2. Türkenbelagerung


Entsatzschlacht von Wien 1683, Zeitgenössisches Gemälde (F. Greffels)

Seit dem Tode Süleymans des Prächtigen im Jahre 1566 übten die Großwesire im Reich die Macht aus. Die Sultane waren nur mehr am Palastleben und nicht am Kriegführen interessiert, dies brachte eine Destabilisierung der Staatsstruktur mit sich. Der Verfall des Reiches wurde im Westen allerdings nicht wahrgenommen.
Nach der Einnahme Ungarns richteten die Osmanen dort 5 Paê alÏ ks ein um ihre Machtstellung zu sichern. Die Habsburger setzten Maßnahmen gegen die unmittelbare Bedrohung durch die Osmanen an der Reichsgrenze. Sie siedelten sogenannte „Wehrbauern“ in Kroatien an und bauten Festungen im Grenzgebiet aus, die mit Söldnern besetzt wurden.


Türkischer Plan der Belagerung Wiens, 1683

Der ehrgeizige Großwesir Kara Mustafa Paê a, der der berühmten Familie der Köprülus sehr nahe stand, beschloss im Jahre 1682 einen Kriegszug gegen Kaiser Leopold I. Er wurde durch den ungarischen Magnaten Emmerich Graf Thököly, der von König Ludwig XIV mit Geld unterstützt wurde, in seinem Vorhaben bestärkt.
Alle Friedensbemühungen der Habsburger schlugen fehl und daher schlossen die Österreicher einen Allianzvertrag mit Johann III Sobieski, König von Polen, um bei einer möglichen Offensive der Osmanen gewappnet zu sein. Papst Innozenz XI war wesentlich am Zustandekommen der österreich-polnischen Allianz beteiligt.
Am 19. Oktober 1682 verließ eine Armee von 200.000 Mann mit 300 Geschützen Istanbul, überwinterte in Edirne und erreichte am 3. Mai 1683 Belgrad, wo Sultan Mehmed IV seinem Großwesir Kara Mustafa Paê a den Oberbefehl über das Heer übertrug. Dieser zog bis Stuhlweißenburg, wo eine Versammlung der Paê as abgehalten und Wien als Ziel dieses Feldzuges bekanntgegeben wurde. Die tatarische Vorhut, bestehend aus 40.000 Mann, überquerte die Raab und am 7. Juli kam es zu Gefechten bei Petronell. Am gleichen Tag verließ Kaiser Leopold I mit seiner Familie Wien und flüchtete nach Linz. Graf Ernst Rüdiger von Starhemberg übernahm die militärische Führung in der Stadt.


Großwesir Kara Mustafa
Gemälde 1696


Ernst Rüdiger von Starhemberg
Gemälde um 1683

Nach der ersten Türkenbelagerung des Jahres 1529 ließ Kaiser Ferdinand I die veralteten Befestigungsanlagen Wiens ausbauen. Die moderne Anlage umfasste 12 durch Wälle (Kurtinen) verbundene Bastionen. Vor den Kurtinen befanden sich V-förmige Ravelins (von den Wienern Schanzl genannt) und das Glacis, welches der Verteidigung ein freies Schussfeld ermöglichte. Den Wienern standen 16.000 Soldaten zur Verfügung und die Kavallerie Herzog Karls V von Lothringen stand auf dem linken Donauufer bereit.
Tataren drangen bis ins Alpenvorland (Lilienfeld, Melk und Schottwien) vor, indem sie befestigte Orte umgingen. Sie plünderten und verwüsteten weite Landstriche, was sich für die Versorgung der osmanischen Truppen als Nachteil erwies.


Darstellung der Minen- und Laufgräben vor den Basteien.

Die Hauptarmee der Osmanen traf am 13. Juli in Schwechat ein und am nächsten Tag wurde die Zeltstadt halbkreisförmig zwischen St. Marx und Oberdöbling errichtet. Die Prunkzelte Kara Mustafas standen auf der heutigen Schmelz. Am 15. Juli forderten die OsmanenGraf Starhemberg zur Übergabe der Stadt auf. Als dieser ablehnte, begann der Belagerungskrieg.
Kara Mustafa konzentrierte seine Kräfte an der Burg- und Löwelbastei und dem dazwischen liegenden Burgravelin. Der Großwesir ließ Laufgräben ausheben mit deren Hilfe die Türken das Glacis geschützt überwinden konnten. Die türkische Artillerie feuerte unaufhörlich und die 310 Geschütze der Wiener schossen zurück, während die ersten Minen an der Burgkurtine explodierten.

Türkische Standarte (Sandschak)

Rote und grüne Seide, um 1683

Das Mittelfeld dieses vor Wien im Jahre
1683 erbeuteten osmanischen Feldzei-
chens enthält den Kernsatz des islami-
schen Glaubensbekenntnisses: „Es ist
kein Gott außer Allah und Mohammed
ist sein Prophet“. Die Randborte zeigt die
Verse 1 und 6 der 48. (=Sieges-) Sure
des Korans.
© Heeresgeschichtliches Museum Wien

Mit großer Hartnäckigkeit konnten die Verteidiger das Vordringen der Türken verzögern, bis schließlich am 4. und 8. September große Breschen in die Bastionen gesprengt wurden. Nach Sturmangriffen der Osmanen, die anfangs erfolgreich abgewehrt werden konnten, nahmen diese den Burgravelin und einige Tage später auch den Niederwall zwischen Löwel- und Burgbastei ein.
In Wien herrschten Nahrungsmittelknappheit und die Ruhr und es gab nur noch 4.000 kampfbereite Männer zur Verteidigung, Graf Starhemberg traf Vorbereitungen für einen Häuserkampf und die erschöpfte Wiener Bevölkerung hoffte auf ein baldiges Eintreffen des Entsatzheeres.


Belagerung und Entsatz der Stadt Wien 1683
Gemälde vor 1689
Das Entsatzheer, das vom Kahlenberg herabzieht, wird vom polnischen
König Johann III. Sobieski (im Vordergrund) angeführt.
Die Osmanen verlassen fluchtartig ihre Stellungen.
© Heeresgeschichtliches Museum Wien

Am 15. August marschierte der polnische König Johann Sobieski mit seiner Armee von Krakau aus Richtung Wien. Die Donau konnte ungestört überquert werden, da Karl von Lothringen zuvor Thökölys Truppen und ein türkisches Hilfskorps beim Bisamberg geschlagen hatte. Sobieski vereinte sich mit den Truppen der Sachsen, den Kaiserlichen, den Bayern und den fränkisch-swäbischen Reichstruppen bei Tulln. Das 70.000 Mann starke Entsatzheer erreichte am 11. September 1683 den nördlichen Ausläufer des Wienerwaldes, bildete die Schlachtordnung und stand am 12. September am Kahlenberg.
Der in polnischen Diensten stehende französische Ingenieur Dupont notierte in seinem Tagebuch folgendes:
Großer Gott! Welch ein Schauspiel bot sich unseren Augen vom Scheitel dieses Berges (heutiger Kahlen-, damals Schweinsberg) dar! Der ungeheure Raum von prächtigsten Zelten übersät, denn auch die Insel Leopoldstadt ist damit bedeckt. Das fürchterliche Gedonner aus den Feuerschlünden der feindlichen Batterien und die erwidernden Schüsse von den Stadtmauern erfüllen die Lüfte. Rauch und Flammen verhüllten die Stadt dergestalt, dass nur die Spitzen der Türme dazwischen sichtbar waren. Überdies aber breiteten sich 200.000 Osmanen in Schlachtordnung vor ihrem Lager in der Strecke von der Donau bis an die Gebirge aus, und weiter links von den Türken zogen ungezählte Tatarenhorden gegen die Höhen und Waldungen heran, ihrer Sitte gemäß in Haufen und Unordnung. All dies war in voller Bewegung und rückte gegen das christliche Heer vor.


Leopold I. betritt nach der Schlacht das Zelt des Großwesirs.
Stich von J. J. Vogel, 1683

Großwesir Kara Mustafa hatte es verabsäumt Infanterieeinheiten im Wienerwald zu stationieren. Obwohl er wusste, dass das Entsatzheer nahte, hatte er wahrscheinlich zu wenig einsatzfähige Soldaten zur Verfügung. Vermutlich wollte er in den Verschanzungen bei Nußdorf und Heiligenstadt einen Abwehrkampf führen. Die Verteidigungslinie der Türken konnte durchbrochen werden und besonders die Polen lieferten sich heftige Gefechte mit den Tataren bei Dornbach und am Schafberg. Nachdem der Truppenkern der Osmanen aufgerieben worden war, ergriffen die Türken überstürzt die Flucht. Sie sammelten sich bei Raab und zogen nach Belgrad ab, wo Kara Mustafa am 25. Dezember auf Befehl des Sultans erdrosselt wurde.
Das Reich der Habsburger brauchte lange Zeit um sich von der Verwüstung Niederösterreichs und dem Menschenraub durch die Türken zu erholen. Dennoch wurde durch diesen Sieg der Christen die schrittweise Zurückdrängung des osmanischen Machtbereichs in Europa eingeleitet


Prinz Eugen von Savoyen

DharmeshGeschichte2. Türkenbelagerung Seit dem Tode Süleymans des Prächtigen im Jahre 1566 übten die Großwesire im Reich die Macht aus. Die Sultane waren nur mehr am Palastleben und nicht am Kriegführen interessiert, dies brachte eine Destabilisierung der Staatsstruktur mit sich. Der Verfall des Reiches wurde im Westen allerdings nicht wahrgenommen. Nach...