Das frühe Mittelalter
ca. 550 bis 1050

Aus der Epoche vom 5./6. bis zum 9. Jahrhundert haben sich keinerlei schriftliche Nachrichten über das Schicksal dieser Siedlung an der Donau erhalten, dennoch haben Untersuchungen auf der Basis von archäologischen und namenkundlichen Hinweisen ergeben, dass man mit dem Fortbestehen zumindest einer „Restsiedlung“ rechnen muss.


Grundriss der Stadt Wien zur Zeit Hzg. Heinrichs II. Jasomirgott (1141 – 1177).
Buchillustration, 1824

Der Schutz der noch bis in das 13. Jahrhundert fortbestehenden Reste der Lagerbefestigungen der Antike wurde auch weiterhin genutzt, und bereits in der Zeit der karolingischen Herrschaft dürfte es hier zu ersten Kirchengründungen gekommen sein.


Plan der Stadt Wien zur Zeit Herzog Heinrichs II. Jasomirgott 1141 – 1177
Buchillustration von 1824

Von einer Stadt oder auch nur von städtischen Strukturen kann freilich keine Rede sein, zumal für die 881 erstmals mit ihrem heutigen Namen belegte Siedlung im 9. und 10. Jahrhundert im Gefolge der ungarischen Expansion noch einmal schwere Zeiten anbrechen sollten.

Die Babenberger-Residenz
Obwohl die Siedlungskontinuität Wiens mittlerweile zweifelfrei feststeht, war die Zukunft der Siedlung um das Jahr 1000 noch völlig ungeklärt. Die Residenz des jeweiligen „Stadtherrn“ war bereits vom Berghof auf den Judenplatz verlegt worden, als die Babenberger den aufstrebenden Handelsplatz um 1130 erwarben.


Erste Erwähnung Wiens als civitas:
Tauschvertrag zwischen
Markgraf Leopold IV. und
Bischof Reginmar von Passau


Herzog Heinrich II. Jasomirgott
(1141 – 1177). Glasgemälde
im Brunnhaus des Stiftes
Heiligenkreuz, NÖ. Um 1290/1300

1156 wurde Wien Residenz des neuen Herzogtums und durch die Anwesenheit des Hofes auch zum kulturellen Zentrum des Landes. Nachdem die Siedlung noch im 11. Jahrhundert kaum zwei Drittel des römischen Lagers bedeckte, vergrößerte sie sich so sprunghaft, so dass Herzog Heinrich II. seine neue Residenz an der Westmauer der Stadt errichten musste. Der Gusthof, der vermutlich bereits existiert hatte, erhielt einen Palas und Wirtschafts-, Verwaltungs- und Wohnbauten sowie Vorratsgebäude, sämtlich um einen Hof angeordnet. „Am Hof“ entwickelte sich bald ein glanzvolles höfisches Leben, das u.a. gestattete, dass Heinrich II. und seine Gemahlin Theodora aus dem byzantinischen Kaiserhaus der Komnenen hier zwei Wochen lang Kaiser Friedrich I. Barbarossa bewirteten. Um 1275 begann man unter Przemysl Ottokar II. mit dem Neubau einer Burg nahe dem sogenannten „Widmertor“. In das aufgelassene Herzogsdomizil wurde die landesfürstliche Münze verlegt.

Wien und die Kreuzzüge
Österreich, seit ältesten Tagen ein Land des Durchzugs, lag als südöstlichstes Teilgebiet des deutschen Reiches abseits der eher vom Nordwesten des Kontinents bestimmten großeuropäischen Entwicklungen. Mit dem Aufleben des Kreuzzugsgedankens trat eine Situation ein, die Wien in entscheidender Weise am Gang der Dinge teilhaben ließ: 1098, 1147 und 1189 zogen die Heerscharen der ersten, zweiten und dritten Kreuzzuges durch die Hauptstadt von Österreich. Am ersten Zug nahm Ita von Formbach-Ratelnberg teil, die Mutter des Markgrafen Leopold III. Sie kehrte nicht aus dem Heiligen Land zurück. Am zweiten Kreuzzug ihres Stiefbruders, König Konrad III., nahmen Heinrich II. Jasomirgott und sein Bruder Otto von Freising teil. Ein hochwillkommener Effekt dieser Kreuzzugsteilnahme war die Vermählung Heinrichs mit einer byzantischen Prinzessin. Der Umstand, dass bei diesen Zügen eine Vielzahl von Menschen aller Stände und unterschiedlicher Volkszugehörigkeit das Donautal abwärts und durch Wien zogen, trug sicher zu einer Urbanisierung der Wiener Bevölkerung bei. 1172 wurde es bereits civitas metropolitana genannt – es wurde zum ersten mal „Weltstadt“. Vor allem der dritte Kreuzzug erwies sich dabei als besonders bedeutsam. Es stand die Rückeroberung des von den Seldschuken unter Saladin eroberten Jerusalem auf dem Programm, und während das deutsche Heer unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa abermals den weg über Wien nahm, wählten die Franzosen und Engländer den Seeweg.


Friedrich I. Barbarossa in Wien 1165 und 1189
Chronik des P. de Ebulo um 1197

Herzog Leopold V. nahm an der Spitze eines österreichischen Aufgebots an dem Kreuzzug teil. Nach dem Tod des Kaisers im Fluss Saleph in Anatolien übernahm Leopold 1190 den Oberbefehl über die Kreuzfahrer aus dem ganzen deutschen Reich. Der Kreuzzug brachte zwar die Eroberung von Akkon, erreichte aber nicht sein angestrebtes Ziel, die Rückeroberung Jerusalems. Vor Akkon war es zu einem Eklat gekommen: Der Englische König Richard I. Löwenherz ließ ein aufgepflanztes österreichisches Feldzeichen in den Schmutz treten. Leopold V., in seiner Ritterehre zutiefst beleidigt, kehrte vorzeitig nach Hause zurück. Sein Gegner Richard wurde auf der Heimreise durch ein Seeunglück gezwungen, den Landweg nach England über Österreich zu wählen. Er schien zu ahnen, was ihm bevorstand: Er entließ alle seine Begleiter und wählte selbst eine Verkleidung. Dennoch wurde er in der nähe von Wien erkannt und gefangen genommen. Die romantische Geschichte von dem Sänger Blondel, der seinen Herrn an einem Lied erkannte, fällt leider ins Reich der Fabel. Am Kreuzzug Kaiser Heinrichs VI. 1197/98, der, zwischen 3. Und 4. Kreuzzug gelegen, seltsamerweise keine „Nummer“ trägt, nahm Herzog Friedrich I. der Katholische teil. Wie seine Urahne Ita erlitt er den Tod in der Fremde; seine ausgekochten Gebeine wurden nach Österreich zurückgebracht und feierlich in Heiligenkreuz beigesetzt (1198). Die Kreuzfahrten Herzog Leopolds VI. des Glorreichen richteten sich in erste Linie gegen die Ketzer in Südfrankreich und Spanien; er unternahm jedoch 1217/1219 auch einen selbstständigen Kreuzzug nach Syrien und Ägypten.


Richard I. „Löwenherz“

Richard I. Löwenherz, * 8. 9. 1157 Oxford (GB), † 6. 4. 1199 Chalus (Haute-Vienne, F), Kg. von England. Maßgeblich am 3. Kreuzzug beteiligt, eroberte im Mai 1191 Zypern, leitete am 12. 7. 1191 die Eroberung von Akkon und geriet dort in Konflikt mit dem ö. Hzg. Leopold V. Auf der Rückkehr vom Kreuzzug wurde er am 21./22. 12. 1192 in Erdberg bei Wien gefangen genommen, bis März 1193 auf Burg Dürnstein verwahrt, dann an Ks. Heinrich VI. ausgeliefert, bis 4. 2. 1194 auf Burg Trifels (D) gefangen gehalten und dann gegen hohes Lösegeld freigelassen. Hzg. Leopold V. verwendete seinen Anteil zum Ausbau (insbes. der Befestigungsanlagen) Wiens und anderer Orte sowie zum Bau von Wr. Neustadt; auch die Anfänge der heutigen Münze Österreich AG gehen wahrscheinlich auf dieses Lösegeld zurück.

Die sensationelle Geiselnahme des Abendlandes

22.dezember 1192. Am Vorweihnachtsabend wird der englische König Richard Löwenherz vom Babenberger Leopold V. gefangen genommen. Der König befand sich inkognito auf der Rückreise vom Heiligen Land. Er wurde von Männern Leopolds VI. in der damaligen Vorstadt Erdberg erkannt und als Geisel genommen. Eine unerhörte Tat. Denn es handelte sich nicht nur um den König von England, sondern um den überall bekannten und von allen Minnesängern besungenen populären Monarchen von England, Herzog der Normandie, erbe von Anjou, Graf von Aquitanien, Graf von Poitou usw. Eine unerhörte Tat aber auch deshalb, weil nach damaligen Recht jeder, der einem Pilger Schaden antat, automatisch dem Kirchenbaum verfiel.


Gefangennahme des englischen Königs in Erdberg am 21./22. Dez. 1192
Chronik des P. de Ebulo. Um 1197

Leopold V. rechtfertigte seine Tat damit, dass Richard Löwenherz ihn bei der Eroberung von Akkon beleidigt hätte. Nach außen hin mag das seine Richtigkeit haben; in Wahrheit war diese Geiselnahme aber Teil der europäischen Großmachtpolitik. Der französische König Philipp August verlangte von dem englischen Monarchen schon lange die Herausgabe seiner französischen Besitzungen. Zu diesem Zweck hatte er mit dem deutschen Kaiser Heinrich VI. einen Vertrag geschlossen, der die Auslieferung des englischen Königs an den französischen König vorsah, sobald der Kaiser ihn gefangen nehmen konnte. Heinrich VI. hatte allen Grund, dem englischen König alles Üble zu wünschen, denn seine Familie, die Staufer, waren mit dem Welfen verfeindet, und die Welfen wieder waren mit dem englischen Königshaus verschwägert. Leopold V. wiederum, abgesehen von seinem Interesse, dem Kaiser gefällig zu sein, war vor allem an dem enormen Lösegeld interessiert, das zu erwarten stand. Während Leopold V. mit dem Kaiser um das Lösegeld verhandelte, wurde Richard Löwenherz in Dürnstein gefangen gehalten.


Ruine Dürnstein

Im März 1193 wurde er in Regensburg dem Kaiser übergeben. Bis zu seinem Tod im Jahre 1194 kassierte Leopold V. die geschätzte Summe von 30 000 Kölnischen Talern (was etwa 10 t Silber entspricht) und verwendete diese Summe nicht nur für den Ausbau Wiens, sondern vor allem für die Anlage und Befestigung von Wiener Neustadt.

Die Nibelungen in Wien

Aus dem Nibelungenlied:
Diu hohzit was gefallen an einen pfinxtac,
da der künec Etzel bi Kriemhilde lac in der stat ze Wiene.


Minnesänger und Musikantengruppe. Manessische Handschrift. 1300/40

Als Besitzer des unschätzbaren Nibelungenhortes tragen die burgundischen Fürsten im zweiten Teil des mittehochdeutschen Nibelungenlieds den Namen Nibelungen. Der unbekannte Verfasser des im Raum um 1200 entstandenen Epos griff Motive einiger mittlerweile verlorengegangener Heldenepen auf und formte sie zu dem großen einheitlichen Versepos von „Der Nibelungen Not“, dem Bericht von ihrer Reise donauabwärts an den Hof König Etzels (Attilas) im „Heunenland“ (Ungarn) und ihrem schrecklichen Ende.


Etzel empfängt Kriemhild vor Wien.
Nibelungenlied – Miniatur aus dem Hundehagenschen Kodex. Um 1504 – 1515

In Wien wird 17 Tage lang glänzende Hochzeit zwischen Kriemhild und Etzel gefeiert, der den Nibelungen bis Tulln entgegengekommen ist. (Herzog Leopold VI. dürfte in der Gestakt Rüdigers von Bechelaren eine dichterische Darstellung erfahren haben.) Wie noch heute für Wien sprichwörtlich, dürften dabei einige der tapferen Recken ordentlich gefeiert haben. „In schönem Schmucke fand man da Frauen ohne Zahl. / Sie empfingen wohl mit Ehren König Etzels Gemahl. / In Überfluss und Fülle war da für sie bereits, / Wes sie nur bedurften. Viel Degen allbereit / Sahn froh dem Fest entgegen…“, heist es in der Simrockschen Übersetzung. Und weiter: „Sie dachten nichts zu sparen, und wär’s das beste Gut. / Was einer wünschen mochte, man war dazu bereit, / … Von Silber und von Golde: das ward dahingegeben. / Man sah des Königs Helden so recht fröhlich alle leben. / Vor allem die Spielleute Wärbel und Schwemmelein nahmen jeder „wohl an die tausend Mark“ ein… Eine für Wien überraus charakteristische Szene: Angesichts einer ungewissen Zukunft tröstete man sich schon damals mit Wein, Weib und Gesang…

Text auszugsweise aus

Stadtchronik Wien
Dr. Christian Brandstätter, Dr. Günter Treffer
2000 Jahre in Daten, Dokumenten und Bildern
Von den Anfängen bis zur Gegenwart

mit freundlicher Genehmigung

Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.brandstaetter-verlag.at

Links

Virgilkapelle und Sammlung keramischer Bodenfunde
Mittelalterliche Kunst (Museum im Unteren Belvedere)

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