2. Weltkrieg
Mit Deutschland und Italien war Österreich in diesen Jahren eingekreist von Staaten faschistischer Prägung. Sowohl dem politischen wie dem wirtschaftlichen Druck vermochte das Land immer weniger standzuhalten, und im März 1938 erfolgte der „Anschluss“ an Hitler-Deutschland. Adolf Hitler, der anlässlich seines ersten Besuches im Wiener Rathaus davon sprach, dieser „Perle“, der Stadt Wien, eine würdige Fassung geben zu wollen, sollte mit seiner Politik freilich nicht nur über Europa und die Welt, sondern auch über Österreich und Wien schweres Leid bringen.


VW Typ 82 „Kübelwagen“
Von 1939 bis 1945 wurden über 50.000 Stück hergestellt.
Exponat im Heeresgeschichtlichen Museum – © Citype

Der in Wien seit vielen Jahrhunderten, vor allem aber seit der Jahrhundertwende herrschende Antisemitismus verband sich mit der letztlich auf die Vernichtung des jüdischen Bevölkerungselements gerichteten Politik der Nationalsozialisten, und im November 1938 fielen die Wiener Synagogen, damit die Zentren des religiösen wie sozialen Lebens der jüdischen Mitbürger, der Zerstörungswut des „Novemberpogroms“ („Reichskristallnacht“) zum Opfer.


Der Fieseler Fi 156 „Storch“ war das bekannteste Kurier- und Beobachtungsflugzeug im 2. Weltkrieg. Exponat im Heeresgeschichtlichen Museum – © Citype

Bereits im Oktober 1938 war es zu einer umfassenden Gebietserweiterung von Wien gekommen, wobei man Vorbildern, wie etwa Groß-Hamburg, folgte. 97 niederösterreichische Gemeinden kamen damals zu Wien, die Zahl der städtischen Bezirke (bisher 21) stieg auf 26, die Erweiterung reichte in alle Himmelsrichtungen tief in bisher niederösterreichisches Gebiet hinein, das Stadtgebiet hatte sich verdreifacht.


Schwere Feldhaubitze

In diesem territorialen Rahmen erlebte die Stadt und ihre Bevölkerung die Jahre des Zweiten Weltkriegs, der im Gegensatz zu den Geschehnissen der Jahre 1914 – 1918 nun auch Wien unmittelbar betraf. Ab dem Jahre 1943 erfolgten immer wieder Bombenangriffe der Alliierten, das Kriegsende in den Apriltagen des Jahres 1945 sah Kampfhandlungen mitten in der Stadt.


Die brennende Staatsoper. 12. März 1945
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

„Wien an der Donau“


Bild zeigt einen Soldaten mit seiner Familie Archivbild 1943
© Pressebildagentur Votava

Nach 1938 brach in Wien eine Planungseuphorie aus. Die führenden Kräfte in der Stadtverwaltung entwickelten Neugestaltungsprojekte in gigantischem Ausmaß: eine Monumentalstraße auf den Kahlenberg, wurde entworfen (1938), ein „Kultbezirk“ auf dem Heldenplatz (1940), vor allem dachte man aber an ein Näherrücken Wiens an die Donau, einmal durch die Schaffung einer „Nordstadt“ für 150 000 Menschen zwischen Floridsdorf und Kagran, zum andern durch die Schaffung eines riesigen Aufmarsch- und Festgeländes in der Verlängerung der Ringstraße über den Donaukanal. Es war vorgesehen, die Leopoldstadt, die Wiener Judenstadt, völlig abzubrechen, die Vertreibung ihrer Bewohner war ja längst im Gang. Am donauseitigen Ende des „Parteiforums“ sollte ein offizieller Ankunftsplatz für Gäste samt einem Zentralbahnhof entstehen, am stadtseitigen unter Schleifung der Gegend um Ruprechtskirche und Kirche Maria am Gestade ein alle historischen Bauten überragendes „Nationaldenkmal“. Nicht zuletzt, weil das von Hitler gehasste Wien seiner Jugend nicht zu den „Neugestaltungsstädten“ erklärt worden war, kamen die Pläne von „Wien an der Donau“ bald zum Erliegen.

Wien und das „Ostmarkgesetz“


Kriegsbetrieb
© Pressebildagentur Votava

1.Mai. Das „Ostmarkgesetz“ tritt in Kraft. Für Wien bringt es die endgültige Umwandlung von einer Landes- in eine reichsunmittelbare Verwaltung unter dem Reichstatthalter. Der Bürgermeister singt zu dessen Stellvertreter in der Stadtverwaltung herab und nimmt lediglich den Rang eines Ersten Beigeordneten (etwa: Stadtrat) ein. Diese so genannte „Selbstverwaltung“ Wiens ist auf politisch unwichtige und administrative Aufgaben beschränkt. Gezielte Kommunalpolitik wird ab 1938 dem Ausbau von Industrie- zu Rüstungsunternehmen (Simmeringer Paukerwerke, Floridsdorfer Waggonfabrik, DDSG) und kriegssichernden Maßnahmen (Flaktürme ? 1944) untergeordnet.

Spenden und Sammlungen


Posthelferinnen bei der Arbeit in einer Postsammelstelle

Bald nach dem „Anschluss“ lernten die Wiener auch im täglichen Leben reichsdeutsche Besonderheiten kennen: die unzähligen Sammlungen, die auf der Straße in Wohnhäusern und Betrieben durchgeführt wurden. Da war ab Oktober 1938 die Eintopfspende mit dem verordneten sonntäglichen Eintopfessen in Gasthäusern und Haushalten als „Ausdruck der deutschen Volksgemeinschaft“; es gab die wiederkehrenden Sammlungen für das Winterhilfswerk (WHW).


Metallspendeschein aus dem Jahr 1940 – © Citype

Anfang 1940 etwa wurde in Wien mit großem Aufwand eine derartige Sammlung veranstaltet, für die viele Schauspieler der Gauhauptstadt auf Plätzen und in Lokalen Stimmung machen mussten. Für eine Spende – die Aktion brachte 551 000 Reichsmark – erhielt man Alt-Wiener Lokalfiguren aus Bakelit an den Rockaufschlag bzw. Mantelkragen geheftet. Gesammelt wurde in diesen Kriegsjahren nicht nur Geld, sondern auch Altpapier, Knochen, Metall, Lumpen, Bücher, Flaschen, Spielzeug und – im Spätherbst 1941, als sich zeigte, dass die Soldaten an der Ostfront nur unzureichend ausgerüstet waren – Winterkleidung und Skiausrüstungen. Der letzte „Großsammeltag zum Volksopfer“ im Jänner 1945 kam dem Zwang gleich, auch die letzten Reserven zu geben: Vorhänge, Kleider, Öfen, Essbesteck…

Mühsamer Kriegsalltag


Mappe, Schultasche, Gürtel und Behältnisse aus Lederersatz (Kunststoffdispersionen).

6.April. Lebensmittel werden knapper. In den drei Kriegsjahren ist das tägliche Leben härter und mühsamer geworden Längst hat man sich an die Essensbeschaffung mit Lebensmittelkarten, an Ersatzstoffe und an Sparrezepte gewöhnt: „Stellt nur Pellkartoffeln, Erdäpfel mit Schöler, auf den Tisch!“
Ab dem Winter 1941/42 jedoch wird die Ernährungslage prekär; Normalverbraucher erhalten 1942 neben 2000 Gramm Brot, 206 Gramm Fett und 300 Gramm Fleisch 3(1044: 1) Kilo Kartoffeln in der Woche und 2 (1943: 1) Eier im Monat. Obst und Gemüse gibt es selten, Sonderzuteilungen von Knoblauch, Wild oder gar Bohnenkaffee werden freudig begrüßt. Auch Schuhe, Heizmaterial und Dinge des täglichen Gebrauchs wie Nähnadeln, Papier und Seife sind Mangelware – man ist aufs Improvisieren oder auf „Vater Schleich“ angewiesen.


Frauen im Kriegseinsatz bis zuletzt an der Arbeit
© Pressebildagentur Votava

Zu den wichtigsten Schleichhandelsgütern zählen die seit Jänner 192 rationierten Zigaretten. Der Gasthaus- und Hotelbetrieb wird, da nicht „kriegswichtig“, stufenweise eingeschränkt, die Wiener müssen auf den Heurigen verzichten: mit 29.Mai 1942 wird der Buschenschank untersagt.


Frauen in Fabriken
© Pressebildagentur Votava

Widerstand
Der kampflose Untergang Ö. mit dem Anschluss an Deutschland am 13. 3. 1938, die totale nat.-soz. Machtergreifung, die sofortigen und umfassenden Verfolgungsmaßnahmen, die beispiellose Propaganda- kampagne sowie verschiedene anschlussfreundl. Erklärungen ö. Institutionen und Persönlich- keiten (v. a. die der ö. Bischöfe und ein Zeitungsinterview von K. Renner) führten dazu, dass eine breitere Formierung von illegalen Organisationen gegen den Nationalsozialismus erst im Sommer und Herbst 1938 begann.


Zeichen der österreichischen Widerstandsgruppe „05“ am Stephansdom
© Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.

Im Unterschied zu anderen besetzten Ländern hatten in Ö. die Widerstandskämpfer in einer von Denunzianten und fanat. Regimeanhängern durchsetzten Umwelt zu wirken. Die größten organisierten Gruppierungen gehörten der Arbeiterbewegung (hauptsächl. in den Ind.-Zentren in OÖ.) und dem kath.-bürgerl. Lager an. Innerhalb dieser beiden Lager verflossen im Widerstand die Grenzen zw. Sozialdemokraten, Kommunisten und anderen Linksgruppen einerseits und ehem. Christl.-Soz. und Heimwehrangehörigen sowie Monarchisten und Katholiken andererseits. Die einzelnen Widerstandsgruppen waren von polit., ideolog., religiösen, soz., ethischen und ö.-patriot. Motivationen geprägt. Wesentlichste Aktivität war die Verbreitung illegaler Druckwerke, wie Streuzettel, Flugblätter und Ztschr. Damit sollte das Meinungsmonopol des NS-Regimes durchbrochen werden. Die (in Ö. schon ab 1935/36) verbotene Glaubensgemeinschaft „Internationale Bibelforschervereinigung“ (Jehovas Zeugen) stellte die Ablehnung des Wehrdiensts in den Mittelpunkt ihres Widerstands. Ab 1942 bildeten sich, meist auf Initiative von Kommunisten, bewaffnete Widerstandsgruppen (v. a. slowen. Partisanen in S-Kä., Gruppe Leoben-Donawitz). Gegen Ende des Kriegs formierten sich vielfach überparteil. Widerstandsgruppen, deren Aktivisten aus verschiedenen polit. und soz. Lagern stammten; sie wollten u. a. sinnlose, verlustreiche Kämpfe verhindern. Die größte dieser Widerstandsgruppen war die Gruppe 05, die mit der militär. Widerstandsgruppe im Wehrkreiskommando XVII in Wien (unter der Leitung von Major C.Szokoll) in Verbindung stand (K. Biedermann, A. Huth, R. Raschke). Die Ti. Widerstandsbewegung unter K.Gruber konnte die Stadt Innsbruck noch vor dem Eintreffen der ersten US-Truppen befreien. Der nichtorganisierte Widerstand bzw. das Oppositionsverhalten von einzelnen reichte von antinazist. Haltung und defätist. Äußerungen über das verbotene Abhören ausländ. Sender bis hin zur Sabotage und zur Hilfeleistung für Verfolgte (Juden, Fremdarbeiter, Kriegsgefangene u. a.). Etwa 2700 Österreicher wurden als aktive Widerstandskämpfer zum Tod verurteilt und hingerichtet, und ca. 32.000 Österreicher (Widerstandskämpfer und Opfer präventiver Verfolgung) starben in Konzentrationslagern und Gefängnissen, insbes. der Gestapo. Geschätzte 15.000 Österreicher kamen als alliierte Soldaten, als Partisanen oder im europ. Widerstand um. Rd. 100.000 Österreicher waren aus polit. Gründen inhaftiert. Zwar erfolgte die Befreiung Ö. vom NS-Regime ausschließl. durch die Streitkräfte der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, doch diente der Widerstandskampf der polit.-moral. Rehabilitierung Ö. und war im Hinblick auf den in der Moskauer Deklaration der Alliierten (1. 11. 1943) von den Österreichern geforderten eig. Beitrag zu ihrer Befreiung von eminentem polit. Wert. Das in Widerstand, Verfolgung und Emigration gewachsene Bekenntnis zu Ö., zur staatl. Unabhängigkeit und nationalen Eigenständigkeit, wurde zu einer der wesentl. geistig-polit. Grundlagen der Zweiten Republik.

Text auszugsweise aus

aeiou – das kulturinformationssystem des bm:bwk
14.000 Stichwörter und 2000 Abbildungen aus Geschichte, Geographie, Politik und Wirtschaft Österreichs
www.aeiou.at

Links

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Österreichisches Staatsarchiv
Historisches Museum der Stadt Wien
Jüdisches Museum
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

DharmeshGeschichte2. Weltkrieg Mit Deutschland und Italien war Österreich in diesen Jahren eingekreist von Staaten faschistischer Prägung. Sowohl dem politischen wie dem wirtschaftlichen Druck vermochte das Land immer weniger standzuhalten, und im März 1938 erfolgte der 'Anschluss' an Hitler-Deutschland. Adolf Hitler, der anlässlich seines ersten Besuches im Wiener Rathaus davon...