagen, als würden sie die nunmehr Gefangene mit ihren Sonderangeboten („Komm ins sonnige Florida!“, „Willkommen in Tokio!“, „Badeferien am türkischen Mittelmeer!“) ein letztes Mal vor einem langen, tristen Häfen-Urlaub verhöhnen wollen. Die Waffe, mit der Frau Boock sich ihren Fluchtweg freikämpfen wollte, eine „Smith & Wesson“, Kaliber 38, hatte sie zuvor noch in weitem Bogen von sich geworfen. Sie wurde später unter einem Taxi gefunden. Der brave Wiener übergab sie einem Polizisten, der sie umgehend in das Sicherheitsbüro schickte, wo die vorläufig noch namenlose Gangsterbraut mit dem blaugeschlagenen Auge auf ihre Vernehmung wartete. Das erste Verhör am 13. 12. dauerte von 16 Uhr bis zum Morgen des nächsten Tages um 4 Uhr. Am 14. 12. ´76 wurde bereits um 7.30 Uhr weitergemacht – zuerst von österreichischen, später von deutschen Kriminalbeamten, die stracks herbeigeeilt waren, denn die Dame war ja auch ihr „Fall“, nach allem, was sie sich innerhalb der deutschen Bankenknacker-Szene bisher geleistet hatte. Trotz der langen und vielen Verhöre war das Ergebnis eher dürftig. Bis Mitternacht wußte man noch nicht einmal den Namen der Dame, das will heißen: Man wußte ihn zwar von den deutschen Kollegen und deren Fahndungsblatt, aber bestätigt hatte die Frauenperson ihn bisher noch nicht. Erst zwei Stunden nach Mitternacht bequemte sie sich zu einer Aussage, ihre Identität betreffend: „Jawohl, ich bin Waltraud Boock, aber wenn Sie mich zu eventuellen Mittätern fragen, so sage ich gar nichts. Auch nicht, ob ich einer Gruppe angehöre – politisch oder sonst wie -, ich sage nichts.“ Gegen Morgen allerdings beantwortete sie die Frage eines Kriminalisten, ob sie eine Extremistin sei, mit „Ja“. „Rechts oder links?“
„Links.“ Das war’s aber auch schon. Denn auf die nächste Frage: „Baader-Meinhof?“ ließ sie wieder die Jalousien herunter. Auch auf die Frage nach ihrem Komplizen kam lediglich ein mannhaft Hervorgestoßenes: „Ich verrate niemanden. Es hat keine Komplizen gegeben!“ Dabei hatte doch ein zahlreiches Publikum den „Bonnie & Clyde“-Auftritt in der Bank und draußen auf der Kärntnerstraße und Operngasse deutlich miterlebt. Aber von alledem wollte die Arzthelferin nun vor der Polizei nichts wissen. Sie betrachtete sich als eine „Politische Aktionistin“ und „Menschheitsbeglückerin“ und meinte, daß es um die „Befreiung Palästinas“ ginge sowie um die „Erlösung der Menschheit vom Kapitalismus“, und dafür sei nun einmal keine Polizei und kein Gericht der Welt zuständig. Die Sache müsse man schon einem höheren Gremium überlassen.
Offensichtlich war das Politphrasengedresche damals noch mehr in Mode als heute, denn kaum hatte sich die Verhaftung der Waltraud Boock herumgesprochen, als auch schon die linksextremen Wühlmäuse Wiens tätig wurden, Böller hochgehen ließen und Drohbriefe hinterlegten. Der erste dieser Drohbriefe, wie auch die übrigen in zittriger Kinderschrift verfaßt, wurde auf einem Fensterbrett des Verkehrsamtes auf der Spittelauer Lände gefunden und lautete: „Am Freitag, dem 17. 12., muß Frau Waltraud Boock freigelassen werden, wenn nicht, sehen wir uns leider gezwungen, einen Zug zu sprengen und jeden Tag einen Polizeibeamten zu erschießen. Zur Warnung und zu Bestätigung, daß wir es ernst meinen, sprengen wir jetzt nur eine kleine Ladung. Den genauen Zeitpunkt der Freilassung erfahren Sie noch.“ Der zweite Drohbrief wurde am 18. Dezember in Wien 19, Gunoldgasse 3, deponiert, nachdem am Tag davor die gesetzte Frist abgelaufen und Frau Boock natürlich nicht freigelassen worden war: „An den Polizeipräsidenten. Wenn am Montag, 20. 12., Frau Boock nicht freigelassen wird, zwingen Sie uns, die erste Drohung wahrzumachen. Wir sind keine Mörder, wir wollen nur Frau Boock und die 1 Million als Entschädigung. Coca-Dose und Verkehrsamt haben wir gemacht, aber das andere waren wir nicht. – P.S. zur ersten Drohung: Der Zug wird mit 30-50 kg Donarit gesprengt.“ Noch am selben Tag, dem 18. 12., fand sich auf einer Plüschbank des Café Landtmann ein weiteres und letztes Schreiben von Waltrauds Komplizen: „Wir haben die Polizei dreimal gewarnt. Eine weitere Warnung gibt es nicht. Dann sterben unschuldige Menschen. – Aktion W. Boock.“ Unnötig zu sagen, daß trotz dieser martialischen Ankündigung weder ein Polizist noch ein „unschuldiger Mensch“ getötet wurde, und auch kein Zug mittels 30-50 kg Donarit in die Luft flog. Diese Drohbriefe sahen nicht nur so aus, als wären sie von Kinderhand geschrieben, sie waren auch von Kinderhirnen erdacht, von bösartigen vielleicht, jedenfalls nicht von wirklich gemeingefährlichen. Immerhin war die Öffentlichkeit aufgewühlt worden. Die Herren Journalisten, gleichfalls erregt von dem Phrasengedresche und angesteckt von ihm, steigerten sich in die Affäre und malten Böses an die Wand. Am 19. 12. lautete eine Schlagzeile: „Jetzt kommen die Freizeit-Anarchisten“, am darauffolgenden Tag hieß es bereits: „Wien, wie eine Festung!“ Dann war es wieder still im Blätterwald. Nachdem sich keine Attentate im Namen Waltraud Boocks ereignet hatten, und die Angeklagte selbst in ihrer U-Haft nichts weiter anstellen konnte, ging man zur Tagesordnung über. Indessen wurde pausenlos verhört und recherchiert, dutzende Zeugen befragt, Wichtiges und Erfundenes gesammelt. Kurz – man bereitete sich auf den Prozeß vor. Der sollte schon bald stattfinden, eher jedenfalls als ein gewöhnlicher Mordprozeß an Ehefrau oder Ehemann – denn bei einem solchen Fall ist die Nachahmungsgefahr doch geringer als dort, wo man ganz allgemein via „Zeitgeist“ zu kriminellen Handlungen verführt wird. Und so lesen sich auch die Briefe der Waltraud Boock, die sie aus der Haft an ihre Freunde in Deutschland schickt, etwa der vom 17. Jänner 1977, in dem sie stolz auf ihre Sonderstellung als Häftling, schreibt: „Ich bin die einzige politische Gefangene in Österreich. Die Behörden und Anwälte haben überhaupt keine Erfahrung mit Gefangenen wie mir. Hauptsächlich hat man Angst. Es ist auch eine politische Frage, wie man das Problem „Terrorismus“ behandelt.“
Jedenfalls weiß auch sie bereits: „Der Prozeß ist wahrscheinlich schon Ende Februar oder im März.“ Und zuletzt noch schnell ein Brecht-Zitat über Niederlagen: „Die Niederlagen stellen den Kampf nicht in Frage. Die Bedingungen des Kampfes verändern sich nur durch die Praxis der Kämpfer. Ich werde dir später mehr darüber schreiben.“


Bild: Nach ihnen wird gefahndet. Einer der Terroristen wird als Mittäter bei dem Banküberfall erkannt: Johann Roman. Er ist weiterhin flüchtig.


Bild: Der Prozeß gegen Waltraud Boock beginnt. Die Behörden wollen die Terroristin möglichst schnell loswerden, daher die ungewöhnliche Eile.

Aber zum Schreiben von weiteren Durchhalteparolen kam Waltraud Boock gar nicht mehr. Schon zwei Wochen nach diesem Brief, am 4. Februar, öffneten sich im Landesgericht die Tore für dutzende Journalisten aus aller Welt und für die Adabeis von Wien, die dem Terroristinnen-Spektakel beiwohnen wollen. Sieben Frauen und ein Mann sitzen auf der Geschworenenbank und schauen scheu auf die Frau im Norweger-Pullover, mit seinen lustigen Tiermustern von der Kinderzimmer-Tapete. Auch die Boock ist lustig – verkrampft lustig. Sie will zeigen, daß sie über diesen bourgeoisen Kleinbürgern da unten steht und ist bemüht, mit provokanten Posen ihre geistige und moralische Überlegenheit zu unterstreichen. Frage des Vorsitzenden: „Haben Sie die Anklageschrift verstanden und ist Ihnen klar, was Ihnen vom öffentlichen Ankläger zur Last gelegt wird?“ Die Angeklagte murmelt etwas, das der Vorsitzende nicht versteht. Er fragt: „Ja oder Nein?“ Daraufhin lacht die Boock. „Mein Gott, haben Sie denn das wirklich nicht gehört? Ich bekenne mich jedenfalls für nicht schuldig. Ich bin eine politische Gefangene und erkläre mich solidarisch mit dem palästinensischen Volk im Kampf gegen Imperialismus und Faschismus!“ – Alles mit erhobenem Haupt gemeldet und in einem Atemzug, in reichlich anmaßender Haltung, vorgetragen. Auf der Geschworenenbank gibt es ein erstes Kopfschütteln, später wundert man sich über gar nichts mehr. Die Verteidigung hat einen schweren Stand. Die Angeklagte kann nur wenig Sympathien wecken, am ehesten noch findet sie Beifall bei den wenigen Möchtegern-Terroristen, die es damals in Wien gegeben hat, aber die haben die Türsteher des Grauen Hauses wohlweislich gar nicht erst hereingelassen.
Der kriminelle Gehalt der Tat vom 13. 12. ´76 ist ja auch zu offensichtlich: Ein Bankraub mit – wenn auch nur vorübergehend – 3,5 Millionen Schilling Schaden, eine Schießerei mit dem Ergebnis einer mittelschweren Verletzung und der Täter einwandfrei identifiziert und verhaftet. Wer sollte da noch zweifeln?
Und hier hakt der Verteidiger ein: Er will beweisen, daß es gar nicht die Boock war, die geschossen hat, als der Herr Lehrer Tschol das Jonas-Reindl herunterkam und die davonrennende Terroristin mit seinen Holzlatten aus dem Bastlerladen zum Stehen bringen wollte. Zeuge Dr. Walter Tschol in seiner Aussage: „Ich stieg zur Opernpassage hinunter, als ich die Leute rufen hörte: „Aufhalten, aufhalten!“ Die Angeklagte ist vor den Leuten gelaufen. Ich hatte damals Holzlatten gekauft und habe diese in der rechten Hand getragen. Als die Angeklagte auf mich zukam, habe ich die Holzlatten ihr entgegengehalten. Ich habe dann eine Detonation gehört und habe einen Schuß abbekommen. Aus welcher Richtung die Detonation kam, kann ich nicht sagen. Die Angeklagte war jedoch unmittelbar neben mir.“ Er hat den Schuß aus nächster Nähe gehört, hat ihn auch abbekommen. „Jawohl, ich bin von der Kugel getroffen worden, und zwar am linken Oberarm. Ich habe bei der Angeklagten aber keine Waffe gesehen. Mir ist aus dem Vorfall ein nicht unbedeutender Verlust entstanden: Mantel und Sakko waren nach dem Durchschuß blutgetränkt; daneben entstand mir ein Verdienstentgang von S 2.500.- nach einwöchiger Arbeitspause!“ Der Verteidiger ist zufrieden: Niemand hat also Frau Boock schießen gesehen – folglich ist es auch fraglich, ob wirklich sie es war, die den Lehrer angeschossen hatte, noch dazu, wo es keine Kugel gab, mit der ein Schießsachverständiger den Nachweis erbringen hätte können, daß der Schuß aus der Waffe der Boock gekommen war. Andererseits hatte man keinen Komplizen gesehen, der zum fraglichen Zeitpunkt ebenfalls in der Nähe war und geschossen habe könnte. Wer also hätte den Schuß dann abgeben sollen, wenn nicht die Boock? – meint der Staatsanwalt. Wenn sie ihn wirklich abgegeben hat – welche Absicht war dabei im Spiel gewesen? Den Lehrer zu töten oder ihn nur zu verletzen, damit sie den Fluchtweg wieder freibekommt? Das macht bei der Strafbemessung nämlich einen Unterschied von Jahren aus! Der Rahmen bei der Strafbemessung im Fall Boock reicht immerhin von drei Monaten bis zu 15 Jahren! Überraschend schnell ist sich das Gericht im klaren.Noch am selben Tag kommt es zu den Schlußplädoyers.
Der Staatsanwalt fordert die Geschworenen auf, „mit aller Härte des Gesetzes durchzugreifen. Es kann nicht angehen, daß eine kleine Gruppe, aus welchen Gründen auch immer, wild um sich schießt, nur um zu Geld zu kommen.“ Und an eine Besserung der Angeklagten glaube er im übrigen auch nicht. Der Verteidiger: „Man kann die Tat nicht beurteilen, ohne die Gründe zu kennen. Waltraud Boock hat es immerhin nicht auf persönliche Bereicherung abgesehen gehabt.“ Und Waltraud Boock selbst? Zum letzten Mal kommt sie vor einem breiten Publikum zu Wort. So widerspenstig und frech sie die ganze Zeit dem Gericht gegenüber war – nun erstarrt sie in Selbstgerechtigkeit, zerfließt über ihren „humanitären Auftrag“, den sie mit der gesamten Aktion zu erfüllen glaubt. Der Banküberfall wäre schließlich der Menschheit zugute gekommen. Mit dem Geld hätte man linke Kampfgruppen wirkungsvoll ausrüsten können. „Ich bin“, ruft sie mit selbstgefälligem Pathos, „ein politischer Gefangener und befinde mich immer noch innerhalb der Solidarität mit dem palästinensischen Volk und mit allen anderen, die einen bewaffneten Kampf gegen den Imperialismus und den Faschismus auf sich genommen haben!“

Um 13.05 Uhr begeben sich die Geschworenen in ihr Beratungszimmer. Eine halbe Stunde später kommen sie zurück. Der Obmann verliest das Verdikt. Zehn Minuten vor sechs Uhr dieses Freitags wird das Urteil verkündet: Waltraud Boock soll mit fünfzehn Jahren Kerker bestraft werden. Die 25jährige kann darüber nur laut lachen. Der Verteidiger hat Nichtigkeitsbeschwerde eingelegt.
Seine Gründe sind freilich schwach. Er macht geltend:
1. daß das Verfahren zwar als ein öffentliches deklariert worden war, tatsächlich aber nur Pressevertreter der Verhandlung beiwohnen durften sowie
2. man in fünf Minuten nicht eine Strafe von 15 Jahren, die Höchststrafe, verhängen könne.
Knapp zwei Monate später wird, nochmals im Saal 14 des Wiener Landesgerichtes, das Verfahren wiederaufgenommen. Ergebnis: 12 Jahre und 6 Monate Kerker. In diesen Tagen wird Waltraud Boock allmählich klar, was zwölfeinhalb Jahre hinter Kerkermauern für eine junge Frau bedeuten. Allmählich vergeht ihr das Lachen und sie beginnt, Briefe zu schreiben – vornehmlich nach Deutschland an ihre Freunde, aber auch Proteste an die Menschenrechtskommission in Straßburg sowie an Zuständige innerhalb des Hauses, „daß mir meine Schreibmaschine Montag bis Freitag nur 8 Stunden täglich, sowie Samstag und Sonntag jeweils nur 2 ½ Stunden zum Gebrauch überlassen wird“. Ihr allererster Brief aus der Haft ist an ihre Mutter in Deutschland gerichtet: „Liebe Mutti. Ich sitze seit gestern hier im Wiener Gefängnis ein. Wenn Du mit mir Kontakt aufnehmen willst (eventuell mich besuchen), wende Dich bitte an das Wiener Polizeipräsidium. Wenn, tue es bald, da es möglich ist, daß ich verlegt werde. Sag auch Uschi Bescheid. Deine Waltraud.“ Einen Tag zuvor noch hatte sie, bewaffnet und wild um sich schießend, eine Bank beraubt, jetzt ruft sie wie ein kleines Kind nach der Mama. Bei ihrer weiteren Schreibtätigkeit wird ihr Ton allmählich wieder kühner und fordernder. Etwa ihr Brief vom 18. April 1977 an die Gefängnisleitung: „Ich habe die Exemplare der von mir abonnierten Zeitungen, „Die Welt“ und „Der Spiegel“ Nr. 16, nicht erhalten. Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, daß die Zeitungen zensuriert werden, ist Zensur nicht mit Zeitungssperre gleichzusetzen. Falls es sich doch um eine Zeitungssperre und die Verschärfung meiner Haftbedingungen handelt, ist es im Rahmen der Gesetzgebung erforderlich, mich in Form eines gerichtlichen Beschlusses davon zu unterrichten. Außerdem weise ich darauf hin, daß die Bestellung von Zeitungen im voraus für mich auch mit der Entrichtung der hierfür entstehenden Kosten im voraus verbunden ist. Waltraud Boock.“
August 1977 versuchte sie es mit einem Hungerstreik. Sie verweigerte ab 16. 8. die Nahrungsaufnahme; zwei Wochen später, am 30. 8., beginnt sie wieder normal zu essen. Die Gefangenenhausleitung berichtet in ihrem Schreiben vom 31. 8. 1977 über ihr Gewicht vor und nach der Kur: „Verglichen mit dem Einlieferungsgewicht (52 kg) ist ein Gewichtsverlust von 1 kg eingetreten.“ Von da an besinnt sie sich. Schluß mit dem Terroristinnen-Gehabe. Es hat sowieso nichts genützt. Die Drohbrief-Verfasser haben sie natürlich nicht befreit, von ihren Freunden und Verwandten wird sie weniger und weniger besucht, ihre Proteste verhallen wirkungslos. Sie wird zu einer normalen Gefangenen, unauffällig und kaum mehr widerborstig. Der Lohn dafür läßt zehn Jahre auf sich warten. Doch Anfang Mai 1987 wird über den Häftling Waltraud Liewald, früher Boock, geb. 5. 5. 1951, in Seehaupt, BRD, die „Bedingte Entlassung aus einer Freiheitsstrafe“ verfügt. Sie hat zehn Jahre und fünf Monate von ihrer zwölfeinhalbjährigen Freiheitsstrafe verbüßt, zwei Jahre und einen Monat hat man ihr nachgesehen: „weil die Strafgefangene sich im Erstvollzug gut führt und ihr Fortkommen gesichert werden kann, weshalb erwartet werden kann, daß sie sich nach der bedingten Entlassung wohlverhalten wird. Kreisgericht Wr. Neustadt, Abt. 13, am 7. 5. 1987.“ Waltraud Boock verläßt Österreich in Richtung D-3583, Wabern, Ostlandstraße 34a, versehen von der österreichischen Justiz mit einer Probezeit von 2 Jahren und 1 Monat.

DharmeshGeschichteWeihnachten 1976: Ein Geldregen vom Himmel (Waltraud Boock) Bild: Die Angeklagte Waltraud Boock ist während der Verhandlung rotzfrech und anmaßend. Sie fühlt sich als politische Menschheitsbeglückerin. Urteil: 12 ½ Jahre Kerker. Es war einige Tage vor Weihnachten. Über Wien hingen graue Wolken. Für Schnee war es allerdings nicht frostig genug, lediglich ein...