Geschenke für das Kaiserhaus

Huldigungen an Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth

Ulla Fischer-Westhauser (Hg.)

Christian Brandstätter Verlag

Allergnädigster Kaiser und Herr!
Allergnädigste Kaiserin!

Über die Huldigungsadressen in der
Österreichischen Nationalbibliothek

Mitten während des Ersten Weltkriegs, am 21. November 1916, starb der 86-jährige Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916) in Wien nach einer 68 Jahre dauernden Regentschaft. Acht Jahre zuvor wurde sein 60-jähriges Regierungsjubiläum – gegen seinen Willen – in ganz großem Stil gefeiert. Aus diesem Anlass kehrte die Monarchie noch einmal ihren ganzen Glanz und Pomp hervor. Der Huldigungsfestzug präsentierte u. a. die Volksgruppen der Donaumonarchie, die in ihren Trachten am Kaiser und den zahllosen Zaungästen vorbeidefilierten. Von den Bewohnern Galiziens im Norden bis Dalmatien im Süden, von der Bukowina im Osten bis zu den Tirolern im Westen – die ganze ethnische Vielfalt des Vielvölkerstaates zeigte sich in bunten Farben. Nur die Tschechen fehlten – sie waren über die kurz vor dem Ereignis auftretende deutschnationale Polemik erbost. Die Stadt Prag sandte jedoch eine Huldigungsadresse in tschechischer Sprache.

Über das Huldigen
Die Huldigung war ein staatsrechtlicher Akt, mit dem die Untertanen ihrem neuen Landesherren die Treue gelobten. Im Mittelalter nahm der deutsche König den Reichsständen den persönlichen Eid ab, der Landesherr in seinen Territorien. Diese Form der Huldigung begründete eine wechselseitige Verpflichtung: Der Untertan versprach die Treue gegenüber


Bild: Huldigungsfestzug der Stadt Wien zur Silberhochzeit des Kaiserpaares.
Blick über den Festplatz vor dem Burgtor gegen die Minoritenkirche, Wien, 27.4.1879. Fotografie von Johann Stauda, Original: Glasplattennegativ, 234×294 mm

dem Herrn, der Herr wiederum verpflichtete sich, seine Leute zu beschützen. Am längsten hat sich in Österreich bzw. in den deutschen Territorien die „Erbhuldigung“ erhalten. Sie wurde dem Landesherrn bei Regierungsantritt durch die Vertreter der Landstände bis ins
19. Jahrhundert in alten Formeln geleistet. Die letzte Zeremonie dieser Art erfolgte 1835 für Kaiser Ferdinand I. (1793-1875), Onkel und Vorgänger Kaiser Franz Josephs I. Die aufwändige Zeremonie wurde im Staatsdienst und im Heer durch die Vereidigung ersetzt; in der Huldigungsadresse
lebt sie allerdings weiter. Möglicherweise liegt in diesen alten Wurzeln auch der Grund für die Formelhaftigkeit der Texte, die die Huldigungsadressen kennzeichnen.

Huldigungsadresse – ein Begriff, der uns heute unvertraut und mit dem Untergang der Monarchie in Vergessenheit geraten ist. Mit der Nüchternheit der Republik ist auch Etikette und Pomp der Kaiserzeit verschwunden. Umzüge haben sich zu Folkloreveranstaltungen entwickelt, und Glückwünsche, Danksagungen und Trauerkundgebungen an die Bundesregierung kommen, wenn überhaupt, in schlichten Briefumschlägen mit der Post.

Per Post kamen auch vor hundert Jahren derartige Schriftstücke an den Hof, aber in den meisten Fällen über Boten und Delegationen. Das Format dieser Schreiben hatte sich im Laufe der Zeit von einfach verzierten Mappen in Kanzleiformat zu mitunter schwergewichtigen, reich verzierten „Enveloppes“ und Kassetten entwickelt. In der äußeren Gestaltung der „Umschläge“ sollte bereits die Wertschätzung der Schenker, die aus allen Teilen der Monarchie, aus allen Bevölkerungs- und Bildungsschichten kamen, gegenüber dem Beschenkten zum Ausdruck kommen. Gleichzeitig lag auch die Gestaltung der Schrift-stücke in versierter Hand – das kalligrafische Geschick der Schreiber und der Formenreichtum der Verzierungen erregen heute unsere größte Bewunderung. Die reichhaltige kunsthandwerkliche Ausgestaltung unter Verwendung von edlen Metallen, Leder, Seide, Samt, Edelsteinen, Elfenbein, Glas oder Email machen die prächtigen Mappen mit dem formelhaften Inhalt zu persönlichen Geschenken. Gut erkennbar ist das z. B. in der Adresse der Hauptstadt Dalmatiens, Zara, zur Silberhochzeit des Kaiserpaares.


Bild: Zum 50-jährigen Regierungsjubiläum, 1898. Überreicht vom Niederösterreichischen Landtag. Enveloppe mit Miniatur des Kaisers.


Bild: Zum 70. Geburtstag von Kaiser Franz Joseph, 1900. Überreicht von den Direktoren der Gymnasien, Realgymnasien und Realschulen Österreichs. Enveloppe

Über das Schenken
Seit dem Spätmittelalter haben wir Kenntnis von Geschenken an die Habsburger, ebenso von Geschenken, die die Habsburger anderen Staatsoberhäuptern und kirchlichen Institutionen vermacht hatten.
Damals wie heute gehört der Austausch von Geschenken zu den zeremoniellen Handlungen rund um Geburtstage, Taufen, Hochzeiten, Jubiläen und anlässlich internationaler diplomatischer Kontakte.
Viele wertvolle Kunstobjekte, die z. B. das Kunsthistorische Museum (KHM) oder die Schatzkammer in Wien bereichern, waren Geschenke. Schenkungen durch das Kaiserhaus sowie Geschenke an den Kaiser haben also eine lange Tradition. Besonders um die Mitte des
19. Jahrhunderts entwickelten sich daraus neue Formen. Das beschränkte sich nicht nur auf Kaiser Franz Joseph I., sondern galt für europäische Monarchen allgemein.

Neben den Geschenken von ausländischen Potentaten, die den Kaiser erreichten, waren es nun auch die Bewohner der Donaumonarchie,
die dem Landesvater zu allen möglichen Anlässen Geschenke vermachten. Und meist steckten handfeste Interessen dahinter.
Inhaber von kunsthandwerklichen Betrieben erhofften sich Titel, etwa
den eines „Hoflieferanten“, vergleichbar mit dem Führen des
Bundesadlers im heutigen Geschäftsleben, verbunden mit einer Verbesserung der Auftragslage oder neuen Aufträgen. Die zahlreichen Geschenke von Privatpersonen waren sehr oft mit Bitten um finanzielle Unterstützung, um eine Anstellung, um Protektion etc. verbunden.
Aus diesem Grund nahm der Kaiserhof auch nicht jedes Geschenk an;
es war ratsam, vorher darum anzusuchen.


Bild: Nach dem Besuch von Kaiser Franz Joseph bei den Skodawerken, 1905. Überreicht von den Skodawerken, Pilsen 1906. Entwurf von Carl Otto Czeschka, Ausführung von der Wiener Werkstätte. Kasette

Umgekehrt machte auch der Kaiser zahlreiche Geschenke, wie den
Akten des Obersthofmeisteramtes zu entnehmen ist.
Ein Blick in die Rubrik „Geschenke“ lässt erkennen, dass besonders Juweliere vom Hof profitierten.

Als spezielles „Geschenk“ des Kaisers an seine Untertanen ist die Gründung des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie (das heutige Museum für angewandte Kunst, MAK) 1863 zu werten. Dem Gedanken der Volksbildung Rechnung tragend, wurde es zum Zwecke der Förderung der gewerblichen und industriellen Geschmacksbildung und der österreichischen Industrieproduktion ins Leben gerufen. Objekte aus der kaiserlichen Sammlung und private Leihgaben wurden zur Eröffnungsschau 1864 gezeigt, noch in den Räumen des Wiener Ballhauses. 1871 übersiedelte das Museum, dem später eine Kunstgewerbeschule angeschlossen wurde, in das von Heinrich Ferstel entworfene Gebäude auf der Wiener Ringstraße. Immer wieder wurden zu verschiedenen Anlässen die Sammlungen des Museums mit Geschenken aus dem Kaiserhaus vervollständigt. Franz Joseph ließ sich oft und gerne durch die Ausstellungen des Museums führen. In der Folge wurden schwerpunktartig auch in den Kronländern gleichartige Museen bzw. Kunstgewerbeschulen gegründet. Das Österreichische Museum für Kunst und Industrie richtete sowohl 1873 zum 25-jährigen und 1898 zum
50-jährigen Regierungsjubiläum des Monarchen als auch 1879 zur Silberhochzeit des Kaiserpaares und zum 50. Geburtstag entsprechende Glückwunschadressen an Franz Joseph.
Ulla Fischer-Westhauser


Bild: Zur Silberhochzeit des Kaiserpaares, 1879. Überreicht vom Verwaltungsrat der Dampfschifffahrts-
gesellschaft des Österreichisch-Ungarischen Lloyd. Envelope


Bild: Zum 25-jährigen Regierungsjubiläum, 1873. Überreicht von der Stadtgemeinde Brody. Textblatt mit Brustbild des Kaisers

Ulla Fischer-Westhauser
geboren 1955 in Wien; Studium der Anglistik und Geschichte in Wien (Promotion); wissenschaftliche Mitarbeiterin bei „Westlicht. Schauplatz für Fotografie“; Ausstellungsprojekte und Publikationen zur Wirtschafts- und Fotografiegeschichte.

Vorwort

Die Österreichische Nationalbibliothek widmet diese Ausstellung Objekten, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Es sind stumme historische Zeugnisse, vorwiegend aus der letzten Epoche der Donaumonarchie, die uns aufgrund der oft aufwändigen kunsthandwerklichen Ausführung und der Inhalte interessante Einblicke in die Kultur und die gesellschaftspolitischen Strukturen ihrer Zeit geben.

Huldigungsadressen waren Glückwünsche an den Kaiser, die meist von Vereinigungen oder Körperschaften zu besonderen Anlässen wie Geburtstagen oder Hochzeits- und Regierungsjubiläen überreicht wurden. Der vormals offizielle Akt der Huldigung als formelle Anerkennung des Herrschers durch seine Untertanen wandelte sich im 19. Jahrhundert in einen freien Akt der Gratulation, die besondere Ergebenheit bzw. Dankbarkeit des Absenders dem Kaiser gegenüber ausdrücken sollte. Die Zusammensetzung dieser Absender verrät so auch einiges über nationale oder religiöse Minderheiten, die auf das Wohlwollen des Kaisers besonders angewiesen waren oder so ihre besondere Dankbarkeit zeigen wollten. Alleine aus Anlass der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares (1879) haben sich 760 Huldigungsadressen erhalten.

Die größte Sammlung dieser aus den verschiedenen Kronländern stammenden und zu unterschiedlichen Anlässen überreichten Objekte ist Teil der Fideikommissbibliothek, der privaten Familienbibliothek der Habsburger. Diese 1835 von Kaiser Franz I. als unteilbarer Familienbesitz eingerichtete Privatsammlung des habsburgischen Herrscherhauses wurde 1921 in die neu gegründete Nationalbibliothek integriert und ist heute im Bestand des Bildarchivs. Sie umfasst neben der privaten Büchersammlung der Habsburger mit etwa 117.000 Bänden auch einen umfangreichen Bestand an Porträts und Zeichnungen, wie etwa die bekannte physiognomische Sammlung von Johann Caspar Lavater.

Die Österreichische Nationalbibliothek widmet der Sammlung von Huldigungsadressen erstmals eine eigene große Ausstellung. Sie kommt damit ihrer Rolle als nationaler Gedächtnisinstitution nach, deren Aufgabe es ja gerade auch ist, Inhalte öffentlichkeitswirksam in Erinnerung zu rufen, die im kulturellen Gedächtnis der Gegenwart nicht mehr präsent sind. Sie würdigt damit im Besonderen auch das reichhaltige Kulturerbe der habsburgischen Sammlungen, dem die heutige Österreichische Nationalbibliothek einen großen Teil ihrer historischen Bestände verdankt. Vorausgegangen ist der Ausstellung eine sorgfältige Erschließung eines großen Teiles der insgesamt mehr als 3500 Objekte umfassenden Sammlung von Huldigungsadressen in den letzten Jahren.

Johanna Rachinger
Generaldirektorin der österreichischen Nationalbibliothek

Ausstellungsort: Prunksaal der
Österreichischen Nationalbibliothek
A-1010 Wien, Josefsplatz 1
Ausstellungsdauer: 27. April bis 28. Oktober 2007

auszugsweise aus

Geschenke für das Kaiserhaus
Huldigungen an Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth

Mit Beiträgen und Kommentaren von Emil Brix, Ulla Fischer-Westhauser, Harald Froschauer, Eva Hüttl-Hubert, Peter Karner, Elisabeth Klecker, Gabriele Kohlbauer, Thomas Leibnitz, Brigitte Mersich, Gabriele Praschl-Bichler, Uwe Schögl und Ulrike Scholda

Mit 260 Abbildungen

Österreichische Nationalbibliothek

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