Jüdisches Wien – Wien retour
Joachim Riedl (Buchauszug)


Gläubige im Hof des Bethauses in der Lilienbrunngasse in Wien-Leopoldstadt
während des Chamez-Verbrennens (Gesäuertes Brot) vor Pessach.
2009. Photographie von Gerhard Trumler.

Die jüdische Gemeinde in Wien ist weiterhin verschwindend klein. Doch vor allem durch die Zuwanderung bucharischer und orientalischer Juden hat sie sich in ihrer kulturellen und religiösen Vielfalt immens entwickelt. Es gibt heute zwölf unterschiedliche religiöse Gruppierungen und 18 verschiedene Synagogen und Beträume, welche die wichtigsten Strömungen des Judentums repräsentieren. Ultraorthodoxe Familien gehören vor allem in Teilen der Leopoldstadt, dem traditionellen jüdischen Wohnviertel, wieder zum Straßenbild.


Mazzesbacken in der orthodoxen Bäckerei Ohel Moshe
in der Liliengasse in Wien-Leopoldstadt.
Vor 1996. Photographie von Harry Weber.


Umzug zu Sukkot im Stadttempel in der Seitenstettengasse.
Vor 1996. Photographie von Harry Weber.

„In den Nachkriegsjahrzehnten sahen Juden keine Zukunft für ein jüdisches Leben in Österreich“, schreibt die Politologin Susanne Cohen-Weisz in ihrer Dissertation über die Nachkriegsgeschichte der jüdischen Gemeinde: „Sie fühlten sich gewiss nicht als ein Teil der österreichischen Gesellschaft, die sich selbst noch auf der Suche nach ihrer nationalen Identität befand. Die Generation der jüdischen Überlebenden in Wien betrachtete Österreich nicht als ihr Heimatland; im Gegenteil, viele Überlebenden hassten Österreich und blieben gleichviel aus den unterschiedlichsten Gründen dort. Nicht selten fühlten sie sich schuldig, weil sie geblieben waren, und gaben diese Gefühle an die nächste Generation weiter. Ihre Schuldgefühle wurden noch durch die generelle Verurteilung innerhalb des Weltjudentums verstärkt, die allen galt, die im Land ihrer Mörder lebten.“


Rabbi Schmuel Ernst Pressburger (1918-1993) mit seinem Sohn
Michoel (links) in seiner Gemeinde in der historischen Schiffschul
in der großen Schiffgasse in Wien-Leopoldstadt.
Rabbi Pressburger, der Nachfahre einer alten chassidischen Dynastie,
wurde von seiner gemeinde wie ein heiliger verehrt.
Sein Sohn setzte nicht nur die Familientradition fort, sondern war
maßgeblich an der Rettung iranischer Juden beteiligt, die er im
Anschluss an die islamische Revolution über verschwiegene Kanäle
aus dem Staat der Mullahs herausschmuggelte und in seinem kleinen
Gemeindezentrum beherbergte.
1991. Photographie von Christine de Grancy.


Ansprache des Oberrabbiners Paul Chaim Eisenberg am
Desider-Friedmann-Platz zu Chanukka.
Vor 1996. Photographie von Harry Weber.

Über 70 Jahre später, meint die Autorin, Tochter eines Wiener Universitätsprofessors, habe sich jedoch eine spezifische österreichisch-jüdische Identität herausgebildet. „Die Juden in Wien haben sicherlich ihre Koffer ausgepackt“, meint die Politologin, „doch die leeren Koffer befinden sich weiterhin in Reichweite – für den Notfall.“ Das Novum einer österreichisch-jüdischen Identität beinhalte nämlich nicht zugleich auch einen österreichischen Patriotismus. Juden in Wien, Wiener Juden oder jüdische Wiener, wie auch immer sie sich selbst bezeichnen mögen, betrachten sich zwar als loyale Staatsbürger und fühlten sich zunehmend einem demokratischen Staatswesen verbunden, jedoch nicht einem österreichischen Vaterland oder einer österreichischen Nation.
Der oft glühende Patriotismus, den die Wiener Juden einst trotz aller antisemitischen Anfeindungen für das Land an den Tag gelegt hatten, gehört unwiderruflich der Vergangenheit an. Dieser Patriotismus wurde in der Shoah erstickt. Die in Österreich geborenen Überlebenden konnten ihre Liebe zu einem Österreich, von dem sie sich enttäuscht und betrogen fühlten, nie mehr zu neuem Leben erwecken. Ihre Erfahrungen hatten sie gelehrt, dass Patriotismus uns Assimilation sie nicht in Österreicher zu verwandeln vermochten, sondern dass sie in den Augen ihrer Landsleute weiterhin als Juden angesehen wurden, denen man keinen Schutz angedeihen ließ.“


Beim koscheren Fleischhauer in der Großen Pfarrgasse in Wien-Leopoldstadt.
1988. Photographie von Christine de Grancy.


In der koscheren Bäckerei in der Hollandstraße in Wien-Leopoldstadt.
1988. Photographie von Christine de Grancy.

Im digitalen Zeitalter einer globalen Informationsgesellschaft ist allerdings das heimatverliebte Sentiment höchstwahrscheinlich nur noch ein anachronistischer Zug, eine historische Reminiszenz an eine Epoche, in der Illusion noch die Kraft von Gewissheiten zu besitzen vermochten. Das war ihre große Tragödie. Eine erste Ahnung von der historischen Dimension der Auslöschung des europäischen Judentums dämmerte dem deutschen Widerstandkämpfer Carl Goerdeler in der Nacht vor seiner Hinrichtung nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler. Bedenke man, dass die Gräuel der Christenverfolgung unter Diokletian immer noch erinnert würden, so notierte er in der Todeszelle, dann müssten wohl für das Gedenken an den Judenmord, der um so vieles grauenhafter sei, zweitausend Jahre nur das Minimum sein. Dabei ging er von etwa hunderttausend ermordeten Juden aus.
Nein, die Zeit, sie heilt keine Wunden.

Jüdisches Wien

Einst beherbergte Wien eine der größten jüdischen Gemeinden Europas, die Juden von Wien prägten das geistige, kulturelle und ökonomische Leben ihrer Stadt.
Sie bildeten keine homogene Gruppe, sondern waren ebenso zersplittert wie die restliche Bevölkerung. Gleichviel waren sie stets wütenden antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, die ihnen nicht erlaubten, aus der Rolle des Außenseiters zu entkommen. Die Mehrheit verweigerte es ihnen, sich zu assimilieren und in der Stadt aufzugehen. Sie waren gezwungen, neue Wege zu beschreiten, neuen Gedanken zu folgen, um sich gesellschaftliche Positionen zu erobern. Erst dadurch wurden sie zu den Wegbereitern der Moderne in Kunst, Musik, Literatur und Wissenschaft.
Heute sind ihre Namen untrennbar mit der Geschichte der Stadt verbunden. Der National­sozialismus bereitete der Blüte des jüdischen Lebens in Wien ein jähes Ende. Die ­Ermordeten und Vertriebenen hinterließen ein Vakuum, das nach wie vor nicht gefüllt werden konnte. Es dauerte Jahrzehnte, bis das jüdische Leben in Wien wieder erwachte, zu seiner alten Größe wird es nie mehr zurückkehren. In zahlreichen Bilddokumenten und begleitenden Essays leben Glanz und Tragödie der Juden von Wien wieder auf.

Joachim Riedl, Autor
Joachim Riedl, geb. 1953 in Wien, ist Schriftsteller, Ausstellungsgestalter und Journalist. Er studierte englische Literatur, Soziologie und Psychologie in Cambridge und Wien. Zu seinen Publikationen zählen „Wien, Stadt der Juden. Die Welt der Tante Jolesch“ (2004), „Der Wende-Kanzler. Die unerschütterlich Beharrlichkeit des Wolfgang Schüssel“ (2001), „Die jüdische Welt von gestern“ (mit Rachel Salamander; 1998) und „Das Geniale, das Gemeine – Versuch über Wien“ (1994). Er ist Leiter des Wiener Büros der „ZEIT“ und lebt in Wien.

DharmeshGeschichteJüdisches Wien - Wien retour Joachim Riedl (Buchauszug) Die jüdische Gemeinde in Wien ist weiterhin verschwindend klein. Doch vor allem durch die Zuwanderung bucharischer und orientalischer Juden hat sie sich in ihrer kulturellen und religiösen Vielfalt immens entwickelt. Es gibt heute zwölf unterschiedliche religiöse Gruppierungen und 18 verschiedene Synagogen und Beträume,...