Anschluss 1938


Propaganda für die von Schuschnigg geplante Volksabstimmung.
Wahlwerbung der Vaterländischen Front. Abfahrt vom Josefsplatz.
10./11.3.1938. Foto: Leo Ernst – Albert Hilscher
aus „Hans Petschar; Anschluss – Eine Bildchronologie“
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Der „Anschluss“ stellt sich als dreifache Machtübernahme dar:
…als massive militärische Drohung durch den Einmarsch der Wehrmacht, begleitet von einer noch früher einsetzenden Polizeiaktion von Himmlers Gestapo; als Machtübernahme von einheimischen Nationalsozialisten und Sympathisanten, die sich bereits in niedrigeren wie auch höheren Positionen des „Ständestaates“ befanden; und als demonstrative Machtübernahme „von unten“ durch bedrohlich wirkende Straßendemonstrationen, offenen Aufmarsch von bislang verbotenen Parteiformationen und symbolische Aktionen.


Spontane Siegesfeiern der Nationalsozialisten in Wien.
NS-Truppauf einem Lastwagen. 11./12.3.1938. Foto: Dietrich
aus „Hans Petschar; Anschluss – Eine Bildchronologie“
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Der Propaganda kam hierbei eine besondere Schlüsselrolle zu. Ihre Wirksamkeit ergab sich aus dem Zusammenfließen von Inszenierung und Faszination. Propaganda ersetzte reale Macht, wo sie noch nicht ausgeübt werden konnte, schüchterte politische Gegner ein und weckte Hoffnungen bei den Anhängern. Der Aufbau des dazu nötigen Propagandaapparates schuf gleichzeitig Grundlagen für den zukünftigen Parteiapparat der NSDAP als eine die gesamte Gesellschaft durchdringende Organisation.


Hitlerjugend marschiert in Wien. 11./12.3.1938. Foto: Albert Hirscher
aus „Hans Petschar; Anschluss – Eine Bildchronologie“
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Auch Kinder wurden mobilisiert, um den „Anschluss“ propagandistisch zu unterstützen, sie waren als die Hoffnungsträger der neuen Zeit Adressaten der NS-Propaganda. Nationalsozialismus in Österreich bedeutete auch eine entscheidende Veränderung des Schulsystems, das sich widerstandslos und durchaus bereitwillig an die neuen Gegebenheiten anpasste.


Einzug von Truppen der Deutschen Wehrmacht in Wien.
Ein Panzerwagen wird von Wiener jugendlichen besichtigt.
13.3.1938. Foto: Albert Hilscher
aus „Hans Petschar; Anschluss – Eine Bildchronologie“
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Ausgerichtet auf die Erfassung des „ganzen“ Menschen, sollte dem einzelnen möglichst wenig individueller Spielraum gegeben werden. Persönliche Entscheidungen über Sinnbezüge des eigenen Lebens und Einsicht in gesamtgesellschaftlich-politische Zusammenhänge durften gar nicht aufkommen. Trotz der scheinbaren Zuwendung zu den Kindern war diese staatlich verordnete Pädagogik durch eine menschenverachtende Erniedrigungsideologie bestimmt, die im Rassenantisemitismus, der Doktrin vom „lebensunwerten“ Leben und der Abwertung von allem Fremden zum Ausdruck kam. Kameradschaftliches Handeln im Sinne der Solidarität mit den Schwächeren hatte in diesem Erziehungssystem keinen Platz. An seine Stelle traten gegenseitige Überwachung und Disziplinierung zur bedenkenlosen Ausführung von „oben“ gegebener Befehle.


Kundgebung der HJ mit Baldur von Schirach am Heldenplatz in Wien.
13.3.1938. Foto: Dietrich
aus „Hans Petschar; Anschluss – Eine Bildchronologie“
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Zentrale Leitlinie der nationalsozialistischen Politik im Kulturbereich war die Ausgrenzung jüdischer Künstlerinnen und Künstler, die in Deutschland seit 1933 durch eine Reihe von bürokratischen Maßnahmen vorgezeichnet war: Zwangsmitgliedschaft in den entsprechenden Fachkammern der Reichskulturkammer als unbedingte Berufsvoraussetzung, bei gleichzeitiger Ablehnung von „Nicht-Ariern“; totale politische Supervision des Sprech- und Musiktheaters, aber auch des Literatur- und Verlagsbetriebes sowie der Filmproduktion durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter der Leitung von Joseph Goebbels.


Hitler in Wien. Fahrt auf der Ringstraße.
14.3.1938. Foto: Albert Hilscher
aus „Hans Petschar; Anschluss – Eine Bildchronologie“
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Politisch „Unzuverlässige und Ungeeignete“ wie Kommunisten, Sozialisten, anti-nationalsozialistisch eingestellte Konservative, religiöse Aktivisten und Homosexuelle wurden ebenfalls „als Parasiten der Kultur“ ausgeschaltet. Gleichzeitig sollte der Hochkulturbetrieb für die Herrschaftsstablisierung instrumentalisiert werden, wobei letztlich keine neue „ur-deutsche“ („Blut- und Boden“-)Kulturbewegung geschaffen, sondern die bürgerliche Klassikerpflege (unter Ausschluss des Erbes toter und lebender jüdischer Künstlerinnen und Künstler) forciert wurde. Es genügte den Regimegrößen, nach innen und im Ausland zu dokumentieren, dass das scheinbar revolutionäre NS-Regime in der Nachfolge bürgerlicher und monarchistischer Herrschaftsträger stand. Noch intensiver gestaltete sich das NS-Engagement in der Unterhaltungsindustrie, vor allem im Film, in dem die „Wien-Film“ mit Produktionen voll von platter Operettenseligkeit weiter reüssierte. Unterhaltung war ein psychologisch geschickt inszenierter Versuch, von politischer Repression und der massiven rassistischen Verfolgung abzulenken. Künstlerinnen und Künstler ordneten sich – mit wenigen Ausnahmen des Widerstandes – vorerst rasch in das neue politische System ein, teilweise auch deswegen, weil die Arbeits- und Produktionsbedingungen vorerst aufgrund erhöhter staatlicher Ausgaben wesentlich besser waren als in den Zeiten hoher Arbeitslosigkeit.


Parade in Wien. Deutsche Panzerfahrzeuge in der Universitätsstraße;
im Hintergrund rechts die Votivkirche. 15.3.1938
aus „Hans Petschar; Anschluss – Eine Bildchronologie“
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Politischer Vereinnahmung wurde meistens nur im privaten Bereich und vereinzelt Hilfeleistung für verfolgte KollegInnen entgegengestellt. Der nationalsozialistische Staat bemühte sich sofort nach dem „Anschluss“, auch die Frauen für sich zu gewinnen. Die Propaganda rückte vor allem die Mütter in den Mittelpunkt. Diese vorgegebene Hochachtung der Mutterschaft sollte dazu dienen, die Frauen zur Geburt möglichst vieler „rassisch wertvoller“ Kinder anzuregen, um dem durch sinkende Kinderzahlen angeblich drohenden Abstieg des deutschen Volkes entgegenzuwirken.


Ein symbolträchtiges Plakat.
Die Männer sind an der Front;
die Frauen erzeugen Waffen.


Titelblatt des
Ausstellungskatalogs zur
Ausstellung „Entartete Musik“

Die Frauen sollten möglichst auf den Haushalt oder Sozialberufe beschränkt bleiben. Im Laufe des Krieges kam es jedoch zu einem empfindlichen Mangel an Arbeitskräften, so dass auch Mütter als Arbeiterinnen in die Rüstungsindustrie gezwungen wurden. Die Erziehung der Mädchen zielte eindeutig auf Haushalt und Mutterschaft ab. Im „Pflichtjahr“ mussten junge Mädchen unbezahlt in der Landwirtschaft, bei kinderreichen Familien oder in den Haushalten hochrangiger Nationalsozialisten arbeiten. Auf diese Weise sollten sie ihre zukünftige Tätigkeit als Hausfrau und Mutter einüben.


Göring am Heldenplatz. 27.3.1938
aus „Hans Petschar; Anschluss – Eine Bildchronologie“
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

In politischer Hinsicht waren die Frauen allerdings von jeder Mitwirkung ausgeschlossen, die nationalsozialistische Frauenorganisation war auf allen Ebenen männlichen Funktionsträgern unterstellt. Viele Frauen fanden es trotzdem reizvoll, nunmehr propagandistisch umworben zu sein, und passten sich den nationalsozialistischen Normen an. Frauen beteiligten sich auch an Verfolgungshandlungen und wurden so zu Mitbeteiligten an den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. Die Wertschätzung galt aber nur angepassten und den rassistischen Maßstäben entsprechenden Frauen. Jene, die sich dem Regime widersetzten, wurden ebenso rücksichtslos verfolgt wie Frauen, die mit Juden, Kriegsgefangenen oder Fremdarbeitern Beziehungen aufnahmen. Trotz der drohenden Verfolgung leisteten zahlreiche Frauen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Sie wurden in Gefängnissen oder Konzentrationslagern inhaftiert; selbst junge Mütter wurden hingerichtet. Aus Osteuropa als Zwangsarbeiterinnen ins Deutsche Reich gebrachte Frauen waren völlig rechtlos; ihnen war es sogar verboten, Kinder zu bekommen, und bei ihnen wurden zwangsweise Abtreibungen vorgenommen, falls sie trotzdem schwanger wurden.
In der nationalsozialistischen Propaganda standen die „nationalen“ Motive des „Anschlusses“ im Vordergrund.


Marsch der Österreichischen Legion durch das Heldentor.
1.4.1938. Foto: Albert Hilscher
aus „Hans Petschar; Anschluss – Eine Bildchronologie“
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Doch der wirkliche Grund des Einmarsches in Österreich war ein anderer: 1938 stieß die deutsche Rüstungswirtschaft an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Die Fortsetzung der Aufrüstung schien in Frage gestellt. Denn es mangelte an Rohstoffen, Arbeitskräften, freien Industriekapazitäten und – nicht zuletzt – an Devisen zum Import rüstungswichtiger Güter. Nicht der Autobahnbau oder andere Arbeitsbeschaffungs- Maßnahmen hatten im Deutschen Reich seit 1933 die Arbeitslosigkeit reduziert, sondern die Vorbereitung eines neuen Krieges.


Klebeaktion der HJ. März 1938
aus „Hans Petschar; Anschluss – Eine Bildchronologie“
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Das „Blitzkrieg“-Konzept sollte Deutschland in die Lage versetzen, ein Land nach dem anderen seinem Einflussbereich einzuverleiben und mit dem so gewonnen Zuwachs an Wirtschaftskraft den jeweils nächsten Gegner auszuschalten. Im Rahmen des 2. Vierjahresplans, der 1936 unter der Federführung Hermann Görings ausgearbeitet worden war, hatte neben der Entwicklung von Ersatzstoffen (etwa für Gummi und Erdöl) die Sicherung des Zugangs zu nicht-substituierbaren Gütern (wie dem Eisenerz aus dem steirischen Erzberg) oberste Priorität.

Es ist daher kein Zufall, dass Österreich und die sogenannten sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei mit ihren reichen ökonomischen Ressourcen schon vor 1938 im Blickfeld des Nationalsozialismus lagen und dass diese Länder als erste „angeschlossen“ wurden. An Österreich interessierten neben dem Erzberg die ungenutzten Wasserkräfte, die Erdölvorkommen im Marchfeld, die Schwerindustrie, der Maschinenbau und die Gold- und Devisenreserven der Oesterreichischen Nationalbank, die jene der Deutschen Reichsbank 1938 um ein Vielfaches übertrafen.

Text auszugsweise aus

DÖW – Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
NS-Herrschaft in Österreich
www.doew.at

Bilder auszugsweise aus

Hans Petschar: Anschluss – Eine Bildchronologie

• Sensationell und unveröffentlicht:
• Neu aufgetauchte Bilder aus der Nationalbibliothek
und Filmarchiven
• Erste präzise Bildchronologie der Ereignisse in Österreich 1938
• Offizielle Propagandabilder gegenüber Privataufnahmen
und unveröffentlichtem Material
• Fotos und unbekannte Wochenschau-Stills im Vergleich
• Vom renommierten Historiker Hans Petschar,
Autor von »Die junge Republik«

Format 22,7 x 27cm
208 Seiten mit 250 Abbildungen

ISBN 978-3-85033-193-7

DharmeshGeschichteAnschluss 1938 Der 'Anschluss' stellt sich als dreifache Machtübernahme dar: ...als massive militärische Drohung durch den Einmarsch der Wehrmacht, begleitet von einer noch früher einsetzenden Polizeiaktion von Himmlers Gestapo; als Machtübernahme von einheimischen Nationalsozialisten und Sympathisanten, die sich bereits in niedrigeren wie auch höheren Positionen des 'Ständestaates' befanden; und...