IM WIRTSHAUS

EINE GESCHICHTE DER WIENER GESELLIGKEIT
Essen, trinken, Schmäh führen, Karten spielen, anbandeln, politisieren. Als Ort der Geselligkeit ist das Wiener Wirtshaus seit Jahrhunderten ein Fixpunkt. Doch als Mythos rangiert es hinter Kaffeehaus und Heurigem. Denn das Beisl ums Eck steht für städtischen Normalbetrieb. Zugleich ist es ein Mikrokosmos des Alltäglichen.


Johann Michael Neder
In der Schenke, 1847
Öl auf Leinwand
© Wien Museum

Das Wirtshaus existiert in vielen Varianten. Um 1800 wird von dumpfen Weinkellern ebenso berichtet wie von gutbürgerlichen Gaststätten. Der Trakteur war eine Frühform der Schnellgastronomie, in der Weinhalle versackten die stillen Zecher.
Vor 150 Jahren waren riesige Etablissements mit Extrazimmern und Tanzsälen populär. Und es entstanden in den schnell wachsenden Arbeiterbezirken zahllose kleine Beisln.
Im 20. Jahrhundert hatte das Wirtshaus oft mit anderen Nahversorgern wie den Schnellimbissen zu kämpfen, dazu kam der Verlust des Ausschank-Monopols. Nach der Beisl-Renaissance Ende der 70er Jahre kann man heute von einer Blüte der Wiener Gasthauskultur sprechen: Das Spektrum reicht vom Edel-Wirtshaus mit neu interpretierter Wiener Küche bis zum erdigen Beisl. Bei aller Verschiedenheit gibt es typische Merkmale eines Wirtshauses: Die Stehschank mit der wuchtigen Kühlwand, der Stammtisch, die Schiefertafel mit den Klassikern der Wiener Fleischküche. Aber es kommt auch auf den Besuchermix an – und auf die „organisierte“ Geselligkeit: Im halböffentlichen Raum des Wirtshauses treffen sich seit jeher Stammtischrunden, Vereine und politische Gesinnungsfreunde.

Was ist typisch für ein Wiener Wirtshaus? Sind es die Wirtsleute? Die „Budel“? Oder das Maggi-Ensemble? Trotz vieler Varianten lassen sich gewisse Konstanten feststellen. So ist die klassische Einrichtung eines Wirtshauses standardisiertes anonymes Design, Resultat eines über Jahrhunderte optimierten Funktionalismus.
Von solchen generellen Überlegungen ausgehend, eröffnet sich ein historisches Panorama der Wiener Gastwirtschaft. Früheste Spuren führen in die Römerzeit. Erst kürzlich wurde im heutigen 3. Bezirk eine römische Garküche von Archäologen entdeckt. Fundstücke daraus sind in der Ausstellung erstmals öffentlich zu sehen. Diese Attraktion ist der Wiener Stadtarchäologie zu verdanken, die in monatelanger Detailarbeit den Fund gesichert und wissenschaftlich bearbeitet hat.

Neulerchenfeld: von 155 Häusern 83 Wirtshäuser


Hans Schließmann
Wählerversammlung, 1885
© Wien Museum

Öffentliche Wirtshäuser im heutigen Sinne entstanden erst in der Neuzeit, wobei im 19. Jahrhundert ein richtiger Boom einsetzte. Dieser machte sich vor allem in den Vororten bemerkbar, denn außerhalb des Linienwalls waren Essen und Trinken auch aus steuerlichen Gründen preiswerter. Als Fallbeispiel wird Neulerchenfeld vorgestellt, das als „Größtes Wirtshaus des Heiligen Römischen Reiches“ bezeichnet wurde. 1803 hatten dort von 155 Häusern 83 Bier- oder Weinausschank. Typisch für die Wirtshauskultur der Zeit war auch das Etablissement Schwender in Fünfhaus, das neben Weinhalle, Bierkeller, Sängerstube und Kegelbahn große Tanzsäle umfasste. Dort spielten unter anderem Johann und Josef Strauß mit ihren Orchestern auf.
Mit dem rasanten Bevölkerungswachstum in den Arbeiterbezirken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg auch die Zahl der einfachen Beisln, die lange Zeit wichtige Nahversorger-Funktionen übernahmen. Neue Einkaufsmöglichkeiten und veränderte Konsumgewohnheiten führten spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem „Wirtshaussterben“. Die Ausstellung führt bis in die jüngste Vergangenheit inklusive der Beisl-Renaissance ab den 1970er Jahren. Der Begriff „Beisl“ wurde in dieser Zeit von seinem negativen Image befreit und zugleich erweitert. Mit „Beisl“ bezeichnete man ab sofort auch die boomenden Szenelokale.

DharmeshEssen & TrinkenIM WIRTSHAUS EINE GESCHICHTE DER WIENER GESELLIGKEIT Essen, trinken, Schmäh führen, Karten spielen, anbandeln, politisieren. Als Ort der Geselligkeit ist das Wiener Wirtshaus seit Jahrhunderten ein Fixpunkt. Doch als Mythos rangiert es hinter Kaffeehaus und Heurigem. Denn das Beisl ums Eck steht für städtischen Normalbetrieb. Zugleich ist es ein Mikrokosmos des...