Wein aus Wien

Eine Weinprobe mitten in den Wiener Weinbergen gefällig? Dann machen Sie sich auf den Weg nach Heiligenstadt. An der Ecke Kahlenberger Straße / Wildgrubgasse liegt eine Riede namens „Rothen“. Dort finden Sie eine kleine Holzhütte, in der Sie die besten Tropfen aus Heiligenstadt probieren können: Chardonnay, Weißburgunder, Rheinriesling, natürlich auch Grünen Veltliner sowie Blauen Zweigelt und Cabernet. Den Hüttenausschank haben vier Winzer aus Heiligenstadt ins Leben gerufen, die gleichzeitig Betreiber von stadtbekannten Heurigen sind: von „Mayer am Pfarrplatz“, „Feuerwehr Wagner“, „Werner Welser“ und „Muth“. „Zu den vier Winzern“ heißt der Ausschank im Weinberg, womit Gemeinsamkeit demonstriert wird. Von September bis Juni ist die Hütte an Sonn- und Feiertagen geöffnet, jeweils zwei der Winzer schenken dann höchstpersönlich ihren Wein aus. Wer Fragen zum Weinbau, zum Ernten oder Keltern hat, erhält hier fachkundige Antworten. Oder man genießt einfach den Wein, die prächtige Aussicht auf die Stadt und das Gefühl, mitten in jenen Weinbergen zu stehen, auf denen der Wein wächst, der einem gerade eingeschenkt wurde. Weil man fürs Trinken eine „Unterlage“ braucht, gibt es in der Hütte Schnitzelsemmerl, Würstl und Aufstrichbrote. Und auch für einen süßen Abschluss des Ausflugs auf den Kahlenberg ist gesorgt: Den „ausgezogenen“ Strudel (mit einem besonders dünnen Teig), der je nach Saison mit Marillen, Erdbeeren, Heidelbeeren, Äpfeln oder Weichseln gefüllt ist, sollte man unbedingt probieren

In welcher Großstadt hat der Weinanbau eine derartige wirtschaftliche Bedeutung wie in Wien? Jährlich werden hier rund 20 000 Hektoliter Wein produziert, das sind umgerechnet 16 Millionen Achterl. Der größte Teil wird freilich nicht in Flaschen abgefüllt verkauft, sondern aus dem Fass oder Tank im Keller direkt in die Buschenschänken gepumpt und dort ausgeschenkt. Der Heurige ist der Inbegriff der Wiener Gemütlichkeit und der beste Werbeträger für den Wiener Wein. Allerdings wird er gleichzeitig mit Massenkonsum in Verbindung gebracht. Und dagegen wehren sich die vier Heiligenstädter Winzer.

Sie bewirtschaften Schiefer-, Schotter-, Lehm- und Lössböden, insgesamt handelt es sich um eine Weinanbaufläche von 55 Hektar. „Auf 80 Prozent unserer Anbaufläche erzeugen wir Weißwein, die häufigste Traubensorte ist der Grüne Veltliner, bei den Rotweinen der Blaue Zweigelt. Typisch für den Heurigenausschank ist bei uns der so genannte ‚Gemischte Satz‘“, sagt der studierte Kellermeister Andreas Wagner, einer der vier Heiligenstädter Winzer. Für den traditionellen Gemischten Satz werden verschiedene Traubensorten, die in einem Weinberg ineinander gemischt stehen, gemeinsam gelesen und zu einem Wein verarbeitet. Neuerdings ist es üblich, die Rebsorten zu trennen, also sortenrein anzubauen. Die Moste werden dann später miteinander verschnitten, um den typischen Heurigenwein herzustellen.

Heuriger heißt nicht nur die Buschenschank, so darf vielmehr der Wein vom Martini-Tag des Lesejahres, dem 11. November, bis zum Martini-Tag des folgenden Jahres bezeichnet werden. Der vorhergehende Jahrgang wird zum Altwein erklärt. „Am Heiligen Martin kommt unser Pfarrer und tauft den jungen Wein“, erzählt Michaela Wagner vom Heurigen „Feuerwehr Wagner“, den sie mit ihrem Bruder Franz führt. Dieser Heurige ist besonders beliebt wegen seines weitläufigen Gartenbereiches samt modernem Kinderspielplatz. Im Winter sind die Plätze direkt an den beheizten alten Kachelöfen sehr begehrt. Der „Feuerwehr Wagner“ ist seit drei Jahrhunderten in Familienbesitz, sein Namenspatron, Josef Wagner, war um 1900 der letzte Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr von Heiligenstadt. Andreas Wagner, der Bruder von Michaela und Franz, hat einen eigenen Weinberg gepachtet. Sein Heuriger „Muth“ wartet mit einem besonders lauschigen Gastgarten auf. Der unmittelbare Nachbar von Andreas Wagner ist Werner Welser. Stars aus der Welt der Klassischen Musik trinken hier besonders gerne ihren Heurigen, was wohl damit zusammenhängt, dass Werner Welser ein großer Opernfan ist. Der Winzer Michael Ruthner und seine Schwester Gabi Felsenreich sind im Betrieb ihres Onkels Werner Welser angestellt. Michael Ruthner besuchte, genau wie Andreas Wagner, die Weinbauschule in Klosterneuburg. Seine Arbeit begeistert ihn: Er kommt aus dem Weinkeller und erzählt: „Heute früh schmeckte der ‚Sturm‘ – die Bezeichnung für den trüben Traubenmost während der Gärung – noch ganz anders als jetzt um vier Uhr nachmittags.“ Beim „Mayer am Pfarrplatz“, dem größten der vier Heiligenstädter Heurigenbetriebe, finden im Schankraum 450 und im Garten noch einmal 450 Leute Platz. 1817 wohnte Beethoven in diesem Haus, weil es damals in Heiligenstadt ein Heilbad gab, von dem er sich eine Besserung seines Ohrenleidens erhoffte. Auch Robert und Einzi Stolz kamen gerne hierher. Vielleicht mochten sie Krautfleckerl und hausgemachte Blutwurst mit Sauerkraut, die Buffet-Favoriten vom „Mayer am Pfarrplatz“, ebenso gern wie die meisten Besucher.


Die Grundlage für die heutige Heurigenkultur schuf Kaiser Joseph II. im Jahr 1784 mit einer Verordnung, die jedem Bürger die Freiheit gab, die von ihm selbst hergestellten Lebensmittel zu verkaufen und Wein sowie Obstmost auszuschenken. Die üppigen Theken mit Surbraten, Backhendl und gegrillten Stelzen gab es beim Heurigen aber nicht von Anfang an. Früher versorgte man sich gerne auch mit selbst Mitgebrachtem, was übrigens auch heute noch erlaubt ist. Damals zog der „Salamutschimann“ mit einem

Bauchladen voller Wurst von Buschenschank zu Buschenschank, andere trugen Brezeln auf einer geschulterten Stange und boten sie den Gästen an. Fliegende Händler mit kandierten Früchten, türkischem Honig und Krachmandeln sind in den Wiener Heurigen auch heute noch anzutreffen.

Allen vier Winzern gemeinsam ist ein langer Arbeitstag: Die Verpflichtungen im Weinberg, im Weinkeller und schließlich im Heurigen machen täglich 14 bis 15 Stunden aus. Auf die Frage, ob sie mit jemand anderem tauschen möchten, antwortet Andreas Wagner: „In einer Großstadt im Einklang mit der Natur zu leben und zu arbeiten ist doch ein unheimlicher Reichtum. Wenn mir frühmorgens Fasane, Rehe und sogar die – vom Aussterben bedrohten – Smaragdeidechsen über den Weg laufen, dann weiß ich ganz genau, wo ich hingehöre.“

Die vier Heiligenstädter Winzer und Heurigen:

Mayer am Pfarrplatz
Am Pfarrplatz 2
A 1190 Wien

+43-(0)1- 370 12 87

Feuerwehr Wagner
Grinzingerstraße 53
A 1190 Wien

+43-(0)1- 320 24 42

Ing. Werner Welser
Probusgasse 12
A 1190 Wien

+43-(0)1- 318 97 97

Muth
Probusgasse 10
A 1190 Wien

+43-(0)1- 370 22 47
Echt wienerisch
Über Leute und ihre Läden in Wien

Wieso lieben es viele Wiener, sich bereits vormittags in den Gewölben des Esterházykellers zu treffen? Warum sieht man nach einem Besuch beim Friseur Georg Warmuth „ehrlicher“ aus? Wie kommt die blaue Zuckerperle auf das Konfekt von Altmann & Kühne? Was weiß die „Linen-Lady“ von der „Schwäbischen Jungfrau“ am Graben über die Bettwäsche der Kaiserin Sisi zu verraten?

„Echt wienerisch“ handelt von Leuten und ihren Läden, von Spezialisten und Individualisten, die gerade durch ihr unvergleichliches Sortiment, durch Originalität und Phantasie überzeugen.

Die Autorin Ernestine Stadler und der Fotograf Frank Taubenheim haben 30 „Wiener Oasen“ aufgespürt, die uns ein Stück Lebensqualität schenken, ohne das wir alle ärmer wären.

DharmeshEssen & TrinkenWein aus Wien Eine Weinprobe mitten in den Wiener Weinbergen gefällig? Dann machen Sie sich auf den Weg nach Heiligenstadt. An der Ecke Kahlenberger Straße / Wildgrubgasse liegt eine Riede namens „Rothen“. Dort finden Sie eine kleine Holzhütte, in der Sie die besten Tropfen aus Heiligenstadt probieren können: Chardonnay, Weißburgunder,...