Kaiser Franz Joseph
1830 – 1916
Mythos und Wahrheit
Katrin Unterreiner
Christian Brandstätter Verlag

Kaiser & Ehemann

Der blutjunge Kaiser
Franz Josephs Thronbesteigung bedeutete nach der Niederschlagung der Bürgerlichen Revolution einen Sieg der monarchisch-konservativen Kräfte und den Beginn einer neuabsolutistischen, reaktionären Politik. Nur Ungarn verweigerte die Anerkennung des neuen Königs, und rief die Republik aus.
Erst mit Hilfe der Truppen des russischen Zaren konnte der Aufstand niedergeschlagen werden. Franz Joseph, von reaktionären Beratern umgeben, beging in den ersten Monaten seiner Regierung bereits mehrere schwere politische Fehler. Vor allem mit der Hinrichtung der ungarischen Aufständischen – in erster Linie Mitglieder des ungarischen Hochadels – machte er sich viele Feinde. In einem Brief an seinen Verbündeten, den russischen Zaren, der ihm eindringlich geraten hatte, im Sinne einer dauerhaften Befriedung Gnade walten zu lassen, antwortete Franz Joseph, dass er auf Grund seiner persönlichen Gefühle glücklich wäre, Gnade walten lassen zu können, doch dass das Wohlergehen des Staates es ihm zur heiligen Pflicht machte, äußerste Strenge zu üben. Franz Joseph, dem man beigebracht hatte, auf seine Berater zu hören, gab dem Willen seiner Militärs und Politiker nach und verurteilte die Anführer der ungarischen Aufständischen zum Tode. Den österreichischen Militärs, allen voran General Haynau, ging es in erster Linie um Rache und Ablenkung von ihrem eigenen Versagen: Nicht sie hatten den Aufstand niedergeschlagen, sondern die russischen Truppen. Da es sich genau genommen um Kriegsgefangene handelte, stand ihre Hinrichtung – noch dazu wurden neun der dreizehn Generäle gehängt, was als besonders schmachvoller Tod galt – im krassen Widerspruch zum damals geltenden Kriegsrecht. Die österreichische Regierung unter Ministerpräsident Schwarzenberg rechtfertigte sich jedoch damit, dass diese Soldaten Deserteure und Hochverräter wären.


Kaiser Franz Joseph.
Gemälde von Anton Einsle,
1848.

Das junge Kaiserpaar
Farblithographie von Eduard Kaiser,
1856.

Doch damit nicht genug wurde auch der ungarische Ministerpräsident Ludwig Graf Batthyány hingerichtet. Batthyány, einer der führenden ungarischen Aristokraten, war 1848 an die Spitze des ungarischen Kabinetts getreten und hatte sich wiederholt um eine friedliche Lösung bemüht. Als die Kämpfe ausbrachen, zog er sich auf sein Gut zurück. Verleumdungen, er würde an den Kämpfen Mitschuld tragen, veranlassten ihn, tatsächlich an den Kämpfen gegen die kaiserlichen Truppen teilzunehmen. Im Jänner 1849 wurde er verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt, doch obwohl man ihm keinen Hochverrat beweisen konnte, wurde er zum Tod am Galgen verurteilt. Um dieser Schande zu entgehen, versuchte er sich mithilfe eines Dolches, den ihm seine Mutter ins Gefängnis geschmuggelt hatte, das Leben zu nehmen, indem er sich die Halsschlagader aufschnitt. Doch er wurde rechtzeitig entdeckt, verarztet und am nächsten Tag erschossen. Europa war entsetzt und sprach von Justizmord. Franz Joseph war blind seinen Beratern gefolgt und hatte einen seiner größten Fehler begangen. Überall sprach man vom blutjungen Kaiser, doch seine Berater ließen nicht locker: Haynau ließ insgesamt 114 Todesurteile vollstrecken, 1765 Personen wurden zu schweren Kerkerstrafen verurteilt. Seine Männer waren im ganzen Land unterwegs, und selbst kleinste Verstöße wurden mit strengsten Strafen geahndet – ein Terrorregime entstand. Dem Kaiser wurde ununterbrochen eingetrichtert, dies alles müsse so geschehen. Der Zar appellierte an ihn ebenso wie Reichsverweser Erzherzog Johann, die Ungarn mit Milde und Nachsicht für sich einzunehmen, und dass er seine Macht auf Frieden und guten Willen aufbauen möge, statt auf Schafott und Galgen. Alles umsonst. Es ist anzunehmen, dass Sophies Einfluss in diesen Tagen mit ausschlaggebend für die starre Haltung des jungen Kaisers war. Dass sie eindeutig auf Seiten Haynaus stand, beweist ihre entsetzte Reaktion darauf, dass er in London von Brauereiarbeitern wegen seiner Gräueltaten in Ungarn fast zu Tode geprügelt wurde: „Die Grausamkeiten die gegen General Haynau in London in einer Bierbrauerei betrieben wurden, erregen allgemein Entrüstung und betrüben mich sehr!“


Bild: Im Juni 1852 unternahm Franz Joseph eine Reise durch Ungarn, auf der ihn auch der dem Hause Habsburg nahe stehende Flügeladjutant Hugo Freiherr von Weckbecker, vom Kaiser nur Weckbecker genannt, begleitete. Franz Joseph war offenbar ein begeisterter und mutiger Schwimmer – Weckbecker notierte dazu in seinem Tagebuch: „Einen Teil der Reise von Pest-Ofen bis Bazias wurde auf Dampfschiffen (3) gemacht. Da es sehr heiß war, hielten täglich 2 Uhr n.Mtgs die Schiffe und wurde in der Donau geschwommen. Da Se Majestät stets vom Radkasten zu Kopf hineinsprang, bath ich mir aus vorausspringen zu dürfen, um die Tiefe des Wassers zu erproben.“

Doch schließlich wurden die Methoden Haynaus tatsächlich untragbar und der General machte den folgenschweren Fehler, Franz Josephs Autorität zu untergraben indem er sich seinem Befehl widersetzte, ihm alle Begnadigungen zu überlassen. Haynau wurde aufgefordert, sein Pensionsgesuch einzureichen, woraufhin sich die Lage etwas entspannte. Doch es sollte viele Jahre dauern, bis es zu einer Aussöhnung mit Ungarn kommen konnte.

Das junge Kaiserpaar
Am 24. April 1854 fand die Hochzeit statt, doch Elisabeths Erwartungen in ihre Ehe wurden schnell zerstört. Schon die ersten Tage nach der Hochzeit wurden für die beiden zu einem wahren Spießrutenlauf. Es gab praktisch keine Intimsphäre – bereits am Tag nach der Hochzeit platzten die beiden Mütter in das gemeinsame Frühstück des jungvermählten Paares und musterten sie neugierig. Sophie schrieb dazu in ihrem Tagebuch „Danach vertrauliche Unterredung eines jeden Kindes mit seiner Mutter“, was nichts anderes hieß, als dass beide Mütter ihre Kinder detailliert ausfragten und es kein Geheimnis blieb, dass es in der Hochzeitsnacht nicht zur „Erfüllung der ehelichen Pflichten“ gekommen war – und wann genau, wusste schließlich auch der ganze Hof.

Die Flitterwochen verbrachten Franz Joseph und Elisabeth in Laxenburg – allerdings verabschiedete sich Franz Joseph täglich in den frühen Morgenstunden von seiner Frau, um zu Regierungsgeschäften nach Wien zu fahren. Abends kam er spät, und dann fanden die Diners im Familienkreis statt – Zeit füreinander fanden die beiden wenig. Elisabeth war enttäuscht, hatte Heimweh und fühlte sich einsam. Schon wenige Wochen nach ihrer Hochzeit schrieb sie in ihr Tagebuch: „Oh, daß ich nie den Pfad verlassen, der mich zur Freiheit hätt’ geführt. Oh, daß ich auf der breiten Straßen der Eitelkeit mich nie verirrt!“


Die Hochzeit am 24. April 1854
in der Augustinerkirche.
Lithographie, 1854.

Habsburgs jüngste Blüte
Erzherzogin Sophie“
Lithographie, 1855.

Elisabeth kam trotz Vorbereitung mit ihrer neuen Lebenssituation nicht zurecht – sie fühlte sich beobachtet und bespitzelt und stieß beim zeremoniösen Wiener Hof mit ihren Anpassungsschwierigkeiten auf Ablehnung. Man ließ sie spüren, dass sie keine erstrangige Partie war, keinem Königshaus entstammte, kein Vermögen und nicht die Bildung einer Prinzessin hatte – sie sprach kein Französisch und war selbst bei deutscher Konversation gehemmt, unsicher und verlegen, und sie konnte nicht tanzen. Ihre Stärken – Natürlichkeit, Ehrlichkeit und Anmut – waren am streng hierarchischen, von Protokollen und zeremoniellen Vorschriften geprägten Wiener Hof nicht gefragt. Franz Joseph liebte Elisabeth zwar über alles, aber er ließ sie mit ihren Ängsten und Schwierigkeiten alleine und überließ zu viele Angelegenheiten seiner Mutter, die er damit auch in die Rolle einer Erzieherin drängte. Franz Joseph war für Elisabeth in dieser Zeit die einzige Bezugsperson, umso mehr fühlte sie sich von ihm im Stich gelassen. Erst viele Jahre später lernte sie, Verständnis für Ihren Mann zu zeigen. Sie hatte auch nicht die Gelegenheit zu seiner Vertrauten zu werden, da Sophie zeit ihres Lebens diese Position einnahm. Elisabeth wurde von Anfang an von jeglicher Entscheidung oder politischer Einflussnahme ausgeschlossen, und so hatten Franz Joseph und Elisabeth auch nicht die Möglichkeit, einander wirklich kennen zulernen, die Meinung des anderen schätzen zu lernen und sich näher zu kommen. Noch dazu hatte Elisabeth als junges Mädchen noch nicht das Selbstbewusstsein, um eine Position jenseits ihrer repräsentativen Verpflichtung zu kämpfen.

Am 5. März 1855 kam die erste Tochter, Sophie, zur Welt. Franz Joseph und seine Mutter waren bei der Geburt dabei, und sie schilderte die Geburt in ihrem Tagebuch: „Er küsste sie ohne Unterlass, tröstete sie und klagte mit ihr und schaute mich bei jeder Wehe an, um zu sehen ob ich damit zufrieden war.“ Und als das Kind geboren war: „Der Kaiser brach in Tränen aus, er und Sisi hörten nicht auf sich zu küssen und sie umarten mich mit der lebhaftesten Zärtlichkeit.“ Das Kaiserpaar war überglücklich und schon im Jahr darauf, am 5. Juli 1856 brachte Elisabeth ein zweites Mädchen, Gisela, zur Welt.


Die kaiserliche Familie auf der Schlossterrasse von Schönbrunn. Einziges Familienfoto der kaiserlichen Familie (sitzend: Elisabeth mit Rudolf am Schoß, Gisela, Erzherzogin Sophie und ihr Mann Franz Karl; stehend von links nach rechts: Franz Joseph, Ferdinand Max und dessen Frau Charlotte, Franz Josephs jüngere Brüder Ludwig Viktor und Carl Ludwig), Photographie von Ludwig Angerer, 1859.

Krisenzeit
Mit dem Tod des treuen Oberbefehlshabers in Italien, Feldmarschall Radetzky, im Jahr 1858 ging eine Ära zu Ende. 1859 brach der Krieg zwischen Österreich und Sardinien-Piemont aus, an dessen Seite Frankreich trat. Nach der Niederlage in der Schlacht bei Magenta eilte Franz Joseph an die Front und übernahm selbst den Oberbefehl, was sich als tragischer Fehler erweisen sollte. Die Entscheidungsschlacht bei Solferino wurde eine der verlustreichsten und blutigsten Niederlagen der habsburgischen Armee – Franz Joseph hatte als Feldherr versagt. Langsam wurde auch Kritik an der Kaiserin laut. Elisabeth vermisste ihren Mann, fühlte sich einsam, zog sich völlig zurück und weigerte sich, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Man warf ihr nun unverhohlen vor, dass sie weder ihre Verpflichtungen als Kaiserin wahrnähme, noch sich um die Kinder kümmere, sondern sich entweder in ihr Appartement zurückzog oder stundenlang ausreite, was als Desinteresse an der politischen und sozialen Situation der Monarchie empfunden wurde. Franz Joseph bat sie von der Front aus verzweifelt, sich öffentlich zu zeigen und ihn damit zu unterstützen: „Ich bitte Dich, um der Liebe willen, die Du mir geweiht hast, nehme Dich zusammen, zeige Dich manchmal in der Stadt, besuche Anstalten. Du weißt nicht, wie Du mir damit helfen kannst. Das wird die Leute in Wien aufrichten und den guten Geist erhalten, den ich so dringend brauche.“ Elisabeth organisierte zwar ein Spital in Laxenburg für die Verwundeten – wurde dort aber selten gesehen. Sie war zwar an Politik wenig interessiert, begann sich aber zu informieren, teilte dem Kaiser ihre Ansichten mit und versuchte ihm Ratschläge zu geben. Franz Joseph legte darauf allerdings keinen Wert und Sophie versuchte diese Einmischung in ihr Revier im Keim zu ersticken.


Kaiser Franz Joseph und Kaiser Napoleon III. in Villafranca bei der Unterzeichnung des Waffenstillstandes am 12. Juli 1859.

Eheleben
Je älter und selbstbewusster Elisabeth wurde, desto größer wurde die Distanz zwischen den Eheleuten – zu verschieden waren ihre Charaktere. Franz Joseph fühlte sich zuerst als Kaiser und erst in zweiter Linie als Ehemann. Pflichterfüllung hatte oberste Priorität – Persönliches stand immer an zweiter Stelle. Elisabeth empfand genau umgekehrt. Ihre Reaktion war Flucht – Flucht in Schönheitskult, sportlichen Ehrgeiz, schwärmerische Poesie und vor allem in intensive Reisetätigkeit. Franz Joseph ließ Elisabeth ziehen – er spürte, dass sie an seiner Seite nicht glücklich war, da sie sich nicht im Stande fühlte, ihm zur Seite zu stehen. Da er sie wirklich über alles liebte, ermöglichte er ihr die Realisierung eines eigenständigen, unabhängigen Lebens – auch wenn das bedeutete, dass er ohne sie leben musste. Nachdem Elisabeth ihre Hoffnungen auf eine erfüllende Ehe bald aufgegeben hatte und schließlich auch von ihren Verpflichtungen als Kaiserin befreit war, entwickelte sich – wohl auch durch die Distanz – eine freundschaftliche Ehe.


Das Kaiserpaar bei einem Ausritt. Photomontage von Emil Hartitzsch nach Photographien von Emil Rabending und Ludwig Angerer, 1865/66.

Der Tagesablauf des Kaisers
Der Tag des Kaisers begann ohne Ausnahme täglich um halb vier Uhr früh. Um diese Uhrzeit betrat sein Leibkammerdiener, dessen Dienstzimmer unmittelbar neben dem Schlafzimmer des Kaisers lag, mit den Worten „Leg’ mich zu Füßen Eurer Majestät, guten Morgen“ das Schlafzimmer. Franz Joseph stand sofort auf, erkundigte sich nach dem Wetter und begann seine morgendliche Toilette. Dann kleidete er sich an, gewöhnlich die schlichte Uniform eines Infanterieleutnants, und kniete sich zu einer kurzen Morgenandacht auf seinen Betstuhl, der neben seinem Bett stand. Danach begab er sich direkt an seinen Schreibtisch und begann die zurechtgelegten Akten aufzuarbeiten. In dieser Zeit kam täglich sein Leibarzt Hofrat Kerzl zur Morgenvisite und erkundigte sich nach dem Befinden des Kaisers. Um fünf Uhr früh brachte ihm der Kammerdiener schließlich sein Frühstückstablett mit Kaffee, Butter, Gebäck sowie – außer an Fasttagen – Schinken. Dann begann sein Arbeitstag. Um neun Uhr meldete sich sein Generaladjutant zur Audienz, dem der Chef der Militärkanzlei und der Obersthofmeister folgten. Danach kamen die Minister und zweimal wöchentlich fanden die allgemeinen Ministerconseils statt, die im Konferenzzimmer abgehalten wurden.


Ministerconseil im Konferenzzimmer des Kaisers. Zeichnung von Theo Zasche,
um 1900.

Leibkammerdiener Friedrich
Spannbauer richtet das
Déjeuner des Kaisers.
Zeichnung von Theo Zasche, um 1900.

Sein Leibkammerdiener in den letzten zwölf Jahren, Eugen Ketterl, berichtete, dass Franz Joseph in seinen späten Jahren sehr wohl an der Wahrheit interessiert war und Aufrichtigkeit und Offenheit schätzte. Böse konnte er seinem Kammerdiener zufolge nur werden, wenn er entdeckte, dass man Dinge vor ihm verheimlichen oder vertuschen wollte. Ebenso war er an der Stimmung in der Bevölkerung interessiert: Ketterl berichtete, dass der Kaiser vor allem morgens beim Ankleiden immer über alles informiert werden wollte. Ob dies mit den Vorwürfen seines Sohnes und dessen tragischem Selbstmord in Zusammengang steht, sei dahingestellt. Ketterl machte sich überhaupt bei der Hofkamarilla äußerst unbeliebt, da er sich bemühte, den Kaiser aus seiner eigentlich unfreiwilligen und vom Hof aufgezwungenen Isolation zu lösen. Sophie hatte diese isolierte Stellung ihres Sohnes bis zuletzt forciert und Franz Joseph war nie der Gedanke gekommen, sich dagegen aufzulehnen. Erst in den späten Jahren brachte ihm Ketterl zum Beispiel Zeitungen und Artikel, die man dem Kaiser sonst streng vorenthielt, und übermittelte ihm vieles, was er normalerweise nie zu hören oder sehen bekommen hätte.

Punkt zwölf Uhr wurde das Mittagessen serviert. Es bestand aus einer Suppe, Rindfleisch mit Gemüse, Beefsteak oder Geflügel und dazu ein Glas „Spaten-Bier“. Franz Joseph nahm sein Mittagessen immer auf seinem Schreibtisch ein, um keine wertvolle Zeit zu vergeuden und danach gleich wieder weiterarbeiten zu können. Ketterl war oft erbost, dass Franz Joseph ausgerechnet in dieser kurzen Zeit des Mittagessens von Mitgliedern der Kabinettskanzlei mit „dringenden“ Berichten gestört wurde und verhalf dem Kaiser mit einer eher außergewöhnlichen Maßnahme zu einer kurzen Mittagspause: er versperrte kurzerhand die Tür des Arbeitszimmers.

Der Nachmittag gehörte wider den Akten – links die unerledigten, rechts die erledigten. Das einzige „Laster“, das sich Franz Joseph nicht nehmen ließ, war das Rauchen. Er liebte seine Virginier, eigentlich eine billige Zigarre, die auch von den Wiener Fiakern geraucht wurde. Erst in späteren Jahren musste er auf Anraten der Ärzte auf leichtere Sorten, wie die Regalia Media umsteigen.

Um sechs Uhr fand dann das Allerhöchste Familiendiner statt, zu dem alle in der Burg beziehungsweise in Schönbrunn weilenden Familienmitglieder geladen waren. Selbst Diners im Kreis der engsten Verwandten folgten einem strengen Zeremoniell, das dem der Hoftafeln sehr ähnlich war. Ab der Zeit, als Gisela und Marie Valerie verheiratet und außer Haus waren, vor allem aber nach Elisabeths Tod empfand selbst der Kaiser die Familiendiners als eine unangenehme, steife Angelegenheit, bei der meist eine gespannte Stimmung herrschte. Franz Joseph mochte die wenigsten seiner in Wien lebenden Verwandten und da er das Verhalten vieler Erzherzogs als unkorrekt empfand, wollte er die meistern gar nicht, viele nur selten sehen, und mit der Zeit blieben die Familiendiners schließlich ganz aus. In späteren Jahren aß der Kaiser am liebsten in Gesellschaft Katharina Schratts in seinem Arbeitszimmer. Franz Joseph liebte vor allem einfache Gerichte wie Tafelspitz und Kaiserschmarrn und legte keinen Wert auf exquisite kulinarische Genüsse. Im Sommer, vor allem in Ischl, aß er abends sogar am liebsten nur einen Teller Saure Milch mit Schwarzbrot. Um neun Uhr abends ging der Kaiser gewöhnlich schlafen, nur im Fall offizieller Anlässe wie Hofbällen und Galadiners blieb er länger auf.


Das Schlafzimmer des Kaisers in der Hofburg. Franz Joseph legte keinen Wert auf prunkvolle Ausstattung – im Gegenteil. Sein bescheidener Lebensstil zeigte sich auch in der Gestaltung seines Wohnbereiches in der Hofburg, der einheitlich im Stil des Zweiten Rokoko gestaltet war. Die Wände waren mit rotem Seidendamast, dem so genannten „Hofdamast“, bespannt
und das Mobiliar in Anlehnung an die Epoche Maria Theresias weißgold sowie in Palisander und Nußholz ausgeführt und ebenfalls mit rotem Seidendamast bezogen. Die Luster aus böhmischem Bleikristall stammten aus der Manufaktur Lobmeyr und waren bis zum Ende des 19. Jh. mit Kerzen bestückt, ab 1891 wurden die kaiserlichen Appartements schließlich elektrifiziert. Die Zimmer waren zweckmäßig eingerichtet, unter anderem schlief der Kaiser in einem einfachen Eisenbett, das nussholzartig lackiert war.

Der alte Kaiser

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts spitzte sich die politische Situation am Balkan zu. Gleichzeitig zeigte sich das militärische System der Habsburgermonarchie jedoch als hoffnungslos veraltet. Franz Joseph war in Militärangelegenheiten zwar immer von den besten Absichten geleitet, aber trotzdem kein Soldat. Er trug zwar immer Uniform, widmete einen Großteil seines Arbeitstages den militärischen Belangen seines Reiches, verlor sich aber in Details und Bürokratie. Er verpasste nicht nur die Förderung einer zeitgemäßen Entwicklung des Heeres und der Flotte, sondern hemmte sie sogar. Das fatale an der Situation war, dass er sich mit militärischen Beratern und leitenden Generälen umgeben hatte, die selbst wenig Interesse an Veränderungen hatten und wussten, dass der Kaiser nur altbekannte Anschauungen und Grundsätze guthieß. Niemand wollte sich engagieren, ihm neue, mutige Vorschläge oder Anregungen zu unterbreiten. Durch die Zurückhaltung und Bequemlichkeit seiner Berater, die ihm auch Neuerungen anderer Heere vorenthielten respektive verschwiegen, verlor er den Überblick über zeitgemäße Reformen sowie den technischen Fortschritt.


Gott erhalte unsern Kaiser und beschütze unser Land!“
Bildpostkarte, um 1910.

Nach dem tragischen Selbstmord des Kronprinzen wurde Franz Josephs jüngerer Bruder Karl Ludwig zum Thronfolger, nach dessen Tod sein ältester Sohn Erzherzog Ferdinand, zu dem Franz Joseph kein gutes Verhältnis hatte. Franz Ferdinand war erzkonservativ, klerikal und antiungarisch eingestellt. Allein seine Beharrlichkeit, seine große Liebe, Sophie Gräfin Chotek heiraten zu können, machte den eher unbeliebten Erzherzog in der Öffentlichkeit sympathischer. Sophie Chotek war zwar adelig, aber einem Habsburger nicht ebenbürtig, weshalb Franz Ferdinand auf alle Thronfolgerechte der Kinder aus dieser morganatischen Ehe verzichtet hatte, wurde Sophie zur Fürsten (und 1909 zur Herzogin) von Hohenberg erhoben, und das Paar konnte im Jahr 1900 heiraten. Politisch setzte sich der Thronfolger gegen die aggressive expansionistische Balkanpolitik des Hofes und für die Friedenserhaltung ein. Zu Unrecht galt er in der Öffentlichkeit als Verfechter einer antiserbischen Politik, womit er den Hass der antihabsburgischen südslawischen Nationalisten auf sich zog. Im Zuge der im Juni 1914 in Bosnien abgehaltenen Manöver, die er gegen alle Warnungen leitete, wurde er gemeinsam mit seiner Gemahlin bei einer Autofahrt durch die bosnische Hauptstadt Sarajewo erschossen.


Kaiser Franz Joseph und Erzherzog Franz Ferdinand bei den Kaisermanövern von Veszprém. Photographie, 1908.

Die Ermordung des Thronfolgers führte zur Unterzeichnung des Ultimatums, dann der Kriegserklärung an Serbien. Damit führte Franz Joseph sein Reich in einen Weltkrieg, der beinahe zehn Millionen Menschen das Leben kosten sollte und letzten Endes den Zusammenbruch seines Reiches verursachte. Franz Joseph wollte diesen Krieg zwar nicht und meinte: „Die, die den Krieg wollen, wissen absolut nicht, was Krieg ist“, seine Berater beharrten jedoch auf einer Kriegserklärung, sie bezeichneten den Krieg als unvermeidbar und appellierten an sein Verantwortungsgefühl als Kaiser. Franz Joseph fügte sich wie zu Beginn seiner Regentschaft dem scheinbar Unvermeidlichen und besiegelte damit das Ende der Monarchie.


Franz Joseph an seinem Schreibtisch.
Photographie, 1915.

Franz Joseph in Uniform.
Gemälde von Heinrich Wassmuth,
1915.

Der Tod des Kaisers

Seit November 1913 laborierte Franz Joseph an einer chronischen Entzündung der Atemwege, die im November 1916 schließlich zu einer Lungenentzündung führte. Trotz anhaltend hohem Fieber hielt der Kaiser bis zuletzt eisern an seinem gewohnten Tagesablauf und Arbeitspensum fest. Franz Joseph starb mit sechsundachtzig Jahren nach einer achtundsechzigjährigen Regierungszeit. Er hatte die Monarchie zusammengehalten – sein Tod bedeutete das Ende einer Epoche.

DharmeshGeschichteKaiser Franz Joseph 1830 – 1916 Mythos und Wahrheit Katrin Unterreiner Christian Brandstätter Verlag Kaiser & Ehemann Der blutjunge Kaiser Franz Josephs Thronbesteigung bedeutete nach der Niederschlagung der Bürgerlichen Revolution einen Sieg der monarchisch-konservativen Kräfte und den Beginn einer neuabsolutistischen, reaktionären Politik. Nur Ungarn verweigerte die Anerkennung des neuen Königs, und rief die Republik aus. Erst mit...