„Groß-Wien“
1938-1945

Nach der Annexion wurde das Stadtgebiet Wiens im Herbst 1938 zu
Groß-Wien erweitert. Das Versprechen Hitlers, der „Perle Wien“ die entsprechende Fassung zu geben, wurde durch den Krieg auf makabre Weise ins Gegenteil verkehrt.

Um der Annexion Österreichs einen Anstrich der Legitimität zu geben, begnügten sich die neuen Machthaber nicht mit dem von der Eintags-Regierung Seyß-Inquart aufgrund des ständestaatlichen „Ermächtigungsgesetzes“ beschlossenen „Bundesverfassungsgesetz über die Vereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich„ vom 13. März 1938, sondern beraumten für 10. April eine Volksabstimmung sowohl in Österreich als auch im „Altreich“ an.


Wien ab 1938. Verzeichnet: neue und geänderte Bezirksnamen


Wien ab 1954

Zugleich sorgte eine gewaltige Propagandamaschinerie für die Beeinflussung der Bevölkerung, während Juden als „Nichtdeutsche“ sowieso von der Abstimmung ausgeschlossen waren und die politischen Gegner durch eine Terrorwelle mundtot gemacht wurden. Besonders bemühte man sich anfangs um die unter Dollfuß und Schuschnigg verfolgten einfachen Sozialdemokraten, den Arbeitslosen wurde Arbeit versprochen, aus der Wiener Gemeindeverwaltung Verjagte wurden wieder eingestellt. Ein Übriges tat die Erklärung Karl Renners in einem Zeitungsinterview, in dem er sich zwar von den Methoden, mit denen der „Anschluss“ errungen worden war, distanzierte, aber ihm als Erfüllung des 1918 verhinderten Selbstbestimmungswunsches zustimmte. Dazu kam, dass Renner und seine Parteifreunde hofften, so den früheren Gemeinderatspräsidenten Robert Danneberg und den Schutzbundkommandanten Alexander Eifler aus dem KZ freizubekommen – was sich als Illusion herausstellte. Für viele Katholiken wieder war maßgebend, dass Kardinal Innitzer zu einem „Ja“ aufforderte, weil er sich so Rücksichtnahme auf die Anliegen der Kirche erwartete. Auch wenn man bei dem Ergebnis von 99,7 Prozent in Österreich wohl im Hinblick auf zumindest unterschwellige Repressionen Abstriche machen darf, so war das Ergebnis doch das einer überwältigen Mehrheit für den „Anschluss“ – was angesichts der gesamten politischen Ausrichtung der Ersten Republik und der tristen Wirtschaftserfahrungen der Masse der Österreicher auch gar nicht unverständlich ist.

Auch in Wien lag das Ergebnis nur unerheblich unter dem österreichischen Durchschnitt. Doch wurde den Wienern, zur Verärgerung auch der heimischen Nazis, nun vor Augen geführt, was die Degradierung von der Hauptstadt eines, wenn auch klein gewordenen Staates zu einer Provinzstadt des Deutschen Reichs bedeutete. Seyß-Inquart wurde bald zu einer bloßen Repräsentationsfigur (und später als Reichskommissar in die besetzten Niederlande abgeschoben, was ihm schließlich das Todesurteil im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess einbringen sollte), das große Sagen hatte der von Hitler als „Reichskommissar für die Wiedervereinigung“ eingesetzte Rheinpfälzer Josef Bürckel, der als Organisator der Wiedereingliederung des Saarlandes bereits einschlägige Erfahrungen mitbrachte. Er nutzte die Intrigen der diversen Wiener Naziführer zur Festigung seiner Machtstellung und wurde Anfang 1939 auch zum Gauleiter und Reichsstadthalter befördert.

Schon wurde eine Vergrößerung des „Reichsgaues“ Wien ins Auge gefasst. Ein Maximalplan sah die Einbeziehung des March-, Tullner- und Steinfeldes vor, hätte also ungefähr den Vorschlag „Wienerwald“ aus der Zeit der Ersten Republik wiederaufleben lassen. Davon kam man unter anderem aus ideologischen Erwägungen ab, weil eine zu weitgehende „Verstädterung“ des Gebiets befürchtet wurde. Schließlich wurde der Reichsgau, durch Eingemeindung von 97 niederösterreichischen Ortsgemeinden von 278 auf 1.200 Quadratkilometer vergrößert, zu „Groß-Wien“.

Bereits im Oktober 1938 musste Bürckel zur Kenntnis nehmen, dass die katholische Kirche eine nicht zu unterschätzende Macht geblieben war. Kardinal Innitzer hatte erkennen müssen, dass sein „Ja“ für das Dritte Reich dessen Totalitätsanspruch, insbesondere auf die Jugend, in keiner Weise mildern konnte. Als er bei einer religiösen Feierstunde, zu der 7.000 Jugendliche gekommen waren, mahnte: „Euer Führer ist Christus“, wurde das als Kampfansage an das Regime verstanden. Daraufhin verwüstete eine Horde Hitlerjungen das Erzbischöfliche Palais und bedrohte die Priester, ohne dass die Polizei eingriff. Das war nur ein Vorspiel des Wütens gegen die Juden in der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938: In Wien wurden 42 Synagogen und Bethäuser zerstört, 27 jüdische Bürger wurden im Zuge der Plünderungen ermordet.


Baldur Schirach bereitete die 15-Jährigen auf die Verteidigung Wiens vor
– dann setzte er sich ab

Im August 1940 wurde Bürckel, der sich bei den Wienern unbeliebt gemacht hatte, durch den „Reichsjugendführer“ Baldur von Schirach ersetzt. Solange es die Kriegslage zuließ, versuchte er seine relative Machtlosigkeit, durch die Förderung kultureller Ereignisse zu übertünchen. Im Zeichen des „totalen Krieges“ war es auch damit zu Ende; Am 30. Juni 1944 schloss die Staatsoper symptomatisch mit der „Götterdämmerung“ bis Kriegsende ihre Pforten. Einige Monate später brachte Schirach aus Berlin den Befehl, dass Wien bis zum Äußersten zu verteidigen sei; er selbst setzte sich freilich rechtzeitig ab.

Bis dahin dauerte es aber noch einige für die Bevölkerung immer schlimmer werdende Jahre. Nachdem aus Bürckels versprochenem „Sonderwohnbauprogramm“ nichts geworden war, kam aus Berlin für Schirach eine andere Weisung zur „Lösung“ des immer noch brennenden Wohnproblems. „Sie sollten“, betont der Führer „Ihre Aufgabe nicht in der Schaffung neuer Wohnviertel sehen, sondern in der Bereinigung der bestehenden Verhältnisse. Zunächst seinen baldigst in Verbindung mit Reichsführer-SS Himmler alle Juden abzuschieben, anschließend alle Tschechen und sonstigen Fremdvölkischen, die eine einheitliche politische Ausrichtung und Meinungsbildung der Wiener Bevölkerung erschwerten“, hieß es in einem Brief des Hitler-Sekretärs Vormann nach Wien. Der „Führer“ war da freilich hinter der Zeit her: Die Nazis und ihre Mitläufer hatten schon zuvor dafür gesorgt, dass viele Juden, soweit ihnen nicht die Auswanderung gelang, aus ihren Wohnungen vertrieben und in der Leopoldstadt zusammengepfercht worden waren. Nachdem schon 1939/40 mehr als 10.000 Wiener Juden nach Polen deportiert worden waren, erfolgte die „Umsiedlung“ von weiteren 40.000 in den Jahren 1941/42. Die Endstation für die meisten von ihnen waren die Gasöfen von Auschwitz.

Noch glaubten viele Wiener nicht, dass die Flaktürme, die ab Herbst 1942 in verschiedenen Parkanlagen errichtet wurden, in Aktion würden treten müssen. Aber von Herbst 1943 an begannen die Luftangriffe der Amerikaner auf den Wiener Raum und steigerten sich zum Inferno des 12. März 1941 als die Innenstadt schwer getroffen wurde. Mit dem Schrecken des Krieges und dem Druck des Regimes wuchs auch der Widerstand. Am Anfang stand eine „Österreichische Freiheitsbewegung“ um den Theologieprofessor Roman Scholz, sie wurde von einem Burgschauspieler verraten. Neben katholischen Kreisen war es vor allem die Arbeiterschaft, aus der Widerstand kam. Einweisung in eine Strafkompanie, was meist einem Todesurteil gleichkam, Haft im Konzentrationslager oder die Hinrichtung wegen Hochverrats waren die Mittel, mit denen die Gestapo den Kampf gegen die Diktatur niederhielt.

Aber auch das bloße Abhören von „Feindsendern“, das Erzählen von Witzen und das Hamstern wurden drakonisch bestraft. Der Widerstand in militärischen Kreisen hatte zur Folge, dass in Wien nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 der Plan der Verschwörer zunächst programmgemäß ablief, ehe das Scheitern bekannt wurde. Am 2. April 1945 wurde Wien durch Plakatanschlag zum Verteidigungsbereich erklärt. Mutige Offiziere versuchten, durch Geheimgespräche mit der heranrückenden Roten Armee die Zerstörung der Stadt zu verhindern. Drei Angehörige der militärischen Widerstandsgruppe, Karl Biedermann, Alfred Huth und Rudolf Raschke, wurden am 8. April von der abziehenden SS am Floridsdorfer Spitz öffentlich gehenkt. Zwei Tage darauf erreichten sowjetische Soldaten die Innenstadt. Auf dem Rathausturm hatten Widerständler bereits die rot-weiß-rote Fahne gehisst.

auszugsweise aus

Historischer Atlas Österreich
Manfred Scheuch


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