I. Weltkrieg


Anfängliche Kriegsbegeisterung: „Mariahilferstraße in Siegesschmuck.
Ansichtskarte 1914

Am 28. Juli 1914 unterzeichnete Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl die Kriegserklärung der Monarchie an Serbien, in der eindringlich die Gründe für diesen schwerwiegenden Schritt erläutert wurden. Aus heutiger Sicht tragisch berührend ist besonders jene Textstelle, in der es heißt: „In dieser ernsten Stunde bin ich Mir der ganzen Tragweite Meines Entschlusses und Meiner Verantwortung vor dem Allmächtigen voll bewußt. Ich habe alles geprüft und erwogen. Mit ruhigem Gewissen betrete ich den Weg, den die Pflicht Mir weist.“

Bereits am 26. Juli 1914 hatten sich in Schönbrunn zahlreiche begeisterte Menschen eingefunden, die meinten, der Kaiser sei schon aus Bad Ischl nach Wien zurückgekehrt. „Der Vorhof des Schönbrunner Lustschlosses war den ganzen Tag von einer großen Menge Menschen gefüllt, welche eifrigst den Krieg besprachen und lebhaft debattierten“, hieß es dazu im „Neuen Wiener Tagblatt“. Im Gegensatz zu derartigen spontanen Zusammenkünften war die patriotische Kundgebung am 30. Juli, bei der Ankunft des Kaisers in Wien, wie der vorliegende Anschlagzettel beweist, sehr wohl vorbereitet und, wie der „Neuen Freien Presse“ zu entnehmen ist, wohlorganisiert. Die Ankunft des Kaisers war für 12.18 Uhr angesetzt. Von 11 Uhr an begann der Aufmarsch der verschiedenen Vereine und Korporationen, die zum Bilden des Spaliers vorgesehen waren. Die Polizei teilte die Aufmarschierenden derart ein, dass das Spalier ununterbrochen vom Penzinger Bahnhof bis nach Schönbrunn führte: „Um 12 Uhr 18 Minuten hörte man den schrillen Pfiff des Hofzuges, und nun lagerte sich über die Menschen atemlose Stille. (…) Und dann plötzlich ein gewaltiger Aufschrei. Vom Penzinger Tor bis zum Schönbrunner Tor setzte sich ein einziger Hurraschrei fort. (…) In langsamen Tempo, fast im Schritt, fuhr die offene Equipage, in der der Kaiser saß, zwischen den zwei Menschenmauern durch. Der Aufschrei der Begeisterung, der Jubelruf aus hunderttausenden von Herzen umbrandete und umhüllte den Kaiser“.


Krankensaal im Reservspital am Steinhof, Wien.
aus „Viribus Unitis“ Österreich Ungarn und der Weltkrieg, 1919


Operations- und Verbindesaal des Verwundetenspitals
in der k. k. Universität Wien.
aus „Viribus Unitis“ Österreich Ungarn und der Weltkrieg, 1919

Der Krieg hatte große Auswirkungen auf die Bevölkerung der Millionenstadt. Bereits im März 1915 musste der niederösterreichische Statthalter zu größerer Sparsamkeit beim Verbrauch von Brot aufrufen, im April wurden die ersten Lebensmittelkarten (für Brot und Mehl) ausgegeben. Am 1. Dezember 1916 wurde ein Volksernährungsamt geschaffen. Festgesetzte Höchstpreise und Bekanntgabe von Ersatzlebensmitteln konnten die Versorgungslage jedoch nicht verbessern. Im März 1918 musste die wöchentliche Fettquote auf 40 Gramm reduziert werden. 1918 betrug die landwirtschaftliche Produktion in der österreichischen Reichshälte nur noch 50% der Menge von 1913. Die Bewirtschaftung von Lebensmitteln konnte erst im November 1922 zur Gänze beendet werden.

Die Kriegsbegeisterung des Jahres 1914 wurde von der Unterhaltungsindustrie mit der ihr eigenen Frivolität ausgeschlachtet. Ab dem 10. Oktober 1914 kamen im Großen Musikvereinssaal täglich „Stimmungsbilder aus einer weltgeschichtlichen Zeit“ zur Aufführung. Autoren dieser pathetischen Vaterlands-Revue mit Lichtbildvorführungen waren Leopold Thoma und Robert Weil. „Das Große hat Begleiterscheinungen“, schrieb Karl Kraus in seinem berühmten Essay „In dieser großen Zeit“: „Wenn die Folgen auf ihrer Höhe sein werden, dann Gnade uns!


Der „Eiserne Wachmann“ am Schwarzenbergplatz. Ansichtskarte 1915

Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurde das Kriegsfürsorgeamt gegründet. In einem 1917 verfassten Rechenschaftsbericht heißt es mit geradezu naiver Offenheit, dass die Militärverwaltung hinsichtlich der sozialen Probleme, aber auch der ausreichenden Ausrüstung der Soldaten vor „ganz neuen, früher nie geahnten Aufgaben“ gestanden sei. Aus diesem Grund war man in starkem Maße auf die freiwilligen Hilfsaktionen der Bürger angewiesen, wobei das Kriegsfürsorgeamt als „offizielle Zentralstelle“ fungieren sollte. Um Geld für karitative Zwecke zu bekommen, verkaufte das Fürsorgeamt auch verschiedene Kriegs-Souvenirs, wie ein „30,5 cm Bronze-Mörser-Modell“, Bleistifte in der Form von Gewehrpatronen, Kriegsfürsorgekreuze, Medaillen, ein Bilderbuch „Wir spielen Weltkrieg“ und Kriegsspiele mit den Titeln „Wer wird siegen?“ oder „Wir müssen siegen!“

Am 23. Mai 1915 erfolgte die Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn. Gleich nach Bekanntwerden dieses Schrittes und der Verbreitung des kaiserlichen Manifests kam es in Wien zu begeisterten Kundgebungen vor dem Radetzky- und dem Deutschmeisterdenkmal. Die Propaganda war eine Zeit lang völlig vom Kampf gegen Italien beherrscht.


Verwundete vor der zu einem Lazarett umgewidmeten Secession. Fotografie 1916

Die vorliegende Kundmachung vom 2. Februar 1915 besagte, dass die gewerbsmäßige Erzeugung von Kuchen, „sogenannten Gugelhupf, Krapfen, Strudel, Butter- und Germteig, Zwieback und dergleichen“ nur am Mittwoch und Samstag jeder Woche gestattet war. Übertretungen dieser Anordnungen wurden mit hohen Geldstrafen oder mit Arrest bis zu sechs Monaten geahndet. Die Ernährung wurde im Laufe des Krieges immer schlechter. Mit verschiedenen propagandistischen Maßnahmen wurde versucht, in der Bevölkerung Verständnis für die Rationierung von Lebensmitteln zu gewinnen. Der „Erste Wiener Consum-Verein“ veranstaltete eine Reihe von Kriegs-Kochkursen, in denen die Köchinnen lernen konnten, wie unter den damals herrschenden schwierigen Verhältnissen gekocht und gewirtschaftet werden sollte. Ort der Veranstaltungen war der Vortragssaal der Direktion der städtischen Gaswerke in der Josefstädter Straße. „Der Mangel an Fettstoffen ist, wie bekannt, groß! Aus Kaffee-Absud (Kaffeesatz) kann Öl gewonnen werden. Kaffeesatz daher nicht in den Kehrricht werfen, sondern sammeln und gut trocknen! und zwecks Ölgewinnung an den Kaufmann abgeben, dessen Geschäftslokal durch Plakate als Übernahmestelle der Öl- und Fettzentrale kenntlich gemacht ist. Der Kaufmann zahlt 16 Heller für ein Kilo trockenen reinen Kaffeesatz. Beginnet sofort mit der Sammlung und Trocknung des Kaffeesatzes, der Beginn der Ablieferungen – anfangs November – wird bekanntgegeben werden!“


Schützengraben im k. k. Prater in Wien: Mannschaftsunterstände
aus „Viribus Unitis“ Österreich Ungarn und der Weltkrieg, 1919


Schützengraben im k. k. Prater in Wien: Artilleriestand
aus „Viribus Unitis“ Österreich Ungarn und der Weltkrieg, 1919

Im Zuge der Kriegsausstellung 1916 wurden, wie schon 1915, im Wiener Prater zur Volksbelustigung verschiedene Typen von Schützengräben gezeigt: So etwa Verteidigungsanlagen, wie sie im Karst üblich waren, sowie die Graben- und Stollenanlagen der russischen Front. Dazu war eine Landschaftskulisse aufgebaut worden, die eine Vorstellung von den Kriegsschauplätzen geben sollte.

Kaiser Franz Joseph I. starb am 21. November 1916 in Schönbrunn.


Kaiser Franz Joseph I. auf dem Sterbelager.
aus „Viribus Unitis“ Österreich Ungarn und der Weltkrieg, 1919


Der Leichenzug Kaiser Franz Josephs vor dem Stephansdom

Das seit dem Jahr 1900 bestehende Massenblatt „Kronenzeitung“ verstand es auch im Krieg, geschickt auf die Bedürfnisse der Leserschaft einzugehen. Bereits zu Beginn des Krieges wurde eine ständige Rubrik „Aus unserer Feldpost-Mappe“ eingerichtet. Auch Suchmeldungen nach Vermissten wurden täglich abgedruckt, 1916 gründete die Zeitung eine Organisation, deren Zweck es war, die Postverbindung mit den österreichischen Kriegsgefangenen herzustellen. Es gelang sogar, aus den sibirischen Lagern Post zu bekommen und den dort Gefangenen Briefe und Liebesgaben zuzusenden. Mit ihrem untrüglichen Gefühl für die öffentliche Meinung ist die „Kronenzeitung“ trotz der damals bestehenden Zensur eine aufschlussreiche Quelle zur Alltagsgeschichte, insbesondere zum Stimmungswandel der Bevölkerung während der Kriegsjahre.

Im Laufe des Ersten Weltkrieges wurden die für die Ausrüstung der Truppen benötigten Rohstoffe in Österreich immer knapper. Das Kriegsfürsorgeamt führte aus diesem Grund zahlreiche Sammelaktionen durch, bei denen Altmetalle, Glas, Kautschuk und Textilien einer Wiederverwertung zugeführt werden sollten. Die in Plakaten beworbene Wäschesammlung fand vom 16. bis 20. Oktober 1917 in Wien statt. Im Aufruf an die Bevölkerung hieß es dazu: „Das Kriegsfürsorgeamt kennt die schweren Entbehrungen unter denen der größte Teil der Bevölkerung leidet; wenn es sich dennoch an alle wendet, so erfolgt dies nur unter dem Drucke einer unabwendbaren Notwendigkeit“.


Kränze für Allerheiligen. Fotografie 1916

Vom 28. Mai bis 2. Juli 1918 wurde die achte Kriegsanleihe zur Zeichnung aufgelegt. Als Tilgungsfrist für die Staatsanleihen waren die Jahre 1924 bis 1958 vorgesehen. Die Staatsschuldenscheine sollten ab dem 1. September 1923 eingelöst werden. Mit zunehmender Dauer des Krieges wurden die Werbebemühungen für den Verkauf der Anleihen immer größer. Geschickt wurde dabei auf die steigende Friedenssehnsucht in der Bevölkerung angespielt: „Wir müssen nur noch kurze Zeit aushalten, um die haßerfüllten Drohungen der Entente vollends zu vernichten, müssen mit aller Macht dem Vaterlande zu Hilfe kommen und die ruhmvoll kämpfende Armee reichlich mit allem Nötigen versehen. Von der Achten Kriegsanleihe hängt die Geschwindigkeit unseres sicheren Endsieges ab“, schrieb die „Reichspost“ am 15. Juni 1918.

Die wirtschaftliche Blockade durch die Entente-Mächte wirkte sich im Laufe der Zeit immer stärker aus, man lebte in Österreich wie in einer belagerten Festung: die Nahrungsmittel waren knapp geworden, es mangelte an Bekleidungs- und Kriegsmaterial. Die „Ersatzmittelausstellung“, die von Mai bis August 1918 im Wiener Prater stattfand, gab einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten und Produkte, die ersonnen wurden, um die fehlenden Rohstoffe zu ersetzen. Besonderes Interesse erweckte bei der Schau naturgemäß die Nahrungsmittelausstellung. Dabei gab es unter anderem die Vorführung über die Strohaufschließung und Information über die Verarbeitung des Hafers vom ursprünglichen Zustand als Pferdefutter bis zur Verwandlung in Flocken und feinstes Kindernährmehl. Großen Raum nahm auch die Präsentation der Produkte der „Kartoffeltrocknungsindustrie“ ein. Die Berichterstatterin der „Arbeiterzeitung“ schrieb dazu: „Die ,Kartoffelecke‘ ist mit besonderer Liebe eingerichtet. Da gibt es duftige ,Kartoffelflocken‘ getrocknete Scheiben, geriebene, gemahlene, zerstampfte, gedörrte Kartoffeln, und die Hausfrau erfährt mit Entzücken und Rührung, was sich alles aus diesem wertvollen Nahrungsmittel herstellen lässt, das sie nicht besitzt (…). Zu dem belehrenden Kochvortrag kommen wir zu spät. Dass ich das sonderlich bedaure, könnte ich nicht behaupten. Wir haben in den letzten vier Jahren so viel theoretisch gekocht, dass wir fast das praktische Kochen darüber verlernt haben, und der Mehlspeisen ohne Mehl, Fett, Ei und Zucker sind wir alle schon einigermaßen müde geworden. Sie schmecken im besten Fall nach gebratener Luft und eingebrannten Illusionen“ (23. Juni 1918).


Ankunft abgerüsteter Matrosen auf dem Südbahnhof. Fotografie 1918

Der Charakter Wiens als Metropole eines Großreichs sollte sich während des Ersten Weltkriegs (1914 – 1918) als für die Lebensverhältnisse in der Stadt überaus problematisch erweisen. Wiewohl es im Gegensatz zu den Jahren des Zweiten Weltkriegs zu keiner unmittelbaren militärischen Bedrohung und keinen direkten Kampfhandlungen im Stadtgebiet kommen sollte, waren die mittelbaren Auswirkungen verheerend, eine gravierende Versorgungskrise beherrschte das Bild. Mit dem Ende des Krieges, gleichzeitig dem der Monarchie im Spätherbst 1918, war die frühere Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburger zur Hauptstadt eines regelrechten Kleinstaates geworden.


Kaiser Karl wird an der Isonzofront von Truppen,
die in den Kampf ziehen, begrüßt (1917).
aus „Viribus Unitis“ Österreich Ungarn und der Weltkrieg, 1919

Ks. Karl I. legte am 4. 11. 1918 die Befehlsgewalt über das Armee-Oberkommando nieder (Nachfolger H. v. Kövess), verzichtete am 11. 11. auf seinen Regierungseinfluss und enthob die letzte ksl. Regierung ihres Amts. Am 12. 11. 1918 erfolgte die Ausrufung der „Republik Deutsch-Österreich“ vor dem Parlament in Wien

DharmeshGeschichteI. Weltkrieg Am 28. Juli 1914 unterzeichnete Kaiser Franz Joseph in Bad Ischl die Kriegserklärung der Monarchie an Serbien, in der eindringlich die Gründe für diesen schwerwiegenden Schritt erläutert wurden. Aus heutiger Sicht tragisch berührend ist besonders jene Textstelle, in der es heißt: 'In dieser ernsten Stunde bin ich Mir...