Kampf um Wien


Sowjetischer Jagdpanzer SU 100 im Panzerpark
des Heeresgeschichtlichen Museum – © Citype

Montag, 2. April 1945
Die Rote Armee erreicht Baden und Preßburg. – Wien wird zum Verteidigungsbereich erklärt. Das bedeutet, dass nur mehr Kriegsrecht gilt. Alle Personen, Fahrzeuge, Einrichtungen usw. können uneingeschränkt für Kriegszwecke herangezogen werden. – Die österreichischen Freiheitskämpfer, die sich im Wehrkreiskommando XVII (Sitz im jetzigen Regierungsgebäude am Stubenring) zusammengeschlossen haben, beschließen zu handeln. Im Auftrag von Major Carl Szokoll, der diese Widerstandsgruppe leitet, fährt Oberfeldwebel Ferdinand Käs in einem Wehrmachtsauto, das der Obergefreite Reif lenkt, zur Front südlich von Wien. Er soll versuchen, mit der Roten Armee Kontakt aufzunehmen und Vorschläge für eine möglichst schonende Eroberung Wiens zu machen. Der strategische Grundgedanke lautet, dass Wien nicht in einem Frontalangriffe von Süden, sondern nach einer Umgehung von Westen und Norden besetzt werden soll. Es stellt sich später heraus, dass dies auch das strategische Konzept der Roten Armee war.

Mittwoch, 4. April 1945


Am 4.4.1945 brachen sowjetische Truppen in den aeusseren Verteidigungsring
um Wien ein. Bild zeigt: Eine russische Angriffsspitze mit 2 aus amerikanischen Hilfslieferungen stammenden Sherman-Tanks und dahinter einen sowjetischen Jagdpanzer vom Typ SU 100. Kampf um Wien
© Pressebildagentur Votava

Oberfeldwebel Käs erreicht das sowjetische Kommando in Hochwolkersdorf und kann dort ein Abkommen vereinbaren. Die Rote Armee garantiert, bei der Eroberung Wiens möglichst schonend vorzugehen, die Stadt nicht zu bombardieren und die Wasserleitung nach Wien zu schützen. Käs verspricht namens der Freiheitskämpfer, den Kampf der Roten Armee zu unterstützen. Mit Leuchtsignalen soll der Beginn der aktiven Widerstandsaktionen in Wien mit dem Vordringen der Roten Armee koordiniert werden. – Auch der einstige Staatskanzler und Parlamentspräsident Dr. Karl Renner, der in Gloggnitz gelebt hat, nimmt mit der sowjetischen Kommandantur in Hochwolkersdorf Kontakt auf. Er bittet vor allem um Schonung der Zivilbevölkerung und bietet an, bei der Wiederherstellung eines demokratischen und selbständigen Österreich zu helfen. Sein Angebot wird nach Moskau weitergeleitet und dort offenbar Stalin persönlich vorgelegt.

Donnerstag, 5. April 1945

In ganz Wien hört man jetzt schon den Kanonendonner, die Flakstellungen in der Stadt greifen in die Erdkämpfe ein. Die Rote Armee erreicht den westlichen Stadtrand, Tullnerbach, Preßbaum und der Lainzer Tiergarten werden praktisch kampflos besetzt. Das deutsche Kommando erfasst erst jetzt, dass der Hauptstoß gegen Wien nicht vom Süden erfolgt, wo starke Verteidigungsstellungen aufgebaut wurden.

Freitag, 6. April 1945


Kampf um Wien 1945 – Kampf an der Badnerbahnstrecke, Kreuzung Triesterstrasse – Schoenbrunner Allee (Voesendorf)
© Pressebildagentur Votava

In weitem Bogen, von Simmering bis Döbling, ist Wien von der Roten Armee umschlossen. Während es in den westlichen Bezirken nur schwachen deutschen Widerstand gibt, kommt es in Favoriten und Simmering, vor allem auf dem Zentralfriedhof, zu härteren und opferreichen Kämpfen. Eine SS-Einheit kommt ins Simmeringer Gaswerk, um das Werk zu zerstören. Der Gaswerks-Arbeiter Otto Koblicek stellt sich ihnen entgegen. Er wird verprügelt, in den Bauch geschossen und sterbend ins bombenzerstörte Olympia-Kino geschleppt, wo er mit einem Genickschuss getötet wird. Inzwischen haben sowjetische Truppen das Gaswerk erreicht, die SS-Männer fliehen, das Gaswerk ist gerettet. An vielen Stellen Wiens versuchen SS und Soldaten, aus Pflastersteinen, Ziegeln und Holz von Bombenruinen, aber auch umgestürzten Straßenbahnwagen Barrikaden zu bauen. In den westlichen Außenbezirken werden solche Barrikaden von der Bevölkerung wieder beseitigt, SS-Leute und kampfbereite Soldaten werden von den Frauen beschimpft, an manchen Stellen mit Steinen beworfen.

Samstag, 7. April 1945

An verschiedenen Stellen, zum Beispiel bei der Spinnerin am Kreuz und beim Sandleitenhof, haben Wienerinnen und Wiener die deutschen Soldaten dazu überredet, den Kampf aufzugeben und die Barrikaden wegzuräumen. Sie haben ihnen die Waffen abgenommen und sie mit Zivilkleidung versorgt. Genaue Angaben darüber gibt es natürlich nicht, doch sprechen Zeitzeugen davon, dass es allein in Ottakring mindestens 500, vielleicht sogar 3.000 Männer waren, die auf diese Weise aus dem Krieg gerettet wurden.

Sonntag, 8. April 1945


Vor der Rossauerkaserne ein getarntes Raupenfahrzeug der Artillerie, Soldaten mit Panzerfaeusten eines der deutschen Alarmbataillone im Kampf um Wien Wien 1945
© Pressebildagentur Votava

Die Rote Armee erreicht in voller Breite den Gürtel. Dort gibt es kurzfristig heftige Kämpfe. Wehrmacht, SS und Volkssturm (fast ausschließlich Vierzehn- bis Sechzehnjährige, denn die zum Volkssturm einberufenen alten Männer sind fast alle untergetaucht) haben Eckhäuser in Kampfstellungen umgewandelt, die Bewohner in die Keller der Nachbarhäuser umgesiedelt. Auch Stadtbahnstationen werden als Festungen benützt. In allen Wiener Bezirken gibt es Brände, aber keine Feuerwehr und vielfach auch kein Löschwasser.


Der Dachstuhl des Stephansdomes steht in Flammen. 8. April 1945
© Pressebildagentur Votava

Der Stephansdom beginnt an mehreren Stellen zu brennen, vermutlich durch Funkenflug von den brennenden Häusern der Umgebung. Zivilisten löschen, oft unter Lebensgefahr, diese vorerst kleinen Brände, doch entstehen immer wieder neue Brandherde. – Eine Wehrmachtseinheit will das Allgemeine Krankenhaus als Stützpunkt benützen. Ärzte und Schwestern unter Führung von Prof. Schönbauer können die Soldaten unter Hinweis auf die vielen Verwundeten im Spital von diesem Plan abhalten. Auch die Kinderübernahmestelle im 9. Bezirk wird von der Wehrmacht als Kampfstellung beansprucht, doch glauben die Offiziere den – unwahren – Behauptungen, dass die Anlage voller Kinder mit schwer ansteckenden Krankheiten sei und ziehen deshalb weiter.

Montag, 9. April 1945
Die deutschen Truppen räumen, bis auf einzelne kleine Kampfgruppen, fluchtartig die Bezirke zwischen Gürtel und Donaukanal. Die sowjetischen Truppen rücken nur sehr langsam und vorsichtig nach, weil sie Hinterhalte befürchten. Haus um Haus wird überprüft. Noch viele Jahre später sieht man an Hausfassaden in zyrillischer Schrift die Worte „Kwartal prowiereno“ (Häuserblock überprüft). Bei diesen Überprüfungen kommt es zu ersten Vergewaltigungen und Plünderungen durch sowjetische Soldaten. – Der Bereich zwischen Gürtel und Donaukanal wird nun von beiden Seiten beschossen. Viele Wohnhäuser werden durch Granattreffer beschädigt, viele Wohnungen zerstört. Neue Brände werden durch die Beschießung ausgelöst. Der Stephansdom wird mehrmals von Granaten getroffen, vor allem von deutschen Granaten, die aus dem Raum Floridsdorf abgefeuert wurden; aus den kleinen Einzelbränden im Dom wird ein Großbrand. In Flammen stehen auch der Naschmarkt, das Parlament, das Burgtheater und viele Gebäude entlang der Zweierlinie.

Dienstag, 10. April 1945

Die Brücken über den Donaukanal werden von der deutschen Wehrmacht gesprengt, als letzte um 4 Uhr früh die Aspernbrücke, wobei die Urania und die Rettungszentrale beschädigt werden. Die sowjetischen Truppen erreichen den Donaukanal, sie besetzen die Freudenau und das Lusthaus sowie Vösendorf, Neulengbach, Gänserndorf und Deutsch-Wagram.

Mittwoch, 11. April 1945


Das zerstörte Riesenrad – April 1945
© Pressebildagentur Votava

Auf dem Messegelände kommt es zu schweren, für beide Seiten verlustreichen Kämpfen. Der Wurstelprater steht in Flammen. Auch in der übrigen Stadt gibt es viele Brände, vor allem durch den Artilleriebeschuss von beiden Seiten. – Zivilisten und Soldaten beteiligen sich an Plünderungen, wobei vor allem Lebensmittel gesucht werden. An diesem Tag wird der Naschmarkt völlig ausgeplündert, wobei viele Marktstände, die den Krieg bis dahin unbeschädigt überstanden hatten, zerstört werden. Es gibt zahlreiche Verletzte als Folge der Auseinandersetzungen um die Lebensmittel – aber keine Polizei und keine Rettung. – In den Straßen liegen viele Pferdekadaver, vor allem von Pferden der Roten Armee. Zivilisten holen sich das Fleisch von den Kadavern. – In den frühen Morgenstunden des 11. April setzen Rotarmisten an einigen Stellen über den Donaukanal und bilden Brückenköpfe. Nach Einbruch der Dunkelheit wird am Abend der Donaukanal in breiter Front übersetzt, Panzer und Infanterie besetzen noch in der Nacht des Großteil des 2. und 20. Bezirkes.

Donnerstag, 12. April 1945
Die deutschen Truppen werden vom Donaukanal zurückgedrängt und halten abends am rechten Donauufer nur mehr den Bereich zwischen Friedrich-Engels-Platz und Nordwestbahnhof. Die Sprengung der Reichsbrücke wird befohlen. Als Folge dieses Befehls kommt es um die Brücke zu nicht mehr völlig rekonstruierbaren Geschehnissen. Offenbar wurden die vorbereiteten Sprengladungen von Widerstandskämpfern beseitigt. Als daraufhin neuerlich Sprengladungen angebracht wurden, sind auch diese im Schutze der Dunkelheit unschädlich gemacht worden. In der Nacht zum 13. April wurde von Booten der sowjetischen Donauflotte aus die Brücke besetzt. So blieb die Reichsbrücke als einzige Donaubrücke zwischen Linz und Budapest erhalten. Sie war für die Versorgung Wiens und den Beginn des Wiederaufbaus von gar nicht zu überschätzender Bedeutung. – Von Floridsdorf aus beschoss deutsche Artillerie die Bezirke zwischen Donaukanal und Gürtel. Dabei wurde auch der Stephansdom mehrmals getroffen, um etwa 10 Uhr kommt es dadurch zum Großbrand. Binnen kurzer Zeit steht der mächtige Dachstuhl in Flammen. Am Nachmittag beginnt der Glockenstuhl des Hauptturms zu brennen, in der Gluthitze zerspringt die Pummerin.

Freitag, 13. April 1945


Sowjetische Soldaten auf dem Dach der Neuen Burg – April 1945
© Pressebildagentur Votava

Am 13. April nahmen die Truppen der 2. Ukrainischen Front nach heftigen Kämpfen die Hauptstadt Österreichs, Wien, einen strategisch wichtigen Verteidigungsknotenpunkt der Deutschen, der den Weg nach Süddeutschland versperrte. In den Kämpfen um die Anmarschwege nach Wien und um Wien selbst zerschlugen die Truppen der Front vom 16. März bis 13. April elf deutsche Panzerdivisionen, darunter die 6. SS-Panzerarmee, nahmen über 130.000 Soldaten und Offiziere gefangen, vernichteten bzw. erbeuteten 1.345 Panzer und Sturmgeschütze, 2.250 Feldgeschütze sowie viel sonstiges Kriegsgerät. Auf Befehl des Obersten Befehlhabers der Roten Armee, Marschall der Sowjetunion J. Stalin, grüßte Moskau die heldenhaften Truppen der 3. Ukrainischen Front, die Wien genommen haben, mit einem Salut von 24 Salven aus 324 Geschützen.“ In einem deutschsprachigen Kommentar von Radio Moskau heißt es: „Die Bevölkerung Wiens und anderer Teile Österreichs hat der Roten Armee Unterstützung gewährt und die Deutschen daran gehindert, die Kämpfe zum Stehen zu bringen… Sie haben die Ehre der österreichischen Nation gerettet.“

Samstag, 14. April 1945
In Wien wüten nach wie vor zahlreiche Brände. In manchen Bezirksteilen ist nun auch die Wasserversorgung ausgefallen. Viele Menschen irren oft stundenlang mit Kübeln umher, bis sie Wasser bekommen

Sonntag, 15. April 1945

Passanten werden auch zu anderen mehrstündigen Arbeitseinsätzen gezwungen, vor allem zur Freilegung von Verkehrswegen. Die meisten Straßen und Gassen sind nämlich wegen der Berge von Schutt und Trümmern kaum passierbar. – Die letzten Vorratslager werden geplündert, u.a. die Großkaufhäuser in der Mariahilfer Straße und die Firma Ankerbrot, wo zwei Millionen Kilogramm Mehl und 80.000 Kilogramm Salz gelagert waren. Es kommt wieder zu Kämpfen zwischen den Plünderern mit Toten und Verletzten. Im Ankerbrot-Lager waten die Menschen knöcheltief durch Mehl. – In den Bezirken wird Hilfspolizei gebildet, gekennzeichnet durch rotweißrote Armbinden mit Stempeln in deutscher und russischer Sprache.

Samstag, 21. April 1945
Russische Pioniere beginnen, zum Teil mit Unterstützung österreichischer Arbeiter, provisorische Übergänge über den Donaukanal zu bauen. Die Friedensbrücke, die Marienbrücke und die Augartenbrücke sind noch im April wieder benützbar. Über die in der Donau liegenden Trümmer der Floridsdorfer Brücke wird ein hölzener Fußgängersteg gebaut. – Vereinzelte deutsche Flugzeuge fliegen in den Nächten über Wien und werfen einige Bomben auf Währing und Döbling, die jedoch nur geringe Schäden verursachen.

Dienstag, 24. April 1945

Der Großteil Wiens ist wieder mit Wasser und stundenweise mit Strom versorgt. Es gibt jedoch keine Lebensmittelversorgung. Vor allem alte und gebrechliche Menschen, die sich nicht an den Plünderungen der Lebensmittellager beteiligen konnten, haben nichts mehr zu essen. Menschen sterben am Hunger. – Im Apollo gibt es die ersten Kinovorstellungen im neuen Österreich. Gezeigt wird der russische Spielfilm „Iwan der Schreckliche“. – Die meisten Apotheken öffnen wieder. Es gibt noch Vorräte verschiedener Medikamente.

Freitag, 27. April 1945
Unter strenger Geheimhaltung werden in der Hietzinger Blaimscheinvilla die Regierungsverhandlungen, von denen die Bevölkerung nicht einmal gerüchteweise hört, abgeschlossen. Die Forderung der Kommunisten nach zwei Schlüsselministerien (Inneres und Unterricht) musste akzeptiert werden. Ihre weitere Forderung nach einem stellvertretenden Regierungschef umgeht Renner.

Sonntag, 29. April 1945
Im Roten Salon des Rathauses versammeln sich um 10 Uhr die Provisorische Stadtregierung, die Provisorische Stadtverwaltung, die Vertreter der 26 Wiener Bezirke und die Spitzen der sowjetischen Stadtkommandantur. Bürgermeister Körner hält eine Begrüßungsansprache, Staatskanzler Renner dankt. Dann gehen alle vom Rathaus zum Parlament. Viele tausende Menschen bilden ein Spalier, die Ringstraße ist voll Menschen. Kein Radio, keine Zeitung, kein Plakat hat diese Kundgebung angekündigt, nur durch den „Mundfunk“ haben die Wienerinnen und Wiener davon erfahren. Eine russische Militärkapelle spielt Wiener Musik. Lauter Jubel braust auf, als die Politiker die Parlamentsrampe betreten. General Blagodatow übergibt mit einer kurzen Rede das Parlament, das bis dahin von der Besatzungsmacht beschlagnahmt war, an die neue Regierung. Renner dankt ihm und verkündet die Wiederherstellung der demokratischen Republik Österreich.

Text auszugsweise aus

Websercice der Stadt Wien
wien.at vereinigt umfangreiche Informationen und Dienste zu allen Lebensbereichen der Stadt Wien sowie zahlreiche weitere Services
www.wien.gv.at


Russische Truppen beim Kampf um Wien


Die zerstörte Schwedenbrücke


Eschenbachgasse


Russische Soldaten und Wiener Bevölkerung


Kampf um Abfallholz


Mit Handwagen werden die geretteten Habseligkeiten in Sicherheit gebracht

Bilder: Pressebildagentur Votava

DharmeshGeschichteKampf um Wien Montag, 2. April 1945 Die Rote Armee erreicht Baden und Preßburg. - Wien wird zum Verteidigungsbereich erklärt. Das bedeutet, dass nur mehr Kriegsrecht gilt. Alle Personen, Fahrzeuge, Einrichtungen usw. können uneingeschränkt für Kriegszwecke herangezogen werden. - Die österreichischen Freiheitskämpfer, die sich im Wehrkreiskommando XVII (Sitz im jetzigen Regierungsgebäude...