Der Weg zur Adria
1282-1797


Der Hafen von Cattaro (Kotor), Dalmatien

Der einzig gangbare Weg für den Binnenstaat Österreich zum Meer führte zur Adria. Die frühe Erwerbung Triests bildete den wichtigsten Markstein hierfür.

Die Adria war das für den Binnenstaat Österreich nächstliegende Meer, und alle Intentionen seiner Herrscher, die See zu erreichen, waren südwärts gerichtet. Lediglich durch Wallensteins Siege im Dreißigjährigen Krieg gab es kurzfristige Hoffnungen auf eine österreichische Seeherrschaft im Norden – wobei der Feldherr mehr als der Kaiser davon geträumt haben mag. Die weitabliegenden belgischen Niederlande, die Österreich aus dem Erbe der spanischen Habsburger 1714 zufielen, beflügelten zwar die Ideen der Merkantilisten und ließen eine österreichische Ostindien-Kompanie kurzfristig im Kolonialhandel mitspielen; doch abgesehen davon, dass die flandrischen Häfen damals nicht mehr die große Bedeutung hatten wie im Mittelalter, konnte sich hier schon infolge der Entfernung von den Stammlanden keine österreichische Seemacht entfalten, und es dauerte nicht einmal ein Jahrhundert bis zum Verlust dieser österreichischen Niederlande.
Als Tor zu den Weltmeeren war für Österreich das Adriatische Meer das unmittelbar Erreichbare. Schon die späten Babenberger zeigten ihr Interesse am Weg zum Meer: Herzog Leopold VI. kaufte von den Herren von Castello das aquilejische Lehen Pordenone sowie die heimgefallenen Lehen der Andechser im Krainischen. Przemysl Ottokar II. war auf dem besten Weg zur Adria, indem er durch den Erwerb von Krain nahe an die Küste rückte und als Generalkapitän von Friaul und Schirmherr des Patriarchen von Aquileia diese erreichte.


Die frühen Habsburger folgten Ottokars Spuren. Durch ihre Verbindungen mit den Görzer Grafen wurden sie auch in deren Händel verwickelt. Die Görzer hatten sich kurzfristig in den Besitz von Triest gesetzt, mussten die Hafenstadt aber bald wieder aufgeben. Triest war Bischofsstadt gewesen, aber mit zunehmendem Reichtum wollte die Bürgergemeinde die geistliche Herrschaft abschütteln. Das aufstrebende Venedig hatte Triest 1202 tributpflichtig gemacht, und die Triestiner suchten durch Lavieren zwischen Venedig, dem Patriarchat Aquileia und den Grafen von Görz ihre Selbständigkeit zu erhalten.

Als neue Interessenten bemühten sich nun die Habsburger um einen Zugang zum Meer. Krain, an sich schon seit 1282 habsburgisches Lehen, aber an Görz verpfändet, doch 1335 an Habsburg zurückgefallen, bildete eine günstige Ausgangsbasis dorthin. Zwischen 1366 und 1374 wurde die Küste erreicht: die Herrschaft Duino und Inner-Istrien wurden Österreich einverleibt.

Durch den Sieg über Genua um 1380 war Venedig die übermächtige Herrin des östlichen Mittelmeers geworden. Den Triestiner Bürgern mag diese Seemacht in unmittelbarer Nachbarschaft unbehaglich gewesen sein. Ein erstes Kaufangebot der Habsburger schlug fehl, aber 1362 unterstellte sich Triest freiwillig dem Schutz Herzog Leopolds III. von Steiermark. Österreich hatte seine erste und im Lauf der Geschichte wichtigste Hafenstadt gewonnen.

Kaiser Karl VI. erklärte Triest – ganz im Sinne seiner merkantilistischen Wirtschaftspolitik – 1719 zum Freihafen. Durch den dadurch in Gang gesetzten Aufschwung konnte die Stadt viel stärker als Konkurrentin des damals schon im Niedergang befindlichen Venedig auftreten. Triest wurde zum wichtigsten Umschlagplatz des Nord-Süd-Handels der österreichischen Erblande. Daneben gewann, insbesondere, nachdem die türkische Gefahr gebannt war, Fiume (Rijeka) an Bedeutung. (Der Freihafen von Triest wurde erst 1891 aufgehoben und in das österreichisch-ungarische Zollgebiet eingegliedert).


Der Militärhafen von Pola (Pula), Istrien

Inzwischen hatten die Habsburger auch das Hinterland ihrer schmalen Küste – der größte Teil der istrischen Halbinsel war ja noch immer im Besitz des ihnen oft feindseligen Venedig – absichern können. Das Aussterben der letzten Görzer brachte ihnen 1500 die Grafschaft Görz und die Herrschaften Flitsch und Tolmein ein. Das Kronland auf diesem Territorium hieß bis 1918 „Görz und Gradisca“, und das kam so: Wie der slawische Name des Städtchens Gradisca besagt, handelte es sich um einen befestigten Ort, eine Verschanzung. Diese wurde 1478 von den Venezianern, allerdings auf Görzer Boden, angelegt. Als Maximilian Görz erbte, beanspruchte er auch Gradisca. Die Gradiscaner, zwischen Venedig und dem Kaiser hin und hergerissen, zeigten im Laute des folgenden Jahrhunderts immer deutlicher den Wunsch nach einer provinziellen Sonderstellung. 1647 verfügte Kaiser Ferdinand III. die Trennung Gradiscas und seines Umlandes von Görz und belehnte mit der „gefürsteten Grafschaft Gradisca“ Hans Anton von Eggenberg gegen Bezahlung einer hohen Geldsumme. 1717 starb das Haus Eggenberg aus, und Gradisca fiel wieder an Habsburg. Die Stände von Görz und Gradisca einigten sich 1754 auf die Wiedervereinigung der beiden Gebiete unter dem neuen Doppelnamen.

Napoleon machte Österreich durch seine Neuaufteilung Europas 1797 mit einem Schlag zu einer Seemacht: Kaiser Franz erhielt als Ausgleich für den Verlust Belgiens und der Lombardei im Frieden von Campo Formio das Gebiet der einstmals mächtigen, nun aber heruntergekommenen Republik Venedig. Es umfasste Venetien, Friaul, das westliche Istrien und die dalmatinische Küste mit ihren zahlreichen Inseln. Des Besitzes Venedigs konnte Österreich freilich nicht froh werden. Schon 1809 zwang Napoleon den Kaiser, Venedig an das neugegründete Königreich Italien abzutreten; aus den östlichen Teilen des habsburgischen Besitzes an der Adria – Triest, Istrien, Dalmatien, Krain, Kärnten, Kroatien – machte er 1809 die direkt Frankreich angeschlossenen „Illyrischen Provinzen“. Der Wiener Kongress brachte auch Venedig wieder unter österreichische Herrschaft. Doch kam es dort 1848 zum Aufstand und zur Ausrufung der Republik von San Marco. Der österreichische
General Haynau belagerte die Stadt; nach einem furchtbaren Bombardement mussten sich die Venezianer im Mai auf ihre Insel zurückziehen, im August ergaben sie sich Radetzky. Erst nach der Niederlage gegen Preußen (1866) musste Österreich, obwohl gegen Italien siegreich, auf Venetien (mit Friaul) zugunsten Napoleons III. verzichten, der es an das junge Königreich Italien abtrat.

Als Kronländer mit einer Seeküste verblieben der Monarchie bis zu ihrem Untergang das Küstenland (in Görz und Gradisca, Triest und Istrien vereint waren) sowie Dalmatien; ebenso reichte die ungarische Reichshälfte über kroatisches Gebiet an die Adria heran und besaß dort Fiume als wichtigste Hafenstadt. Bevorzugte Kriegshäfen der k.u.k Marine waren Pola (Pula) an der Südspitze Istriens und Cattaro (Kotor) in der Nähe der Grenze zu Montenegro.

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde Österreich auf seine Binnenlandstellung zurückgedrängt. Die Orientierung nach den Nordseehäfen wurde stärker, der langsame Niedergang Triests begann. Er beschleunigte sich zum Debakel, nachdem nach dem Zweiten Weltkrieg zuerst mit einer Freistaatlösung der Streit um Trieste/Trst zwischen Jugoslawien und Italien beigelegt werden sollte und die Stadt dann, bei der Teilung des Freistaates, zwar bei Italien blieb, aber ihr natürliches näheres Hinterland verlor.
Um Fiume wogte der Streit schon nach dem Ersten Weltkrieg. Durch den Handstreich des italienischen Nationalisten und Dichters Gabriele d’Annunzio wurde er 1919 für Italien entschieden. Nach dem Versuch einer Freistaatlösung wurde die Stadt 1924 mit Italien vereint; nur der Vorort Susak blieb den Jugoslawen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Hafenstadt, nun kroatisch Rijeka genannt, an Titos Jugoslawien abgetreten werden.

auszugsweise aus

Historischer Atlas Österreich
Manfred Scheuch

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