Pathologisches – Anatomisches Bundesmuseum
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Der Narrenturm

Die Rolle der Kontrolle

Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Pro Geschoss fügen sich 28 Zellen in die Kreisordnung, jede ausgestattet mit zwei Betten und einem Mauerschlitz als Fenster nach außen. Nach innen zu, zum wiederum kreisrunden Hof, gehen die Türen, und sie sind in einer Exaktheit radial angeordnet, dass eine einzige, in der Mitte postierte Aufsichtsperson alles im Blick und damit im Griff hat. Um das Auge des Aufsehers, gleichsam die Nabe eines Rades, dreht sich das Geschehen. Dieses Auge ist das Zentrum der Anlage, denn es gilt die Internierten gut unter Kontrolle zu halten, die geistig Verwirrten, die „Narren“, für die dieses nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen gestaltete Etablissement geschaffen wurde.

Neu, das bedeutete in jenem Jahr 1784, als der „Narrenturm“ eröffnet wurde, mit dem luziden Geist der Aufklärung versehen. Wer dort einsaß, hatte ein spezifisches Krankheitsbild vorzuweisen: Früher, in den alten Hospitälern, war alles zusammengefasst, was es an Delinquentem, Pathologischem, Straffälligem und sonst wie aus dem Verkehr Gezogenem gab. Der „Narrenturm“ dagegen war Ergebnis eines strengeren Vergleichs, einer besseren Analyse und einer individualisierenden Methode. So gesehen ist dieses Gebäude eine Vorform der Nervenheilanstalt. Therapieren und Beaufsichtigen gingen Hand in Hand.

Eine solche Komplizenschaft von Heilen und Hindern macht den „Narrenturm“ zum Paradebeispiel für jenes Regime, das Michel Foucault in seiner 1975 erschienenen, epochalen Studie „Überwachen und Strafen“ eingehend und mit Folgen für die Theorie der Moderne überhaupt untersuchte. Es gab eine genuine Architektur für dieses Regime, jene Rundbauten mit zentralem Kontrollraum, wie sie der Narrenturm exemplarisch zeigt. Im Jahr 1791 wird ihr der britische Physiokrat Jeremy Bentham einen Traktat widmen. Seither nennt man das planerische Prinzip „Panopticon“. Foucault übernahm davon seinen Begriff einer „panoptischen“ Gesellschaft.

Die Panoptik ist für Foucault eines der Charakteristika der gesamten Moderne, bezeichnend besonders für ihren Umgang mit der Gewalt. Diese Gewalt übt sich nunmehr in bis dato unbekannter Subtilität und Zurückhaltung aus, sie wird geradezu einschmeichelnd, indem sie sich in die einzelnen Personen selbst verlegt. Gewalt sublimiert sich zur Disziplin. „Die Disziplin“, so Foucault, „hält eine aus Beziehungen bestehende Macht in Gang, die sich durch ihre eigenen Mechanismen selber stützt und aufsehenerregenden Kundmachungen ein lückenloses System kalkulierter Blicke vorzieht. Dank den Techniken der Überwachung vollzieht die Physik der Macht ihren Zugriff auf den Körper nach den Gesetzen der Optik und der Mechanik und in einem Spiel von Räumen, Linien, Schirmen, Bündeln, Stufen und verzichtet zumindest im Prinzip auf Ausschreitung und Gewalt. Diese Macht ist scheinbar um so weniger körperlich und physisch, je gelehrter und physikalischer sie ist.“



Bild: Narrenturm, erbaut 1784, anonymes Aquarell, um 1850, Spitalgasse
© Verlag Christian Brandstätter
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Um in der Rekonstruktion zum panoptischen Prinzip der Moderne zu gelangen, ließ Foucaults Darstellung keine Gelegenheit zur Drastik aus. Berühmt geworden sind die minutiös schildernden Augenzeugenberichte, die der Meisterdenker in seinem Buch zitiert, um die Politik der Martern, wie sie in den diversen Ancien Régimes praktiziert wurde, vor Augen zu stellen. Eine solche Politik der Schmerzzufügung, die bevorzugt um die Autorität des Souveräns bemüht ist, wird im Zeitalter der Nationalstaaten dann aufgelöst. Nicht, dass es keine Folter mehr geben würde, doch selbst die krassesten Totalitaristen des 20. Jahrhunderts verabreichen sie hinter den Kulissen. Offizielle Praxis sind nun die Maßnahmen der Disziplinierung, ihre Instanzen die Arbeitslager und Gefängnisse, Besserungsanstalten und Erziehungsheime.

Doch auch diejenigen, die nie auf-, geschweige denn straffällig geworden sind, unterliegen deren Techniken der Einvernehmung, Uniformität wird produziert von den vielerlei Mikro-Justizen, die die Gegenwart seit 200 Jahren beherrschen. Foucault zählt einige auf: „Eine Mikro-Justiz der Zeit (Verspätungen, Abwesenheiten, Unterbrechungen), der Tätigkeit (Unaufmerksamkeit, Nachlässigkeit, Faulheit), des Körpers („falsche“ Körperhaltungen und Gesten, Unsauberkeit), der Sexualität (Unanständigkeit, Schamlosigkeit)“.

Individualität ist dabei, so rekonstruiert es Foucault in einer der spannendsten Volten seines gesamten Werkes, das durchaus unbeabsichtigte Ergebnis. Der Macht geht es um Disziplinierung und Uniformierung, und ihre Mittel, sie durchzusetzen sind Beobachtung und Kontrolle. Doch wer genau hinsieht, entdeckt bevorzugt die Unterschiede. In dieser exakt justierten Optik tun sich plötzlich Besonderheiten auf. Wer gleichschalten will, muss mit jedem auf eine spezifische Weise verfahren. Der genuine Mechanismus der Moderne ist damit die Entdeckung der Differenz über das Bestreben nach Entdifferenzierung.

Wer in den „Narrenturm“ kam, war dort, um von der Gesellschaft entfernt zu werden. Doch wer dort war, konnte damit rechnen, so etwas wie Patientenstatus zu bekommen. Wer dort war, dem konnte geholfen werden, wieder, wie es so heißt, ein „nützliches Mitglied der Gesellschaft“ zu werden. Wem geholfen wurde, der bedurfte keines Gewahrsams mehr. Deren Funktion übernahmen dann wieder das Selbst und seine Kontrolle.

auszugsweise aus

Rainer Metzger; Der Tod bei der Arbeit
Gewalt der Bilder : Bilder der Gewalt
Ein Führer für Wien
Mit 40 Abbildungen in Farbe
Verlag Christian Brandstätter. Wien

mit freundlicher Genehmigung

Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.brandstaetter-verlag.at

Der Narrenturm

IX. Bezirk (Alsergrund), Narrenturm, Hof 13 des Alten Allgemeinen Krankenhauses, Eingang von der Sensengasse; Straßenbahnlinie 40/41/42 von der U-Bahn-Station Schottentor (U2).

Im IX. Bezirk (Alsergrund) steht das Neue Allgemeine Krankenhaus (AKH), bekannt als das größte Krankenhaus Europas. In der nahe gelegenen, passend benannten Spitalgasse befindet sich sein Vorläufer, das noch berühmtere Alte Allgemeine Krankenhaus, 1784 gegründet vom Aufklärer-Kaiser Josef II. (1765-1790). Zu seiner Zeit war das Krankenhaus eines der modernsten der Welt, es konnte 2000 Betten vorweisen. Zahlreiche weltberühmte Ärzte und Chirurgen sind hier ein und aus gegangen, darunter der Psychiater Julius Wagner-Jauregg (1857-1940), der 1927 für seine Entdeckung der therapeutischen Bedeutung der Malariaimpfung bei der progressiven Paralyse den Nobelpreis erhielt.

Die alten Innenhöfe des Spitals sind heute ein belebter Universitätscampus; in einem davon steht eine Kuriosität, die als Narrenturm bekannt ist. (Das Gebäude wurde nach einem berühmten österreichischen Kuchen, der eine ähnliche Form besitzt, auch Guglhupf genannt.) Er wurde 1784 nach einem Entwurf des Hofarchitekten Isidor Canevale erbaut; der zylinderförmige Turm sollte als Anstalt für Geisteskranke dienen. Zum ersten Mal wurden hier die so genannten Irren an einem Ort untergebracht und behandelt, anstatt zur Schau gestellt und gedemütigt zu werden. Der Turm hat fünf Stockwerke mit je 28 zentral beheizten Zellen, die von einem zentralen Innenhof aus eingesehen werden können. Nicht alle Insassen des Turms jedoch saßen dort zu Recht; ein Beispiel ist der Fall des Grafen Seilern, der beim Kaiser in Ungnade fiel, weil er seinen Sohn hatte einsperren lassen; der hatte sich nämlich geweigert, das ihm von seinem Vater zugedachte Mädchen zu heiraten.

Der nach 1866 still gelegte Turm enthält heute das Pathologisch-Anatomische Bundesmuseum, eine aufschlussreiche, wenn auch etwas gruselige Sammlung von etwa 4000 Exponaten (mit vielen Abnormitäten und Missbildungen) in Formaldehyd (darunter die weltweit größte Sammlung von Nieren und Gallensteinen). Die 1796 gegründete, ursprünglich in der Prosektur des Alten AKH untergebrachte Sammlung stammt von den etwa 600 Leichen, die pro Jahr aus dem Spital kamen, sowie von Autopsien, die auf höhere Anweisung angeordnet wurden. Das Museum enthält auch mehr als 2000 Nachbildungen aus Paraffinwachs von kranken Körperteilen und im Erdgeschoß eine Rekonstruktion von Robert Kochs Entdeckung des Tuberkulosebazillus im Jahr 1882.

Der Alsergrund besitzt zahlreiche andere medizinische Assoziationen; hier befinden sich zahlreiche Universitätsinstitute, Ärzte und natürlich auch die Ordination von Sigmund Freud. Dazu gibt es noch das Josephinum in der Währinger Straße 25; es wurde 1785 eröffnet, um die Medizinisch-chirurgische Akademie zu beherbergen, die von Kaiser Josef II. (1765-1790) zur Ausbildung von Sanitätern und Militärärzten gegründet worden war. Seit 1920 befindet sich hier das Museum des Instituts für Geschichte der Medizin, das eine einmalige Sammlung von lebensgroßen anatomischen Wachsmodellen enthält (Wachspräparatesammlung). Sie wurden vom Kaiser 1780 nach einem Besuch in Florenz beim Florentiner Physiologen Felice Fontana und dem toskanischen Anatomen Paolo Mascagni in Auftrag gegeben. Die besonders realistisch wirkenden Figuren wurden aus ukrainischem Bienenwachs modelliert.

Text auszugsweise aus

Duncan J. D. Smith; Nur in Wien
Ein Reiseführer zu sonderbaren Orten, geheimen Plätzen und versteckten Sehenswürdigkeiten
Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer
Fotografien von Duncan J. D. Smith

„Die Straßen Wiens sind mit Kultur gepflastert, die Straßen anderer Städte mit Asphalt.“ Karl Kraus (1874-1936)
Wien ist sicherlich eine der großartigsten und zugleich homogensten Hauptstädte in Europa. Und es ist eine der faszinierendsten. Die Überfülle an Reiseführern, die es zu kaufen gibt, präsentiert dem nicht allzu anspruchsvollen Besucher eine märchenhafte (und leicht zugängliche) Fülle an Museen, Kirchen, Palais und kulinarischen Lokalitäten, und sie erzählen von der Geschichte der Stadt seit den Zeiten der Römer über jene des Habsburgerreiches bis zur Gegenwart.

mit freundlicher Genehmigung

Christian Brandstätter Verlagsgesellschaft m.b.H.
Das Verlagsservice für Museen, Unternehmen und öffentliche Stellen
www.brandstaetter-verlag.at

DharmeshGesundheitPathologisches - Anatomisches Bundesmuseum A 1090 Wien, Spitalgasse 2 +43-(0)1- 406 86 72 +43-(0)1- 406 86 72 - 5 pat@via.at Der Narrenturm Die Rolle der Kontrolle Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Pro Geschoss fügen sich 28 Zellen in die Kreisordnung, jede ausgestattet mit zwei Betten und einem Mauerschlitz als Fenster nach außen....