Das Attentat von Sarajewo
1914

Das Bild des Thronfolgers Franz Ferdinand in der österreichischen Öffentlichkeit war nicht von Beliebtheit geprägt. Der Sohn des Bruders von Kaiser Franz Joseph, Karl Ludwig, war der nächste in der Erbfolge
auf den Thron Habsburgs, nachdem sein Cousin Rudolf 1889 in Mayerling Selbstmord begangen hatte.

Franz Ferdinand führte den Titel Österreich-Este, den er zusammen
mit dem Vermögen des kinderlos verstorbenen letzten aus der Linie Habsburg-Este, Franz V., bis 1859 Herzog von Modena (gest. 1875), übernehmen durfte. Erst nachdem Franz Ferdinand von einem schweren Lungenleiden genesen war, ernannte ihn der Kaiser 1889 zu seinem Stellvertreter in allen militärischen Belangen. Die von Franz Ferdinand beharrlich durchgesetzte Heirat mit der nicht „standesgemäßen“ Gräfin Sophie Chotek war erst möglich geworden, nachdem er für allfällige Kinder aus dieser Ehe auf die Thronfolgerechte verzichtet hatte.


Das letze Foto vor dem Attentat

Franz Ferdinand bereitete sich sehr ernsthaft auf die Übernahme des Staates vor und war sich der Notwendigkeit von Reformen, die die Monarchie erhaltenen sollten, bewusst. Seine Militärkanzlei im Wiener Belvedere wurde zu einem politischen Zentrum, in dem rege innen- und außenpolitische Kontakte geknüpft wurden. Der Thronfolger betrachtete den Ausgleich von 1867, nach dem sich immer stärker separatistische Regungen Ungarns zeigten, als unglückliche Entscheidung. Er dachte daran, mit Unterstützung der Kroaten, Rumänen und Slowaken im ungarischen Reichsteil dessen Sonderstellung zu revidieren. Der Chef der Militärkanzlei, Alexander Brosch, arbeitete für ihn ein „Programm für den Thronwechsel“ aus. Darin wurde so etwas wie ein verfassungskonformer Putsch in Ungarn erwogen. Denn die ungarische Verfassung bestimmte, dass ein neuer Herrscher binnen sechs Monaten den Krönungseid zu schwören hatte. Dann war er an die ungarischen Verfassungsgesetzte gebunden. Doch, so der Kern der Erwägungen: in dem halben Jahr davor könnte der Herrscher ohne verfassungsmäßige Bindungen agieren. In diesem Vakuum sollte das allgemeine Wahlrecht in Ungarn eingeführt werden, wodurch der magyarische Adel und sein Anhang in die Minderheit geraten wäre. Wenn es zu Widerstand komme, wollte man auch Gewalt nicht ausschließen.
Obwohl Franz Ferdinand gegen die Aggressionspläne des Generalstabschefs Conrad von Hötzendorf war, arbeitete er mit diesem doch eng zusammen; das bestärkte die Vermutungen insbesondere in Serbien, dass Franz Ferdinand Kopf der Wiener „Kriegspartei“ sei. Auch ein Umbau des Staates, der den Südslawen mehr Rechte gegeben und sie so an die Monarchie gebunden hätte, war ganz und gar nicht im Sinne der serbischen Nationalisten. Während der Balkankriege wurden diese auch durch die Friedenspolitik Franz Ferdinands, der neben der Freundschaft zum Deutschen Reich auch eine Verbesserung der Beziehungen zu Russland suchte, an der Einverleibung Albaniens gehindert. Österreich konnte die Selbstständigkeit Albaniens durchsetzen, allerdings nicht in so weitgehenden Grenzen, wie sie nach den Vorstellungen Wiens den ethnischen, auch im Kosovo, entsprochen hätten. Das verärgerte nicht nur Serbien, sondern auch Italien, dessen Expansionsplänen in der östlichen Adria somit vorerst ein Riegel vorgeschoben war. Am 23. Juni 1914 trat Franz Ferdinand eine Reise nach Bosnien an, um dort als „Generalinspektor der gesamten bewaffneten Macht“ (seit 1913) Manöver abzuhalten. Inzwischen war seine Frau Sophie, nach der Heirat zur Herzogin von Hohenberg erhoben, nach Bad Ilidza in der Nähe von Sarajewo nachgekommen.

Am 28. Juni um 9.42 Uhr fuhr der Sonderzug mit dem Thronfolgerpaar vom Badeort nach Sarajewo ab, um 10.07 Uhr kam er dort an. Der Autokonvoi fuhr den Appel-Kai entlang zum Rathaus – die Route war der Bevölkerung bekannt.


Bild: Das „Automobil von Sarajevo“

Personenwagen Marke Graef & Stift, Baujahr 1910, 4 Zylinder, 28/32 PS. Links neben der Windschutzscheibe kleine Erzherzogsstandarte

Das Automobil blieb nach dem Attentat in Sarajevo in Verwahrung. Der Eigentümer, Franz Graf Harrach, widmete es Kaiser Franz Joseph, der die Überstellung in das k.u.k. Heeresmuseum verfügte. Von 1914 bis 1944 war der Wagen in der Feldherrenhalle ausgestellt. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er beschädigt, seit 1957 befindet er sich nach einer Restaurierung an seinem heutigen Aufstellungsplatz.
© Heeresgeschichtliches Museum Wien

Eine Gruppe junger Nationalisten, bosnische Serben und durchweg österreichische Staatsbürger, hatten beschlossen, die Anwesenheit des Thronfolgers zu einem Attentat zu nützen. Sie standen in Verbindung mit der Geheimorganisation „Vereinigung oder Tod“ („Schwarze Hand“) des serbischen Generalstabsoffiziers Dragutin Dimitrijevic (Deckname „Apis“).
Sechs Attentäter, die zuvor in einer Konditorei von dem Lehrer Danilo Ilic bewaffnet worden waren, hatten sich am Kai postiert. Als die Wagenkolonne vorbeifuhr, es war 10.26 Uhr, sprang der 19-jährige Nedeljko Cabrinovic von der Kaimauer auf und warf eine serbische Handgranate gegen das Auto des Thronfolgers. Sie explodierte aber erst unter dem nachfolgenden Wagen; in diesem wurde der Oberstleutnant Merizzi schwer verletzt.

Im Rathaus angekommen, machte Franz Ferdinand dem Bürgermeister heftige Vorwürfe. Danach wollte der Thronfolger zum Garnisonsspital, um den verletzten Offizier zu besuchen. Die Fahrtroute wurde abgeändert: Der Weg durch die innere Stadt sollte vermieden werden. Die Anordnung wurde aber nicht an die Chauffeure weitergegeben. So bog die Wagenkolonne am sogenannten Schiller-Eck in die Franz-Josef-Straße ein. Dort hatte Gavrilo Princip, ein 19-jähriger Student, gewartet. Als der Wagen des Erzherzogs, noch dazu gegen die Vorschrift viel näher beim Trottoir als üblich, um die Ecke bog, zog Princip – es war 10.50 Uhr – die Pistole und schoss. Er traf den Thronfolger und – wie er bei seiner ersten Aussage betonte, unabsichtlich – auch dessen Frau aus zweieinhalb Metern Entfernung. Während die Polizei die Menge davon abhalten musste, den Täter zu lynchen, fuhr das Auto mit den Schwerverletzten zum Museum, dann zum Krankenhaus Konak. Die Ärzte konnten dort nur noch den Tod der beiden feststellen. Sie waren inneren Blutungen erlegen.


Bild: Uniform von Erzherzog Franz Ferdinand und Chaiselongue, auf der der Thronfolger nach dem Attentat in Sarajevo am 28. Juni 1914 starb

Erzherzog Franz Ferdinand (1863-1914) und seine Gemahlin Herzogin Sophie von Hohenberg wurden während der Fahrt durch Sarajevo durch Schüsse aus der Pistole des Attentäters Gavrilo Princip tödlich getroffen. Das Projektil aus einer Browning-Pistole zerriss die Halsvene des Thronfolgers und verletzte die Luftröhre. An Rock und Hose sind starke Blutspuren sichtbar. Franz Ferdinand starb, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.
© Heeresgeschichtliches Museum Wien

Die ganze Verschwörergruppe war binnen weniger Tage verhaftet. Schon in der ersten Einvernahme zeigte sich, dass es Spuren gab, die nach Belgrad wiesen. Die Beteiligung der „Schwarzen Hand“ wurde spätestens bei dem Prozess in Saloniki, den die serbische Exilregierung 1917 gegen ihren früheren Generalstabschef wegen eines angeblichen Mordplans gegen Serbiens Thronfolger Alexander anstrengte, bestätigt; der Prozess endete mit der Hinrichtung von „Apis“. Ob auch serbische Regierungskreise in die Attentatspläne verwickelt waren, ist nie eindeutig geklärt worden.
Beim Prozess gegen die Attentäter, der im Oktober 1914 in Sarajewo abrollte, gab es fünf Todesurteile. Drei davon wurden vollstreckt; Princip und Cabrinovic wurden, weil sie noch nicht volljährig waren, zu jeweils 20 Jahren Kerker verurteilt. Sie und die anderen Verschwörer starben noch während des Krieges in österreichischen Haftanstalten, angeblich an Tuberkulose.
Kaiser Franz Joseph zeigte sich über den Tod des von ihm nicht geliebten Thronfolgers wenig erschüttert, und der habsburgische Standesdünkel wurde nicht einmal beim Begräbnis des „morganatisch“ verheirateten Paares überwunden. Nachfolger in der Thronanwartschaft wurde Franz Ferdinands Neffe Karl.

Für die Kriegspartei in Wien schien der Doppelmord von Sarajewo der willkommene Anlass, Serbien endlich „züchtigen“ zu können. Obwohl Serbien ein demütigendes Ultimatum Österreich-Ungarns bis auf einen in Wahrheit völkerrechtswidrigen Punkt – die Teilnahme österreichischer Kriminalbeamter an der Untersuchung der Verschwörung auf serbischem Boden – zu akzeptieren bereit war, erfolgte die Kriegserklärung. Aus der Polizeiaktion, die die Monarchie erhalten sollte, wurde der Flächenbrand des Ersten Weltkriegs, in welchem nicht nur die Monarchie selbst unterging.

DharmeshGeschichteDas Attentat von Sarajewo 1914 Das Bild des Thronfolgers Franz Ferdinand in der österreichischen Öffentlichkeit war nicht von Beliebtheit geprägt. Der Sohn des Bruders von Kaiser Franz Joseph, Karl Ludwig, war der nächste in der Erbfolge auf den Thron Habsburgs, nachdem sein Cousin Rudolf 1889 in Mayerling Selbstmord begangen hatte. Franz Ferdinand...